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Aufmachergrafik zu Die großen Kriminalfälle
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Der dramatische Abstieg des Bubi Scholz

Info-Box: Dieser Film wird am Donnerstag, 05.12.2013, um 22:30 Uhr im SWR Fernsehen wiederholt.

Bubi Scholz und seine Frau Helga (Bild: WDR/ dpa/picture-alliance)Bildunterschrift: Bubi Scholz 1971 an der Bar der Villa des Ehepaars im Berliner Westend. Das Gewehr ist ein Geschenk eines Fans. 13 Jahre später wird er damit seine geliebte Frau Helga erschießen. ]

Der 23. Juli 1984 ist ein heißer Sommertag. An diesem Sonntag gerät hinter der weißen Fassade einer Villa im schicken Berliner Westend die Welt zweier Menschen aus den Fugen. In den Abendstunden fällt ein Schuss. Und am nächsten Morgen wird Bubi Scholz verhaftet, das frühere Box-Idol, der einstige Liebling der Berliner Gesellschaft. Seine Frau Helga liegt tot in der kleinen Gästetoilette. Bubi Scholz soll sie in der Nacht erschossen haben.

Die Menschen sind fassungslos. Die zwei galten immer als Traumpaar, haben sich jung kennengelernt, sie hat ihn immer unterstützt, war bei jedem Karriereschritt an seiner Seite. Undenkbar, dass er seine geliebte Helga erschossen haben soll.

Bubi Scholz (Bild: WDR/ dpa/picture-alliance) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Der Berliner Arbeiterjunge Gustav Scholz, bald nur noch "Bubi" genannt, boxte sich von Sieg zu Sieg und war zum Inbegriff des Aufstieges nach dem Krieg geworden. ]
Anfang der 50er Jahre hatte er, der Arbeiterjunge, sich von Sieg zu Sieg geboxt, war zum Inbegriff des Wiederaufstiegs nach dem Krieg geworden. Hatte sich nach einer schweren Tuberkulose mit eisernem Willen wieder hochgekämpft – immer unterstützt von seiner Helga: klug, schlagfertig, aus gutem Hause, die Frau seines Lebens. Er wurde Deutscher Meister, dann Europameister. Man fuhr schicke Autos, Helga trug Pelz, ein Glamourpaar. 1962 wollte er Weltmeister im Halbschwergewicht werden, die gesamte Berliner Prominenz verfolgte den Kampf – und erlebte Bubis Niederlage. Drei Jahre später gab er das Boxen auf – aber der "Scholz-Effekt", wie er es nannte, wirkte noch ein paar Jahre weiter.

Doch hinter der Fassade sah es anders aus. An diesem Sonntag hatten beide, wie so oft, getrunken, gegammelt, gestritten – bis Helga sich in der Toilette einriegelt. Er will sie da rausholen, holt ein Gewehr, das er mal geschenkt bekommen hat, setzt es zusammen, schießt durch die Tür. Dann trinkt er weiter, legt sich schlafen, wacht früh um 4 Uhr auf, sucht seine Frau. Beim Versuch, die Toilettentür aufzubrechen, zertrümmert er das Gewehr. So finden ihn die Mieterinnen im Hause, die, vom Lärm geweckt, hinunter gehen. Als sie die Tür endlich aufgebrochen haben, liegt Helga tot am Boden. Bubi schaut nicht hin – "Ich wollte Helga da doch nur rausholen!" sagt er immer wieder, als er verhaftet wird.

Bubi Scholz (Bild: WDR/ dpa/picture-alliance) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: 1984 – längst lebte Bubi Scholz nur noch in seiner ruhmreichen Vergangenheit. Sein Leben war ihm längst entglitten. Wenige Wochen nach dieser Aufnahme sollte er seine Frau Helga erschießen. ]
Wie konnte es so weit kommen? Die Dokumentation von Rüdiger Liedtke zeigt einen dramatischen Abstieg, der sich, unbemerkt von der Öffentlichkeit, über die Jahre hinweg vollzogen hatte. Je mehr der Ruhm verblasste, desto leerer war ihr Leben geworden. Bubi und Helga fielen sich immer mehr auf die Nerven. Zuhause, wenn sie allein waren, ließen sie sich gehen. Sie tranken, stritten, hatten sich nichts mehr zu sagen. Helga wurde immer bitterer, er zunehmend depressiv.

Er litt an Schlafstörungen, geisterte nachts durchs Haus. Sie schloss sich häufig in der Gästetoilette ein, vor allem, wenn es Streit gegeben hatte. Er zog sich in den Keller zurück und schaute alte Filme an – Aufzeichnungen der Kämpfe seiner großen Zeit. 1980 veröffentlichte er seine Memoiren "Der Weg aus dem Nichts", fühlte sich für einen kurzen Augenblick wieder wie der Star von einst. Doch Helga lästerte: "Das nächste Buch schreibe ich und das heißt: Mein Leben mit dem Nichts." Dem einstigen Box-Ästheten, dem Perfektionisten im Ring, der seine Auftritte stets genau kalkulierte, war sein Leben längst entglitten. Die Leere wurde immer quälender – bis all die Demütigungen und Kränkungen in einem tödlichen Schuss endeten, von dem er selbst nicht glauben wollte, dass er ihn abgefeuert hat.

"Bubi Scholz erschien mir wie ein gebrochener Mann", erinnert sich sein Anwalt Manfred Studier. "Er war das Opfer seines Handelns geworden. Er war schutzlos, plötzlich, ohne seine Frau." Das Gericht billigt dem Angeklagten eine erhebliche Bewusstseinsstörung und eine verminderte Schuldfähigkeit zu. Alkohol, Tabletten und eine tiefe Depression seien die Auslöser für den tödlichen Schuss gewesen. Am 1. Februar 1985 wird Bubi Scholz in Berlin wegen fahrlässiger Tötung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Bubi Scholz starb am 21. August 2000.

Der Autor

Rüdiger Liedtke ist Autor zahlreicher Bücher in den Bereichen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Er ist Autor einer "Kriminal- Chronik" im Eichborn Verlag.

Filmografie (eine Auswahl)

Die großen Kriminalfälle: Die tödliche Liebe der Ingrid van Bergen (ARD/WDR 2010, Koautor) In bester Verfassung – 60 Jahre Grundgesetz (ZDF 2009) Aktien für alle. Erste Wertpapiere für Kleinsparer (WDR 1999) Eine Ohrfeige für den Kanzler – Der Protest der Beate Klarsfeld (WDR 1998) Die Nitribitt-Affäre (WDR 1997) Das Ahlener Programm der CDU (WDR 1997) Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft (WDR 1996) Joseph Beuys. Honigpumpe und Hasengrab (WDR 1996) Weltrekord 10,0. Armin Hary, der schnellste Mann der Welt (WDR 1995) Die Frankfurter Rundschau und die Lizenzierung der Presse (WDR 1995) Der Kanzler-Spion. Die Verhaftung des Günter Guillaume (WDR 1994) Mama. Heile Schlagerwelt in unruhigen Zeiten (WDR 1993) The games must go on –Das Olympia-A ttentat von München (WDR 1992) Der Fall Vera Brühne – Lebenslänglich für die Falsche? (WDR 1992) Der erste Spiegel (WDR 1992) Der Bundesliga-Skandal (WDR 1991) Ludwig Erhard und die Pinscher (WDR 1990) Allein gegen den Führer – Das Bürgerbräu-A ttentat des Johann Georg Elser (WDR 1989)

Buch und Regie: Rüdiger Liedtke

Redaktion: Gudrun Wolter

Regie Reenactment: Nina Koshofer

Kamera: Hubert Schick

Ton: Jessica Nossek

Sprecher: Gert Heidenreich

Schnitt: Olaf Strecker

Sendetermin
Mo, 02.07.12 | 23:30 Uhr