SENDETERMIN Mo, 05.09.16 | 22:45 Uhr | Das Erste

Die Story im Ersten – Der Islamreport

Die Story im Ersten

Die Ditib-Zentralmoschee in Köln
Die Ditib-Zentralmoschee in Köln

Die Anschläge von Nizza, Würzburg und Ansbach im Sommer 2016 waren nicht nur Taten psychisch labiler Personen, die Täter hatten offenbar auch islamistische Motive. Der islamistische Terror hat Deutschland erreicht. Viele Menschen sind verunsichert: Was ist das für eine Religion, in deren Namen solche Attentate verübt werden?

"Der Islam gehört zu Deutschland." Mit diesem Satz hat der damalige Bundespräsident Christian Wulff schon 2012 heftige Diskussionen ausgelöst. Dabei sprechen allein die Zahlen eine deutliche Sprache: Mehr als vier Millionen gläubige Muslime leben registriert in Deutschland. Tatsächlich sind es viel mehr Menschen, denen die Worte des Korans heilig sind. Wie viele sind es? Und was bedeutet den Muslimen ihr Glaube?

Umfrage unter Muslimen und Nicht-Muslimen

Welchen Islam leben sie? Wie denken sie? Ist die Angst der deutschen Mehrheitsgesellschaft vor dem Islam berechtigt? Rechtfertigt der Koran den Islamismus, ist er also eine Terrorreligion? Die Dokumentation beantwortet diese Fragen anhand von Fallbeispielen, Experteninterviews und einer großangelegten Faktenrecherche. Eine eigens beauftragte repräsentative Umfrage beleuchtet die Stimmung von Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland.

Gerade nach den jüngsten Attentaten stellt sich die Frage: Welchen Anteil hat die Religion an den Gewaltausbrüchen? "Der Islam muss sich dieser Frage endlich stellen", sagt der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. "Der Islam hat mit dem islamistischen Terrorismus natürlich etwas zu tun", sagt er, "auch die Extremisten sind Muslime. Sie begründen ihre Taten mit dem Koran. Alles andere ist eine naive Betrachtung und entspricht einem frommen Wunschdenken, mit dem man sich die Dinge schönredet."

Rolle der Frau im Fokus

Die meisten Muslime, die in Deutschland leben, würden dem vehement widersprechen. Mehr als 90 Prozent der frommen Muslime in Deutschland halten die Demokratie für die beste Regierungsform. Das hat gerade erst eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergeben. Wir zeigen diese Muslime. Familien, die seit Generationen in Deutschland leben, junge Muslime, die versuchen, ihre frustrierten Altersgenossen vom Weg der Gewalt fernzuhalten. "Der Islamreport" gibt auch diesen Menschen eine Stimme.

Hessen hat als erstes Bundesland an seinen Schulen islamischen Religionsunterricht eingeführt.
Hessen hat als erstes Bundesland an seinen Schulen islamischen Religionsunterricht eingeführt.

Neben der Gewalt wird auch die Rolle der Frau immer wieder heftig diskutiert. Etwa ein Drittel der muslimischen Frauen in Deutschland trägt Kopftuch. Werden diese Frauen unterdrückt? Die Sängerin Hülya Kandemir kann über solche Fragen nur noch lachen.

"Religion ist doch meine Sache"

Sie selbst hat lange Zeit ein Kopftuch getragen. "Ich war auf der Suche nach meiner Religion", sagt sie. Unterdrückt gefühlt hat sie sich nie. Vor einigen Jahren hat sie sich entschieden, das Kopftuch wieder abzulegen. Das hat ihr viel Kritik von konservativen Muslimen eingebracht. Aber das stört sie nicht. "Religion ist doch meine ganz persönliche Sache", sagt sie.

Die Berliner Autorin Necla Kelek sieht das ganz anders. Sie wirft vor allem den muslimischen Verbänden in Deutschland vor, die Gleichberechtigung der Frauen nicht ernst zu nehmen.

Islam als Bedrohung?

Etwa fünf Millionen Muslime leben derzeit in Deutschland. Das sind gerade einmal sechs Prozent der Bevölkerung. Trotzdem wirkt die Mehrheitsgesellschaft verunsichert. 57 Prozent der befragten Nicht-Muslime in Deutschland fühlen sich vom Islam bedroht. Dieser Wert ist höher als in jedem anderen Land in Europa.

Es war nicht zuletzt die Angst vor einer zunehmenden Islamisierung Deutschlands, die der AfD im März zu einem fulminanten Wahlergebnis und Hans-Thomas Tillschneider zu einem Sitz im Landtag in Sachsen-Anhalt verholfen hat. Tillschneider ist selbst Islamwissenschaftler, hat ein Jahr in Syrien gelebt.

Trotzdem gehört er heute zu den stärksten Islamkritikern. Selbst in seiner eigenen Partei sind seine Ansichten umstritten. "Wir müssen unsere deutsche Identität gegen die muslimische verteidigen", sagt er. Beides lasse sich nur vereinbaren, wenn sich die Muslime einer deutschen Leitkultur anpassten.

Islam-Unterricht an Schulen

Lassen wir uns nicht längst von den Muslimen zu viele Vorschriften machen? Vor diese Frage sah sich unlängst das hessische Kultusministerium gestellt. Hessen hat als erstes Bundesland an seinen Schulen islamischen Religionsunterricht eingeführt, der von Religionsgemeinschaften selbst getragen wird. Eine davon ist die Ditib, der Verband türkischer Muslime. Dahinter steht die staatliche Religionsbehörde der Türkei.

Bekommt der türkische Staat also über den Religionsunterricht Einfluss an deutschen Schulen? "Unsinn", sagt Hessens Kultusminister Alexander Lorz. "Wir achten genau darauf, welche Inhalte im Unterricht gelehrt werden." Im Gegenteil, wenn das hessische Modell Schule mache, trage es zu einer größeren Anerkennung der Muslime in Deutschland bei.

Deutschlandweite Recherche

"Der Islamreport" nimmt Vorurteile und Ängste unter die Lupe. Die Autoren waren dafür in ganz Deutschland unterwegs, haben mit Experten und Kritikern, aber auch mit "normalen" Gläubigen gesprochen. Mit einer fundierten Zahlen- und Faktenrecherche werden die gängigen Thesen auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Die Diskussion, welcher Islam zu Deutschland gehört, wird sachlich und faktenbasiert geführt.

Ein Film von Peter Gerhardt, Sebastian Kemnitzer und Ilyas Meç

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Diese Sendung wurde vom
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