"VW hat mit Militärdiktatur offenbar Hand in Hand gearbeitet"

Volkswagen tut sich mit der Vergangenheit offenbar schwer. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der brasilianischen Militärdiktatur hat sich der Konzern noch nicht bei den ehemaligen Arbeitern entschuldigt.
Volkswagen tut sich mit der Vergangenheit offenbar schwer. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der brasilianischen Militärdiktatur hat sich der Konzern noch nicht bei den ehemaligen Arbeitern entschuldigt.

Das erste Auslandsunternehmen des Volkswagen-Konzerns wird 1959 in der Nähe von São Paulo gegründet. Zehn Jahre später beschäftigt VW do Brasil bereits knapp 20.000 Mitarbeiter. 1964 putscht sich das Militär an die Macht. Im selben Jahr investiert VW Millionen in das neue Werk. Während der 21 Jahre langen Diktatur werden Zehntausende Oppositionelle verfolgt, inhaftiert und gefoltert. Unter den Opfern: Mitarbeiter von VW do Brasil. Mehr als ein Dutzend ehemalige Angestellte haben im September 2015 eine Sammelklage gegen den Konzern eingereicht, weil sie ihn in der Verantwortung sehen, Mitarbeiter bei der Politischen Polizei denunziert und Verhaftungen auf dem Werksgelände aktiv unterstützt zu haben. In dem Bericht einer Wahrheitskommission des Landesparlamentes von São Paulo aus dem Jahr 2015 sind die Aussagen ehemaliger VW-Mitarbeiter protokolliert.

Recherchen von Stefanie Dodt, Autorin des NDR Ressorts Investigation, haben ergeben, dass Volkswagen tatsächlich offenbar wesentlich aktiver an der politischen Verfolgung und Unterdrückung von Regime-Gegnern beteiligt gewesen ist als bisher bekannt. Die Dokumente, die die Journalistin gefunden hat, setzen den VW-Konzern erneut unter Druck.

Welche neuen Hinweise haben Sie dafür gefunden, dass VW do Brasil mit der Militärdiktatur eng kooperierte?

Stefanie Dodt: Wir haben herausgefunden: Die VW-eigene Sicherheitsabteilung hat offenbar die Arbeiter im VW-Werk in São Paolo überwacht - besonders diejenigen, die sich gewerkschaftlich organisierten oder politisch linksgerichtet waren. Dafür gab es wohl eine eigene Abteilung im VW-Werk, eine Unterabteilung des Werkschutzes. Die Ergebnisse dieser Bespitzelung landeten nach unseren Recherchen bei der Politischen Polizei der brasilianischen Militärdiktatur. Das Ziel: herauszufinden, wer Kommunist oder Gewerkschafter ist. Darauf deuten interne Dokumente der Militärs und Zeugenaussagen hin - sowohl von Opfern als auch Verantwortlichen der Politischen Polizei.

Welche menschenrechtsverletzenden Handlungen lassen sich damit VW konkret zur Last legen?

Dodt: Nehmen wir einen konkreten Fall: Ein Werkzeugmacher berichtete uns, dass er bei VW vom Arbeitsplatz weg verhaftet wurde - und dann über Monate durch die Politische Polizei in Folterhaft genommen wurde. Das zeigt, übrigens auch aus Sicht der brasilianischen Staatsanwaltschaft und des von VW-beauftragten Historikers: VW und Militärdiktatur haben offenbar Hand in Hand gearbeitet.

Wir können also davon sprechen: VW und die Militärdiktatur hatten nicht nur wirtschaftlich die gleichen Interessen. Sie hatten offenbar auch ein anderes gemeinsames Interesse: nämlich Andersdenkende einzuschüchtern.

Für Ihre Dokumentation haben Sie den von VW beauftragten Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Christopher Kopper interviewen können und auch historisches Filmmaterial vom Konzern erhalten. Wie haben sich die Dreharbeiten im Hinblick auf VW gestaltet?

Dodt: Es ist wenig überraschend, dass sich ein Konzern wie VW, der schon in der Gegenwart mit kritischer Berichterstattung konfrontiert ist, nicht unbedingt wünscht, dass jetzt auch noch die Vergangenheit kritisch unter die Lupe genommen wird. Von daher ist es positiv, dass VW Interviewanfragen nach anfänglichem Zögern angenommen, Drehgenehmigungen erteilt und mir auch umfassend Einblick in die internen Dokumente aus der Zeit gewährt hat. In der Substanz hat sich der Konzern jedoch weiterhin nicht geäußert - er verweist darauf, dass er ein historisches Gutachten in Auftrag gegeben habe und die Ergebnisse abwarten wolle.

Carl Hahn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von VW und auch für das Werk in Brasilien zuständig, hat sich hingegen unseren Fragen auch inhaltlich gestellt - und Einblicke gegeben, wie die Konzernspitze damals über die Militärdiktatur dachte. Und dass es ihr schlicht gleichgültig war, mit welcher Art von Regime sie es zu tun hatte. Er hat damit Dinge ausgesprochen, die andere vielleicht ähnlich denken, aber nicht so offen sagen würden.

Nach Bekanntwerden der Manipulation von Abgaswerten bei Dieselfahrzeugen hat VW sich wenig verantwortungsbewusst und kaum bereit zur Aufklärung gezeigt. Die Schuld wurde einigen wenigen Technikern zugeschoben. Sehen Sie diese Haltung auch jetzt in Bezug auf die Verstrickungen mit der brasilianischen Militärdiktatur?

Dodt: Mein Eindruck ist: Volkswagen hat bislang noch gar keine Haltung entwickelt, wie der Konzern wirklich in der Substanz mit seiner eigenen Geschichte in Brasilien umgehen will. Darin liegt aus meiner Sicht auch eine riesige Chance: Er kann jetzt zeigen, dass er die eigene Rolle in der Militärdiktatur nicht nur historisch aufarbeiten lässt, sondern auch gegenüber den Opfern konkrete Schritte unternimmt. Ideen dazu gab es bereits, beispielsweise den Aufbau einer Erinnerungsstätte in Brasilien. Bislang dominieren eher Sorgen über weitere Negativ-Presse. Und auch Sorgen vor Entschädigungsforderungen.

Sie haben für Ihren Film zahlreiche ehemalige Angestellte von VW do Brasil interviewt, die inhaftiert und gefoltert wurden. Worum geht es den Opfern mehr als 40 Jahre nach den Ereignissen?

Dodt: Viele der Opfer versuchen immer noch zu verarbeiten, was ihnen damals widerfahren ist, zum Beispiel in den Folterkammern der Militärdiktatur. Das fällt schwer. Ihrer Ansicht nach trägt VW daran eine Mitschuld. Sie wünschen sich, dass Volkswagen sich für das entschuldigt, was sie durchmachen mussten. Manche der ehemaligen Arbeiter wünschen sich auch eine Verurteilung oder Entschädigungszahlungen, aber mein Eindruck ist, dass das nicht an erster Stelle steht.


Was bedeutet Ihr Fund für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in São Paulo?

Dodt: Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen ja noch. Wir werden also sehen, wie die Staatsanwaltschaft damit umgehen wird.

Die Ermittlungen vor Ort sind enorm wichtig. Aber vielen der Opfer geht es nicht nur um eine rechtliche Aufarbeitung oder gar Verurteilung von VW. Ihnen geht es darum, dass sich VW seiner Verantwortung stellt.

Wie sind Sie diesen Dokumenten auf die Spur gekommen?

Dodt: Bei einer solchen Recherche, die weit in die Vergangenheit reicht und sich auf zwei Kontinenten abspielt, geht es darum, viele kleine Mosaiksteine zusammenzufügen. Dafür muss man auch den kleinsten Hinweisen nachgehen. Ausgangspunkt meiner Recherche war der Bericht der brasilianischen Wahrheitskommission, die fast beiläufig erwähnte, dass VW und die Militärdiktatur möglicherweise zusammengearbeitet haben.

Weitere Informationen gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Diese Spur hat mich zum Beispiel in das Archiv der Politischen Polizei der Militärdiktatur geführt - dort liegen stapelweise Berichte über unliebsame VW-Mitarbeiter, erstellt von VW. Im nächsten Schritt habe ich unter anderem nach den hier auftauchenden Namen im Archiv des brasilianischen Geheimdienstes geforscht, und dort fanden sich Namen von VW-Managern, denen für Informationen über an Streiks beteiligten Mitarbeitern gedankt wird.  

Welches Ihrer Rechercheergebnisse hat Sie am meisten überrascht?

Dodt: Mich hat überrascht, dass Hilferufe der brasilianischen Gewerkschafter damals zwar immer wieder artikuliert werden konnten, aber niemand etwas unternahm - weder die deutsche Politik, noch das Unternehmen selbst. Das zeigt, wie wenig Problembewusstsein es gab. Ich hoffe, dass Unternehmen heute sensibler sind, wenn sie Tochterunternehmen in autoritären Regimen aufbauen.

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