SENDETERMIN Mo, 30.01.17 | 23:30 Uhr | Das Erste

Maschinenmenschen – Wenn Technik unter die Haut geht

Cyborg Neil Harbisson
Cyborg Neil Harbisson

Die Technik ist in den vergangenen Jahren immer weiter an den Menschen herangerückt, macht das Leben schneller und einfacher. Einige Menschen gehen nun den nächsten Schritt: Cyborgs verschmelzen ihre Körper mit Technik, um ihre Fähigkeiten zu steigern und ihre Sinne zu erweitern. 

Sie lassen sich Magnete in die Finger spritzen, mit denen sie elektromagnetische Felder wahrnehmen können; Chips unter die Haut pflanzen, mit denen sie Türen öffnen; Geräte in den Schädel implantieren, mit denen sie ihre Sinne schärfen. Ein Haufen Nerds oder Vorreiter unserer technischen Zukunft? Wer sind diese Menschen? Und was treibt sie an? 

WLAN direkt aus der Hüfte

Oliver Waack-Jürgensen stellt seine Hüft-Idee seinem Orthopäden Dr. Peterhansl vor
Oliver Waack-Jürgensen stellt seine Hüft-Idee seinem Orthopäden Dr. Peterhansl vor

Oliver Waack-Jürgensen aus Berlin trägt zwei künstliche Knie und eine künstliche Hüfte im Körper. Weil er an einer Knochenkrankheit leidet, wird er in den kommenden Jahren eine weitere Hüfte eingesetzt bekommen. So weit, so normal. Doch die neue Hüfte soll mehr können: sein Handy drahtlos aufladen zum Beispiel, über seine Bewegungsenergie. Seine Körperdaten messen und analysieren. Daten speichern und per Bluetooth übertragen. Und vielleicht sogar einen Freifunk-Router beherbergen: WLAN direkt aus der Hüfte. 

Neil Harbisson ist da schon einen Schritt weiter. Der Brite ist der erste offiziell anerkannte Cyborg der Welt. Er ist farbenblind und kann die Welt nur in Grautönen wahrnehmen. Durch den "Eyeborg", eine Antenne in seinem Kopf, kann er jedoch Farben hören. Ein Sensor scannt die Farben in Neils Sichtfeld, ein Chip in seinem Kopf wandelt diese in Töne um. So hat jede Farbe in seinen Ohren ihren ganz individuellen Klang.

Doch Neil kann nicht nur die für uns sichtbare Farbpalette hören: Er nimmt damit auch Ultraviolett und Infrarot wahr. Neil Harbisson ist Mitbegründer der Stiftung Cyborg – einer internationalen Organisation, die Menschen hilft, Cyborgs zu werden. 

Cyborgs sind eine Randgruppe – noch

So einen Verein gibt es auch in Deutschland: den Cyborgs e.V. in Berlin. Die Mitglieder sind Hacker, Nerds, Künstler und Philosophen. Sie wollen das öffentlich vorhandene "Bild des Cyborgs als willentliche Kampfmaschine" korrigieren. Denn noch sind Cyborgs eine Randgruppe. In einer Zeit, in der der erste Blick nach dem Aufstehen und der letzte vorm Schlafengehen zum Smartphone geht, liegt es jedoch nicht fern, sich vorzustellen, dass wir alle bald Technik in unseren Körpern tragen werden. Sind wir dabei, unsere Menschlichkeit zu verlieren? Was würde das mit unserer Gesellschaft machen? Muss man sich bald aufrüsten, um dazuzugehören? 

Hika implantiert Chip
Hika implantiert Chip

Während in Deutschland die meisten Menschen über solche Ideen den Kopf schütteln, ist man in Schweden der Zukunft schon ein Stück näher. Mitten in Stockholm gibt es einen Unternehmenskomplex, in dem die Mitarbeiter bereits Chips unter der Haut tragen. So öffnen sie Türen, bedienen die Kopierer, tauschen untereinander Kontaktdaten aus. Wer dazugehören will, wird auf Implantierpartys gechippt. 

Wie verändert sich das Leben im Kleinen und im Großen, wenn manche Menschen übermenschliche Fähigkeiten besitzen? Wo liegen ethische Grenzen? Die Technik kommt uns schon heute näher als wir es uns jemals vorstellen konnten – in einigen Fällen bis unter die Haut.

Ein Film von Luisa Wawrzinek

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