SENDETERMIN Mo, 18.01.16 | 23:30 Uhr | Das Erste

Vater, Mutter, Hitler – Vier Tagebücher und eine Spurensuche

Dokumentarfilm im Ersten

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Dokumentarfilm im Ersten: Vater, Mutter, Hitler - Vier Tagebücher und eine Spurensuche | Video verfügbar bis 17.01.2021

Über 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus ist die Vergangenheit noch immer nicht vergangen. Bis heute gehen Kinder und Enkel auf Spurensuche und fragen sich, wie ihre Eltern und Großeltern zu Hitler und zur NS-Ideologie standen. Gehörten sie zu den Unterstützern und Anhängern des NS-Regimes? Oder waren sie vielleicht sogar Täter? Und was bedeuten die Antworten auf diese Fragen für ihr eigenes Leben heute?

Haltung zu Hitler

Die Angehörigen setzen sich dabei mit einer Seite ihrer Familiengeschichte auseinander, über die nach dem Krieg zu oft geschwiegen wurde – und lernen ihre Eltern und Großeltern dabei auch von einer manchmal verstörenden Seite kennen. Sie erfahren, welche Hoffnungen diese mit der Machtübernahme Hitlers verbanden, welche Lebensentwürfe sie verfolgten und wie sich ihr Leben unter Hitler veränderte. Sie erfahren aber auch, wie diese Lebensträume an Hitlers Politik zerbrachen – und manche müssen damit leben, dass Familienmitglieder zu den Tätern gehörten.

Brigitte Sprenger-Eichhorn, Tochter von Ida Timmer.
Brigitte Sprenger-Eichhorn, Tochter von Ida Timmer.

Der Film erzählt, was die Angehörigen von vier ganz unterschiedlichen Menschen bei ihrer Spurensuche herausgefunden haben. Als Quelle dienen ihnen die Tagebücher ihrer Eltern oder Großeltern, in denen diese ihre Gedanken, Ansichten und politischen Überzeugungen festgehalten haben. Diese einzigartigen Zeugnisse sind unmittelbar unter dem Eindruck der historischen Ereignisse geschrieben und geben somit die Überzeugungen ihrer Verfasser unverfälscht und unbeeinflusst von den späteren politischen Entwicklungen wieder.

Spielszenen stellen das Vergangene nach

In aufwendigen Spielszenen rekonstruiert der Film das Leben der vier Protagonisten zwischen 1933 und 1945: Felix Landau, Wilm Hosenfeld, Luise Solmitz und Ida Timmer. In Interviews kommentieren und ergänzen deren Kinder und Enkel die Spielszenen und lassen deutlich werden, wie stark sie die Fragen von Schuld und Verantwortung in der Zeit des Nationalsozialismus noch heute beschäftigen.

Der eigene Vater hat Juden erschossen

Felix Landau (Michael Steinocher) nimmt am Nazi-Putsch in Österreich 1934 teil.
Felix Landau (Michael Steinocher) nimmt am Nazi-Putsch in Österreich 1934 teil. (Spielszene)

Teja-Udo Landau, geboren 1944, erfuhr erst spät, was sein Vater Felix Landau in der NS-Zeit getan hat. Durch das Tagebuch fand er heraus: Sein Vater war 1941 an Erschießungen von Juden in der Ukraine beteiligt. Im damals polnischen Drohobycz führte er als selbst ernannter "Judengeneral" ein Schreckensregiment und tötete dort weitere Menschen. Das Tagebuch Felix Landaus, in dem er seine Schreckenstaten festhielt, ist ein einzigartiges, erschütterndes Dokument, das seinen Sohn Teja-Udo bis heute verstört. Für diesen Film gibt er zum ersten Mal ein ausführliches Interview: "Es hat eine Weile gedauert, dass ich mit mir ins Reine gekommen bin und mir gesagt hab, okay, du bist wohl der Sohn deines Vaters, aber das heißt noch lange nicht, dass du so sein musst wie er."

Wilm Hosenfeld ist bekannt geworden als der Wehrmachtsoffizier, der während der deutschen Besetzung Warschaus den jüdischen Pianisten Wladyslaw Szpilman vor dem Tod rettete. Roman Polanskis Film "Der Pianist" machte ihn weltweit berühmt. Ein Held? Was bisher wenig bekannt war: Fasziniert von Hitler und den Nationalsozialisten besuchte Hosenfeld die Reichsparteitage, trat in die SA ein und wird als Besatzungssoldat in Polen vom Feldwebel zum Hauptmann befördert. Wie passt das zusammen? Das fragen sich seine Kinder Jorinde und Detlev, seit sie zum ersten Mal seine Aufzeichnungen lasen: "Ich glaube, der Vater konnte sich dieser Massenhysterie nicht entziehen, aber er hat doch die große Gefahr des Krieges gesehen."

Fan von Hitler

Luise Solmitz (Christina Kühnreich) ist Hitler-Anhängerin, ihr Mann Fredy, ehemaliger Wehrmachtsoffizier, unterstützt die neue Regierung. Doch Fredy ist Jude …
Luise Solmitz (Christina Kühnreich) ist Hitler-Anhängerin, ihr Mann Fredy, ehemaliger Wehrmachtsoffizier. (Spielszene)

Auch die Hamburgerin Luise Solmitz ist 1933 glühende Hitleranhängerin. Sie erhofft sich nach Jahren gewaltsamer politischer Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik vor allem politische Stabilität. Aber da ihr Mann, Fredy Solmitz, der im Ersten Weltkrieg als Offizier für Deutschland gekämpft hatte, jüdischer Abstammung ist, wird die Familie ausgegrenzt und verfolgt – ein Schicksal, das ihren Enkel Robert Salkind noch heute tief berührt: "Es war ein Schock, als ich begriffen habe, wie es ihr ergangen ist."

Lebensträume platzen wegen der Nazis

Ida Timmer (Sinja Dieks) träumt von einer goldenen Zukunft als Hausfrau und Mutter im Sinne der Nationalsozialisten.
Ida Timmer (Sinja Dieks) träumt von einer goldenen Zukunft als Hausfrau und Mutter im Sinne der Nationalsozialisten (Spielszene).

Ida Timmer aus Solingen begrüßt Hitlers Machtübernahme. Als junges Mädchen imponiert ihr, wie das NS-Regime die Jugend umwirbt und Arbeit und soziale Sicherheit verspricht. Sie will heiraten und Kinder kriegen. Doch ihr Lebensentwurf scheitert an Hitlers Kriegspolitik, ihre Träume platzen. Ihre Töchter beklagen das Schweigen der Mutter nach dem Krieg: "Dass sie sich mir gegenüber nicht geöffnet hat, das kann ich nicht verstehen. Warum? Warum?"

Mit Spielszenen, Interviews und der Einordnung historischer Ereignisse mit Hilfe von Archivmaterial zeichnet der Film ein authentisches Bild des Alltagslebens in Deutschland während der NS-Herrschaft und dokumentiert, wie die Ereignisse von damals noch heute das Leben der Nachfahren beeinflussen.

Ein Film von Tom Ockers