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"Sie haben mich im VW-Werk festgenommen"

Hat VW in Brasilien mit Folterern zusammengearbeitet?

Lúcio Antonio Bellentani saß während der brasilianischen Militärdiktatur (1964 bis 1985) acht Monate in Folterhaft, weil er kommunistische Flugblätter verteilt hatte. Verhaftet wurde der Werkzeugmacher, der bei Volkswagen Brasilien angestellt war, auf dem VW-Werksgelände in São Paulo von der Politischen Polizei (Departamento de Ordem Política e Social) – im Beisein des VW-Werkschutzes.

Lúcio Antonio Bellentani saß während der brasilianischen Militärdiktatur (1964 bis 1985) acht Monate in Folterhaft, weil er kommunistische Flugblätter verteilt hatte. Verhaftet wurde der Werkzeugmacher, der bei Volkswagen Brasilien angestellt war, auf dem VW-Werksgelände in São Paulo von der Politischen Polizei (Departamento de Ordem Política e Social) – im Beisein des VW-Werkschutzes.

Lúcio Antonio Bellentani saß während der brasilianischen Militärdiktatur (1964 bis 1985) acht Monate in Folterhaft, weil er kommunistische Flugblätter verteilt hatte. Verhaftet wurde der Werkzeugmacher, der bei Volkswagen Brasilien angestellt war, auf dem VW-Werksgelände in São Paulo von der Politischen Polizei (Departamento de Ordem Política e Social) – im Beisein des VW-Werkschutzes.

Der ehemalige VW-Angestellte erzählt gegenüber NDR, SWR und "Süddeutscher Zeitung", dass er in die Personalabteilung gebracht und verhört wurde. "Sie fragten mich, welche Gewerkschafter oder politischen Aktivisten ich sonst noch kenne. Dann fingen sie an, auf mich einzuprügeln und gaben mir Ohrfeigen, Fußtritte, Faustschläge. In der Personalabteilung! Und die Leute vom Werkschutz schauten zu. Schauten schlicht und einfach zu."

Lúcio Bellentani erzählt, dass er direkt vom VW-Werkgelände von der Politischen Polizei in ein Folterzentrum in São Paulo gebracht wurde.

Lúcio Bellenanti zeigt eine Zelle in dem ehemaligen Gefängnis in São Paulo, wo er als 27-Jähriger gefoltert wurde. Eine der Folter-Methoden: die Papageienschaukel. Der Gefangene wird mit den Kniekehlen an einer Stange aufgehängt, die Hände an die Fußgelenke gebunden. Der wehrlose Körper hängt kopfüber zu Boden.

"Sie haben ein Elektrokabel genommen, haben einen Teil am Ohr festgemacht und den anderen in die Harnröhre geschoben", erzählt Lúcio "Dann fingen sie an, mir Elektroschocks zu geben. In dieser Position bildet sich am Bauch eine Art Schüssel. Um die Schmerzen noch zu verstärken, haben sie Wasser über mich geschüttet. Elektroschocks, Schläge auf den Kopf, ins Gesicht, Fußtritte, alles gleichzeitig."

Lúcios Häftlingsnummer war die 5171. Auf dem vor 45 Jahren aufgenommenen Foto trägt er noch die Arbeitskleidung seines Arbeitgebers – Volkswagen. Lúcio Bellentani erhebt einen schweren Vorwurf gegen VW Brasilien: "Indirekt war VW verantwortlich für zahlreiche Fälle von Folter und Verfolgung."

"Verhaftungen im Werk? Keinesfalls!" Das betont Jacy Mendoça, der ehemalige Personalchef von VW in Brasilien. "Wir haben unsere Beschäftigten immer sehr liebevoll behandelt. Sehr, sehr liebevoll." Angehörige des Militärs hätten das Werk nie betreten, ergänzt er.

Kann das sein? In welchem Verhältnis stand VW Brasilien zur brutalen Militärdiktatur, die das Land im Griff hatte? Unmittelbar nach dem Putsch 1964 investiert VW jedenfalls Millionen in Brasilien. Das Geschäft floriert. Auf diesem Bild wird 1979 das fünfmillionste Auto des Werks gefeiert.

Die Militärs erklären Oppositionelle zu Staatsfeinden. Wer der kommunistischen Partei Brasiliens nahe steht, dem drohen Folter und Tod. "Mich hat das nicht beunruhigt damals", sagt Carl Horst Hahn, der vom Jahr der Machtübernahme durch das Militär bis 1972 im Vorstand von Volkswagen war. "Ich erinnere nicht, dass wir nun mit Tränen den Weggang und die Wegspülung der Demokratie etwa beweint hätten."

Von Verhaftungen bei Volkswagen habe er noch nie gehört, so Hahn. An einer Aufarbeitung hat der 91-Jährige aber offenbar wenig Interesse: "In Brasilien kann man sich damit sicher beschäftigen. Ich glaube, wir sollten uns in Wolfsburg mit der Zukunft beschäftigen."

In Brasilien ermittelt zurzeit Bundestaatsanwalt Pedro Antônio de Oliveira Machado gegen VW. Ehemalige VW-Arbeiter haben eine Sammelklage gegen das Unternehmen eingereicht. "Die Staatsorgane haben während der Diktatur systematisch Menschenrechte verletzt, Menschen gefoltert und willkürlich verhaftet. Jetzt ermitteln wir, ob Volkswagen daran beteiligt war und wie VW mit den Repressionsorganen zusammengearbeitet hat."

Im Team des Bundesstaatsanwalts ermittelt auch Guaracy Mingardi. Im Staatsarchiv von São Paulo arbeitet sich der Politikwissenschaftler durch Tausende vertraulicher Dokumente der Politischen Polizei.

Der Gutachter untersucht interne Vorkommnisberichte in VW-Dossiers über Mitarbeiter, erstellt vom VW-Werkschutz - in den Unterlagen der Politischen Polizei.

"Diese Berichte enthalten Namen von Personen, die für die Politische Polizei interessant waren, die gestreikt haben, zum Beispiel", erläutert Mingardi die Unterlagen. "Indem VW diese Art von Informationen weitergegeben hat, identifizierte das Unternehmen Aktivisten direkt für die Politische Polizei." In den Akten taucht auch der Name von Lúcio Antonio Bellentani auf.

Der Werkschutz bei VW Brasilien übernahm nicht die Rolle des üblichen Sicherheitsdienstes auf dem Gelände, sondern hat auch politische Aktivisten und Gewerkschaftsmitglieder beobachtet, so Mingardi. Der Wissenschaftler kommt zu dem Schluss: "Der Werkschutz hat agiert, als wäre er ein verlängerter Arm der brasilianischen Politischen Polizei innerhalb des VW-Werkes."

Bestätigt wird das von einem, der damals für die Folterungen verantwortlich war: José Bonchristiano war Dienststellenleiter der Politischen Polizei in São Paulo. "Alles, was wir von Volkswagen haben wollten, haben sie sofort gemacht. Zum Beispiel, wenn ich nach einem verdächtigen Element gesucht habe, das ich dingfest machen wollte. Dann haben sie mir gesagt, wo es sich befindet. Wir waren uns sehr nah." Wenige Monate nach dem Interview ist Bonchristiano gestorben.

Ernesto Alves zum Beispiel wurde vom Werkschutz überwacht, wie er erzählt. "Weil ich schon politisch aktiv war, bevor ich zu VW kam."

Und Expedito Batista ergänzt: "Sogar an der Toilettentür standen Aufpasser, sie waren zwar in Zivil, aber sie waren alle vom Werkschutz. Um unsere Gespräche zu belauschen."

Die Arbeiter schildern außerdem, dass der Werkschutz so etwas wie einen Verhörraum nutzte. Sebastião Gazito nennt es eine "Art Privatgefängnis mitten im VW-Werk". "Das System des Werkschutzes war es, die Leute abzuholen und für ein, zwei Wochen dort einzubuchten."

Von diesem "Privatgefängnis" spricht auch José Leite: "Ich war dort mehrere Tage. Musste einfach auf einer Bank sitzen, niemand hat ein Wort gesagt. Eines Tages kam ein Typ vom Werkschutz in den Schweinestall, um mich zu verhören, so als wären wir in einer Polizeidienststelle."

Bis heute hat der VW-Gesamtkonzern keine Verantwortung für die Geschehnisse in seinem Werk in São Paulo übernommen, von denen Lúcio Bellentani und seine ehemaligen Kollegen berichten. Dabei belegen die Recherchen von NDR, SWR und "Süddeutscher Zeitung", dass sich die brasilianische VW-Tochter offenbar aktiv an politischer Verfolgung und Unterdrückung von Regime-Gegner beteiligt hat.

Der Pressesprecher von VW, Hans-Gerd Bode, spricht von "unterschiedlichen Wahrnehmungen" von den Dingen, die in Brasilien geschehen sind. "Aus heutiger Sicht müssen wir da einfach noch ein bisschen abwarten. Wir sollten da jetzt auch keine schnellen Schlüsse und Entscheidungen treffen." Abwarten will Bode ein Gutachten des Historikers Christopher Kopper, den VW mit der Aufarbeitung der Geschichte von VW in Brasilien beauftragt hat.

Christopher Kopper von der Universität Bielefeld ist bereits der zweite Historiker, der sich im Auftrag von Volkswagen mit der Konzerngeschichte in Brasilien beschäftigt. Sein Vorgänger hatte den Konzern im Oktober 2016 überraschend verlassen. Schon nach sechs Monaten Recherche kommt Kopper zu eindeutigen Ergebnissen.

"Ich kann bisher sagen, dass es eine regelmäßige Zusammenarbeit zwischen dem Werkschutz von VW do Brasil und dem Polizeiorgan des Regimes gab", so der Wirtschaftshistoriker. VW habe Verhaftungen seiner Angestellten zugelassen. Kopper ist sich zudem "sehr sicher, dass der Werkschutz von VW auch das Ziel der Militärdiktatur, vor allem Kommunisten mit allen Mitteln zu verfolgen, teilte."

Die brasilianischen Staatsanwälte wollen jedenfalls noch im Jahr 2017 entscheiden, ob sie Anklage gegen den deutschen Autokonzern wegen einer Mitverantwortung an Menschenrechtsverletzungen innerhalb des Werksgeländes in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren in seinem Werk in São Paulo erheben.

Lúcio Bellentani wünscht sich vor allem, dass sein ehemaliger Arbeitgeber sein Leid und das seiner Kollegen anerkennt. "Ich war nicht mal der, der am meisten gelitten hat", sagt Lúcio. "Es gab Arbeiter, die zu Tode gekommen sind! Ich bin zum Glück noch hier ... Deshalb mache ich weiter. Ich kämpfe auch für sie. Für die Wahrheit. Sonst nichts. Es könnte so einfach sein. Einfach nur die Wahrheit."