SENDETERMIN Mo, 21.11.16 | 22:45 Uhr | Das Erste

Die Story im Ersten: Whistleblower

Die Story im Ersten

Die Story im Ersten: Whistleblower | Video verfügbar bis 21.11.2017

Sie haben getan, was sich nur wenige trauen. Und sie müssen lebenslang dafür bezahlen. Wenn Whistleblower Missstände ans Licht bringen, ernten sie selten Ruhm oder Geld. Zerbrochene Lebensläufe, Jobverlust, Einsamkeit oder sogar hohe Gefängnisstrafen prägen das Leben der Enthüller. Während prominente Whistleblower wie Edward Snowden oder Chelsea Manning trotz ihrer prekären Lebenssituationen breite Unterstützung erfahren, stehen die kleinen "Snowdens" der Gesellschaft häufig allein da. Auch in Deutschland. Wer schützt die Enthüller? Und ist ihr Mut überhaupt gewollt?

Existenzielle Folgen

Für die ARD-Dokumentation gewähren drei Whistleblower Einblick in ihr Leben und berichten von den existenziellen Folgen ihrer Entscheidungen. Zum Beispiel Antoine Deltour. Der Enthüller ist weltweit durch die so genannte LuxLeaks-Affäre bekannt geworden. Als Mitarbeiter des Wirtschaftsprüfungsunternehmens PriceWaterhouseCoopers hat Deltour dubiose Steuerpraktiken in Luxemburg entlarvt.

Wegen der Preisgabe von Firmenwissen wurde ihm der Prozess gemacht. Filmautor Sebastian Bellwinkel begleitete Deltour in dieser Zeit exklusiv mit der Kamera. Deltour wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, will das aber nicht akzeptieren und geht in Berufung.

Anfang der 1990er Jahre machte Tierärztin Dr. Margrit Herbst eine mutmaßliche BSE-Vertuschung bei ihrem Arbeitgeber, einem großen norddeutschen Schlachtbetrieb, öffentlich.
Anfang der 1990er Jahre machte Tierärztin Dr. Margrit Herbst eine mutmaßliche BSE-Vertuschung bei ihrem Arbeitgeber, einem großen norddeutschen Schlachtbetrieb, öffentlich.


Ihren Ruf und ihre Existenzsicherung hat auch Margrit Herbst aufs Spiel gesetzt. Als Tierärztin hat sie bereits vor rund 20 Jahren erstmals auf Verdachtsfälle von BSE in Deutschland hingewiesen. Nach einem TV-Interview wurde die zweifache Mutter fristlos entlassen, weil sie ihre Verschwiegenheitspflicht verletzt habe. Einen neuen Job erhielt sie nicht mehr, dafür mehrfach Drohungen. Trotz mehrerer Whistleblower-Preise lebt sie heute von einer knappen Rente. Eine Rehabilitation hat sie nie erfahren.

Kritik am zögerlichen Vorgehen

Menschen wie Antoine Deltour und Margrit Herbst könnten gesetzlich viel besser geschützt werden. Politiker in Berlin haben das erkannt, aber bis heute ist nichts passiert. Nicht nur Juristen und die politische Opposition, auch eine SPD-Politikerin kritisieren das zögerliche Vorgehen offen vor der Kamera. Ein besserer Whistleblower-Schutz hätte schließlich auch Swen Ennulat geholfen. Als Polizist in Dessau waren er und zwei Kollegen seit 2004 auf eine Vielzahl rechtsextremer Straftaten in Sachsen-Anhalt aufmerksam geworden.

Kein Polizist mehr: Swen Ennullat fühlte sich in seiner Behörde gemobbt, weil er bei Straftaten rechtsextremistischer Täter nicht mehr so genau hinschauen sollte. Heute leitet er das Jugendamt in einer Kleinstadt in Brandenburg.
Der frühere Polizist Swen Ennullat leitet heute das Jugendamt in einer Kleinstadt in Brandenburg.

Weil die Ermittlungen die Fallzahlen schnell in die Höhe trieben, sollten die Ermittler schon bald nicht mehr so genau hinschauen. Das wollten die Polizisten nicht hinnehmen. Ein Untersuchungsausschuss brachte die Affäre wenig später in die Öffentlichkeit. Für Ennulat und seine Kollegen folgten Disziplinarverfahren und Versetzungen. Wie so viele andere Whistleblower galten sie schnell als Nestbeschmutzer.

Heute arbeitet Swen Ennulat nicht mehr bei der Polizei. Nur deshalb darf er vor der Kamera ganz offen reden. Er berichtet von Hilflosigkeit und Stigmatisierung. Mit der Geschichte abschließen kann er bis heute nicht.

Ein Film von Sebastian Bellwinkel

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