Faktencheck zu "Xavier und die Wetterextreme: Kippt unser Klima?"

Sendung vom 11.10.2017

Faktencheck

"Xavier und die Wetterextreme" – Faktencheck zur Sendung
"Xavier und die Wetterextreme" – Faktencheck zur Sendung

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Was ist der IPCC?
  • Ist das Pariser Klimaschutzabkommen verbindlich?
  • Ist der Klimaskeptiker Reichmuth ein Talkshow-Hopper?

Was ist der IPCC?

In der Runde wurde immer mal wieder der "IPCC" erwähnt. Eine Abkürzung, die in der Runde verstanden wurde.

Sandra Maischberger diskutiert mit v.l.n.r. Bärbel Höhn, B’90/Grüne (ehem. NRW-Umweltministerin), Dorothee Bär, CSU (Staatssekretärin), Jörg Kachelmann (Meteorologe), Hans Joachim Schellnhuber (Klimaforscher), Alex Reichmuth (Wissenschaftsjournalist)
Sandra Maischberger diskutiert mit v.l.n.r. Bärbel Höhn (B’90/Grüne), Dorothee Bär (CSU), Jörg Kachelmann, Hans Joachim Schellnhuber, Alex Reichmuth

Wer und was steckt hinter dem IPCC?

1988 gründeten das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Environment Programme, kurz UNEP) und die Weltorganisation für Meteorologie (World Meteorological Organization, kurz WMO) den Weltklimarat. Weltklimarat heisst präzise "Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen" (Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC).

Was ist die Aufgabe des IPCC?

Das IPCC ist ein regierungsunabhängiges international besetztes wissenschaftliches Gremium, in dem hunderte Wissenschaftler mitwirken und das für seine Arbeit 2007 den Friedensnobelpreis bekam.

Kerstin Reißig, Klimaexpertin
Kerstin Reißig, Klimaexpertin, WWF Deutschland

Kristin Reißig, Referentin für internationale Klimapolitik bei der Umweltschutzorganisation World Wide Fund For Nature, kurz WWF, sagt über die Bedeutung des IPCC:

"Der IPCC berät die Staaten durch wissenschaftliche Einschätzung der aktuellsten klimawissenschaftlichen Erkenntnisse und bildet damit eine wichtige Grundlage für die internationalen Klimaverhandlungen. In regelmäßigen Berichten werden die relevanten wissenschaftlichen Erkenntnisse überprüft und zusammengefasst, um durch sogenannte Szenarien der Politik eine Entscheidungsgrundlage zu geben. Nächstes Jahr wird ein Sonderbericht des IPCC veröffentlicht, der Erkenntnisse dazu darlegen soll, wie man die Erderhitzung auf 1,5 Grad begrenzen kann."

Kontrollinstanz für den IPCC

Der IPCC vertritt auf der Grundlage seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse die Auffassung, dass es einen Klimawandel gibt und das dieser überwiegend menschengemacht ist. Auf dieser Grundlage wurden vor allem im Pariser Klimaschutzabkommen weitreichende Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels beschlossen.

An den Berichten und Empfehlungen des Weltklimarates gibt es immer wieder Kritik. Der Bericht 2007 z.B. sagt, dass die Himalaya-Gletscher bis 2035 geschmolzen sein könnten, richtig wäre bis 2350 gewesen; nach diesem Bericht lägen zudem 55 % der Niederlande unter dem Meeresspiegel, tatsächlich sind es aber nur 26 %. Auch wegen dieses Berichtes berief der damalige UNO Generalsekretär Ban Ki Moon schließlich 2010 den InterAcademy Council (IAC) als Berater des Weltklimarates. Ban Ki Moon sagte damals:

"Lassen Sie mich eines klar machen: Die Bedrohung des Klimawandels ist real … Bedauerlicherweise war eine sehr kleine Anzahl von Fehlern in dem Bericht. Aber wir sprechen von einer 3000 Seiten starken Zusammenfassung komplexer wissenschaftlicher Daten… (Zusatz der Red.: um aber) größte Transparenz, Genauigkeit und Objektivität …"

zu gewährleisten, habe er sich entschlossen, den IAC zu berufen:

 "Wir brauchen die besten Informationen, um die beste Politik machen zu können."

Der IAC sitzt in Amsterdam und gilt als Kontrollinstanz des Weltklimarates.

Aber auch nach Einberufung des IAC hält die Kritik an der Arbeit des IPCC an. 2014 hieß es, der IPCC verbreite unterschiedliche Dokument und versorge Politiker mit Zusammenfassungen, die die Inhalte der bekannten Forschung nur fragmentarisch und nicht korrekt wiederspiegelten. So spitze er etwa in Zusammenfassungen, die eigens für Politiker gemacht werden, zu, wenn es um die Frage eines möglichen klimabedingten Artensterbens gehe. In diesen Zusammenfassungen für Politiker aus dem Jahr 2014 wird die Gefahr des Artensterbens als sehr hoch eingestuft.

Verteidiger des IPCC weisen hingegen darauf hin, dass in den ausführlichen Berichten alle Ergebnisse nachzulesen sein. In den vollständigen Berichten wird darauf hingewiesen, dass Forschungserkenntnisse keine abschließende Beurteilung zulassen, ob die Gefahr des Artensterbens gravierend sei.

Ist das Pariser Klimaschutzabkommen verbindlich?

Als einziger in der Runde stellte der Wissenschaftsjournalist Alex Reichmuth das Pariser Klimaabkommen in Frage.

Faktencheck: Alex Reichmuth | Video verfügbar bis 12.10.2018

"Das Pariser Klima Abkommen, das war ja ein Pseudoabkommen. Man hat sich geeinigt darauf, dass man sich einig ist, dass man dieses Zwei-Grad-Ziel anstreben will. Aber man hat das absolut freiwillig gelassen. Das Ziel war ursprünglich, dass man ein verbindliches Abkommen hat. Man hat dann alles weggelassen."

Was ist das Pariser Klimaschutzabkommen?

Auf der 21. Weltklimakonferenz 2015 in Paris verhandelten knapp 200 Staaten über neue Klimaschutzvereinbarungen. Am Ende einigte man sich auf ein 31 Seiten langes Dokument, das Paris-Protokoll. Am 12. Dezember 2015 wurde das Paris-Protokoll von den Teilnehmern der Weltklimakonferenz verabschiedet. Es sieht vor, dass die globale Erderwärmung auf unter zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit begrenzt werden soll. Außerdem wollen die unterzeichnenden Länder den Ausstoß von Treibhausgasen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhundert auf Null bringen. Das heißt, sie dürfen nur noch so viel Treibhausgase ausstoßen, wie beispielsweise die Anpflanzung von Wald aufwiegen würde.

Ein wichtiges Treibhausgas, das zur Erderwärmung beiträgt, ist Kohlenstoffdioxid, kurz CO². Es entsteht beispielsweise bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe – also etwa wenn Autos Benzin verbrauchen.

Beschlossen wurde das Paris-Protokoll Ende 2015. In Kraft trat es ein knappes Jahr später, am 4. November 2016. Der Grund war, dass von den 197 Nationen, die der Weltklimakonferenz angehören, mindestens 55 Länder, die mindestens 55 % der CO²-Emissionen verursachen, zuvor die Ratifizierung des Pariser Abkommens in ihrem jeweiligen Parlament abgeschlossen haben mussten. Mittlerweile haben 168 Länder das Abkommen ratifiziert, also die nationalen Parlamente haben beschlossen, das Abkommen anzuerkennen.

Das Pariser Klimaabkommen ist völkerrechtlich verbindlich. Bei Nichterfüllung ist allerdings keine Strafe vorgesehen.

Aus Sicht der Klimaexpertin Kristin Reißig vom WWF ist das Pariser Abkommen für das Klima ein Durchbruch:

"Das Abkommen von Paris ein Meilenstein. Die Bedeutung von Paris liegt darin, dass sich erstmals, nach jahrelangen Verhandlungen praktisch die gesamte Weltgemeinschaft gemeinsam dem Klimaschutz verpflichtet hat. Sowohl die Ziele (deutlich unter zwei Grad bzw. 1,5 Grad, die Nettonullemissionen, Klimafinanzierung), aber auch die genaue Darlegung der einzelnen Maßnahmen, also die nationalen Klimapläne, deren regelmäßige internationale (!) Überprüfung und Anpassung zur Ambitionssteigerung gehen weit über das hinaus, was vor Paris für möglich gehalten wurde."

Damit ist aber noch nicht alles erreicht, wie die Wissenschaftlerin unterstreicht:

"Natürlich weisen wir auch darauf hin, dass das noch nicht ausreicht. Aber dabei geht es um die Umsetzung, nicht das Abkommen selbst, das einen hervorragenden Rahmen bietet, der ja auch noch weiter ausdifferenziert wird.  Die "Bringschuld" liegt also nun bei den einzelnen Staaten. Für Deutschland bedeutet das den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Kohle."

Das Völkerrecht kann nicht in nationales Recht eingreifen. Unverbindlich bleibt deshalb das Erreichen und Durchsetzten der nationalen Klimaschutzpläne. Von diesen allerdings ist der eigentliche Erfolg des Pariser Abkommens abhängig. Die nationalen Klimaschutzpläne können nur von den nationalen Parlamenten verabschiedet werden.

Verbindlichkeit ohne Bestand

Anders als bei dem Vorgängerabkommen des Pariser-Klimavertrages, dem Kyoto-Protokoll, waren diesmal die großen CO²-Verursacher: Brasilien, China, Indien und die USA mit im Boot. Deren nationale Parlamente hatten das Pariser Abkommen ratifiziert. Der damalige US-Präsident Barack Obama sprach von einem "Wendepunkt für die Welt". Der amtierende Präsident Donald Trump hingegen hatte Mitte dieses Jahres bei den Vereinten Nationen offiziell den Austritt der USA aus dem Klimavertrag erklärt. Aus seiner Sicht werden die USA durch das Klimaabkommen wirtschaftlich benachteiligt.

Fazit: Insofern ist der Vorwurf des Wissenschaftsjournalisten Alex Reichmuth nicht ganz von der Hand zu weisen. Das Pariser Klimaabkommen ist zwar kein wie Alex Reichmuth es nannte "Pseudoabkommen", aber "Verbindlichkeit" gibt es nur auf völkerrechtlicher und nur auf freiwillige Basis.  Die Inhalte und Umsetzung der eigentlichen nationalen Klimaschutzpläne kann die Weltklimakonferenz nicht verbindlich regeln, sie beruhen allein auf der freiwilligen Durchführung der Staaten selbst. Und die wiederum können, s. USA, aus der völkerrechtlich verbindlichen Ratifizierung des Klimaabkommens einfach wieder austreten.

Ist der Klimaskeptiker Reichmuth ein Talkshow-Hopper?

Für Bärbel Höhn von den Grünen, die lange Zeit Umweltministerin in Nordrhein-Westfalen war, ist klar, der Klimawandel ist menschengemacht, massiv und braucht massive Maßnahmen. Alex Reichmuth hingegen, der Journalist von der Schweizer Weltwoche und Klimaskeptiker, ist davon nicht überzeugt, er hält diese Positionen nicht für wissenschaftlich bewiesen. In dem Ringen "wer hat hier Recht", "wer kann seine Position am plausibelsten darlegen" trägt Bärbel Höhn vor, Reichmuth sei ein Talkshow-Hopper und werde von den Talkshows nicht wegen seiner inhaltlichen Position, sondern wegen seiner radikalen Haltung eingeladen:

Faktencheck: Bärbel Höhn | Video verfügbar bis 12.10.2018

"Also setzen Sie sich gern in Talkshows. Weil Sie eine extreme Meinung haben, werden Sie auch eingeladen und tun dann so, als wäre es irgendwie etwas wissenschaftlich Fundiertes."

Stimmt das? Wird der Klimaskeptiker Axel Reichmuth tatsächlich häufig in Talkshows eingeladen?

Axel Reichmuth selber erklärt der Redaktion "maischberger", dass er in den letzten Jahren in keiner großen Talkshow in Deutschland, der Schweiz oder in Österreich war. 2017 war er zweimal zu  Gast beim Lokalsender Basel "Telebasel", einmal auch in 2016. Reichmuth war also dreimal bei Telebasel und dabei auch im regionalen Sonntagstalk zu verschiedenen Themen. 2012 war er einmal in einer Schweizer Presse-Talkshow. Die Redaktion "maischberger" hat darüber hinaus keine Erkenntnisse auf andere Talkshowauftritte von Axel Reichmuth gefunden.

Alex Reichmuth vertritt in der Klimadebatte eine dezidierte Position und bestreitet, dass belegt sei, dass der Klimawandel menschengemacht sei und dass belegt sei, dass nur gravierende Maßnahmen den Klimawandel aufhalten könnten. Damit positioniert er sich gegen die Mehrheitsmeinung und gegen die Position des Weltklimarates. Tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie, dass etwa 16% der Deutschen die Überzeugung von Alex Reichmuth teilen (Forschungszentrum Zirius der Universität Stuttgart). Von ihren Kritikern wiederum wird diese Meinung auch als ein Ausdruck rechtspopulistischen Denkens wahrgenommen. In der Tat bestreiten rechtspopulistische Parteien wie die AfD, dass belegt sei, dass der Klimawandel menschengemacht sei. Die AfD hatte bei der Bundestagswahl im September 12,6 % erzielt.

Auch Alex Reichmuth gilt als rechtskonservativer Journalist. Unabhängig von einer rechtskonservativen Zuordnung gibt es Kritik an den Arbeitsergebnissen des Weltklimarates (s. oben: "Kontrollinstanz für den IPCC" und  "Ist das Pariser Klimaschutzabkommen eigentlich verbindlich?"). Alex Reichmuth stützt seine Kritik u.a. auf solche Punkte.

Fazit: Die Darstellung von Bärbel Höhn, dass Alex Reichmuth häufig Talkshow-Gast sei, ist falsch. Bei "maischberger" in der Klimasendung war er zum ersten Mal überhaupt zu Gast in einer Talkshow in Deutschland. Er war nicht zu Gast, weil er eine "extreme Meinung" hat, sondern weil er im Kanon der Klimadiskussion eine relevante Position verkörpert. Diese Position muss man nicht teilen. In einer journalistischen Gesprächssendung zu dem Schwerpunktthema Klima sollen Zuschauer Gelegenheit haben seine Meinung zu hören ebenso wie die Positionen weiterer Gäste, die Alex Reichmuth wiederum für seine Positionen kritisieren. Genau das hat in der Klimasendung bei "maischberger" stattgefunden, denn Axel Reichmuth musste mit seiner Kritikerin Bärbel Höhn diskutieren und auch noch mit anderen Gästen, die seine Position nicht teilen.

Entschuldigung: falsche Sturmbilder

In unserem ersten Einspieler in dieser Klimasendung haben wir heftige Wetterkatastrophen des laufenden Jahres aufgezeigt: Sturmtief Axel, Tornado in Mecklenburg, Brände in Portugal, Starkregen in Berlin, Hurricanes in Florida, Xavier.

In unserm Filmbeitrag sagen wir zum Tornado in Mecklenburg:
"Im Mai zerstört ein Tornado viele Häuser einer mecklenburgischen Kleinstadt."

Am 30. Mai 2017 war ein schweres Unwetter durch Mecklenburg gezogen, das sich am Ort Suckow als Tornado mit großen Schäden entlud.

Leider ist uns aber bei der Produktion des Films ein Fehler passiert. Wir haben nämlich zu dem Satz oben nicht Bilder aus Suckow gezeigt, sondern versehentlich Bilder eines Tornados aus dem Jahre 2015, der in der Kleinstadt Bützow schwere Schäden anrichtete.

Wir bedauern diesen redaktionellen Fehler sehr und bedanken uns bei den Zuschauern, die uns darauf aufmerksam gemacht haben.

In unserer Fassung in der Mediathek haben wir den Passus entfernt, der auch bei zukünftigen Wiederholungen der Sendung nicht mehr ausgestrahlt wird.

Autorin: Jelena Morgenstern, Petra Nicklis

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