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Tage der Uneinheit – Ist Deutschland gespalten?

Tage der Uneinheit – Ist Deutschland gespalten? | Video verfügbar bis 04.10.2018

"Die Wahl hat die Deutschen daran erinnert, wie geteilt ihr Land noch immer ist", analysiert die "Neue Zürcher Zeitung". Über 25 Jahre nach der Wiedervereinigung sind in Ostdeutschland der linke und der rechte Rand des Parteienspektrums, also Linke und AfD, mit fast 40 Prozent annähernd so stark wie die sogenannte Mitte. Die Rechtspopulisten der AfD schockierten die etablierten Parteien allerdings auch im Westen der Republik mit deutlich zweistelligen Ergebnissen. Ist die wohlsortierte Berliner Republik von den politischen Rändern her bedroht? Verstehen Politiker allen Beteuerungen zum Trotz die Sorgen der Bürger nicht mehr? Und ist die Jamaika-Koalition dazu geeignet, die politische Uneinigkeit im Land zu überwinden?

Kerstin und Frank Hansen 

Kerstin und Frank Hansen
Kerstin und Frank Hansen

Eine ungewöhnliche Ehe: Sie in der SPD, er in der AfD. Seit über zehn Jahren sind die Tierärztin Kerstin und der Marineoffizier Frank Hansen verheiratet. Er ist Kreisvorsitzende seiner Partei, sie SPD-Ortsvorsitzende. Beide werden dafür in ihrer schleswig-holsteinischen Heimat öffentlich angefeindet; die Scheiben des Autos wurden eingeschlagen, das Haus mit Farbbeuteln beworfen. Enttäuscht zeigte sich Kerstin Hansen, Mutter von drei Kindern, von ihrer eigenen Partei im Landkreis und trat als Pressesprecherin zurück: "Nach den Anschlägen erhielt ich von allen Parteien Anteilnahme, nur nicht von meiner eigenen. Hier hieß es nur, ich sei selber schuld und solle mich scheiden lassen."

Ralf-Dieter Brunowksy (ehemaliger "Capital"-Chefredakteur)

Ralf-Dieter Brunowsky
Ralf-Dieter Brunowsky

Der Journalist sieht am Tag der Einheit dieses Jahr kein Grund zum Feiern: "Selten ist Deutschland so wenig wiedervereinigt gewesen wie nach dieser Wahl", glaubt Ralf-Dieter Brunowsky. Dass die Rechtspopulisten in den neuen Bundesländern solche Zustimmungswerte erhalten, sei eine Zumutung für alle Demokraten. "Viel Geld ist von West nach Ost geflossen. Dankbarkeit muss man dafür nicht erwarten. Aber wenigstens Vernunft statt Anti-Merkel-Geschrei", klagt der langjährige Chef des Wirtschaftsmagazins "Capital" und ergänzt: "Man kann sich gar nicht sicher sein, ob der Osten die Einheit überhaupt noch gut findet." 

Boris Palmer, B’90/Grüne (Tübinger Oberbürgermeister)

Boris Palmer
Boris Palmer

Im Wahlkampf hat der Grünen-Politiker wegen seines Kurses in der Flüchtlingspolitik heftige Kritik von Parteifreunden einstecken müssen. Jetzt sieht sich Boris Palmer durch den Erfolg seiner Partei in Tübingen und das schwache Ergebnis der AfD bestätigt. "Meine Politik ist das beste Rezept gegen die AfD", sagt der langjährige Bürgermeister der Universitätsstadt. Boris Palmer rät davon ab, Missstände in der Migrationspolitik totzuschweigen. Er zeigt sich offen für eine Jamaika-Koalition: "Wir waren immer realpolitisch, wenn es um Regierungen geht."

 Foto: dpa

Martin Patzelt, CDU (Bundestagsabgeordneter)

Martin Patzelt
Martin Patzelt

Eigentlich wollte der CDU-Politiker aus Frankfurt (Oder) nicht erneut bei der Bundestagswahl kandidieren. Doch als er erfuhr, dass Alexander Gauland in seinem Wahlkreis antritt, wollte der 70-jährige ein Zeichen setzen und gewann mit deutlichem Abstand vor dem AfD-Spitzenkandidaten. "Wir sind nicht Dunkeldeutschland und wollen auch nicht so erscheinen", betont Martin Patzelt. Dennoch gebe es nachvollziehbare Gründe für die Erfolge der AfD im Osten Deutschlands: "Wir haben gegenüber dem Westen einen Minderwertigkeitskomplex", sagt der Bundestagsabgeordnete, der 2015 bundesweit Schlagzeilen machte, als er zwei Flüchtlinge aus Eritrea in seinem Privathaus aufnahm.

Bettina Gaus ("taz"-Journalistin)

Bettina Gaus
Bettina Gaus

"Es ist zutiefst deprimierend, dass eine völkische Partei mit weit über zwölf Prozent im Bundestag vertreten ist", sagt die politische Korrespondentin der "taz". Dennoch sei diese Entwicklung noch kein Grund zur Panik. Zwar würden rechtspopulistische Ansichten bis weit in die Mitte der Gesellschaft geteilt, aber das bedeute nicht, dass die Bevölkerung insgesamt rechts stünde. Die Journalistin bezweifelt, dass eine Jamaika-Koalition etwas gegen die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich im Land tun würde: "Eine solche Regierung würde den Abschied von der sozialen Komponente in der Politik bedeuten."

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