SENDETERMIN Mi, 25.04.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Abzocke: Wie Erbschleicher Senioren ausnehmen

PlaySenioren auf einer Bank
Abzocke: Wie Erbschleicher Senioren ausnehmen | Video verfügbar bis 25.04.2019 | Bild[1]: dpa

 Inhalt in Kürze:

– Erbschleicher bauen Vertrauen zu Senioren auf und nutzen sie dann aus.
– Die Täter kommen meist aus dem direkten Umfeld der Senioren
– Die meisten Fälle werden nie aufgedeckt, weil die Opfer versterben
– Viele Angehörige kämpfen dann um das Erbe

Else S. wurde letztes Jahr Opfer einer Erbschleicherin. Nach kürzester Zeit bedachte sie eine neue Bekanntschaft in ihrem Testament. Der Schwindel flog erst in letzter Sekunde auf.

Else S. wurde Opfer einer Erbschleicherin.
Else S. wurde Opfer einer Erbschleicherin. | Bild: Das Erste

Im Sommer vergangenen Jahres lernt Else S. in einem Münchner Café eine Frau kennen. Sie verstehen sich gut und nach kurzer Zeit bietet die neue Bekanntschaft an, Erledigungen für Else S. zu übernehmen und sich während eines Krankenhausaufenthalts um sie zu kümmern. Die alleinlebende Seniorin ist eine resolute Frau, trotz ihrer 85 Jahre ist sie viel unterwegs und kann sich gut um sich selbst kümmern. Im Hinblick auf den anstehenden Krankenhausaufenthalt freut sie sich allerdings über die vermeintliche Hilfsbereitschaft. So nimmt sie auch in Kauf, dass die Frau nach einiger Zeit den Kontakt zu Bekannten und Nachbarn unterbindet. Sie nimmt ihr Handy und Adressbuch weg: "Ich habe mit niemandem mehr reden dürfen. Sie hat mir immer gesagt, ich hätte Demenz und mit mir könne man nicht mehr sprechen".

Finanzielle und emotionale Schäden

Erbschleicher kapseln ihre Opfer ab, nehmen ihnen das Handy weg.
Erbschleicher kapseln ihre Opfer ab, nehmen ihnen das Handy weg. | Bild: Das Erste

Damit ihre neue Bekanntschaft Besorgungen machen kann, kauft Else S. ihr ein Auto. Außerdem überschreibt sie ihr per Testament eine Immobilie: "Ich habe ihr gesagt, sie kriegt alles, wenn mir etwas passiert. Das habe ich so mit ihr besprochen, weil sie ja alles für mich tut." Mit einer Vollmacht verschafft sich die neue Bekanntschaft außerdem Zugang zu Else S. Bankgeschäften und hebt in wenigen Monaten über 20.000 Euro ab.

Nicht nur finanziell wird die Situation für Else S. immer kritischer, sondern auch psychisch. Ihre neue Bekannte droht ihr, sie in einem Heim unterzubringen. "Ich habe so Angst gehabt vor dem Heim, dass ich alles gefressen hätte", sagt Else S. heute.

Das typische Verhalten der Erbschleicher

Schwester Bernadette vom Orden der Schwestern vom Guten Hirten in München
Schwester Bernadette vom Orden der Schwestern vom Guten Hirten in München | Bild: Das Erste

Das Verhalten ihrer neuen Bekanntschaft ist typisch für sogenannte "Erbschleicher". Schwester Bernadette vom Orden der Schwestern vom Guten Hirten in München betreut ehrenamtlich Opfer von Erbschleichern und berichtet vom immer gleichen Vorgehen: Es wird Vertrauen aufgebaut, das bisherige soziale Umfeld abgekapselt und schließlich folgen Drohungen und die finanzielle Ausbeutung. Sie hat häufig mit den Hinterbliebenen der Opfer zu tun, die meist lange unter den Folgen der Erbschleicherei leiden: "Die meisten können sich gar nicht mehr richtig verabschieden, das ist schon sehr hart, wenn ich die Oma nicht mehr sehen konnte."

Rettung in letzter Sekunde

Die Bankkarten sollte man nie aus der Hand geben.
Die Bankkarten sollte man nie aus der Hand geben. | Bild: Das Erste

In Else S. Fall sind schließlich die Nachbarn misstrauisch geworden. Ihnen hatte die Seniorin gesagt, dass sie bald nicht mehr erreichbar sei, weil ihre neue Bekannte mit ihr nach Ungarn reisen würde. Wohin genau wüsste sie nicht. Ihre vermeintliche Betreuerin hatte ihr nur gesagt, dass sie sich dort erholen solle und es keine Möglichkeit gäbe, sie telefonisch zu erreichen. Ein Nachbar von Else S. erfuhr davon: "Ich will da nichts unterstellen. Aber das sind Dinge, wo bei mir die roten Laternen geleuchtet haben. Ich habe dann die Polizei informiert, um die Sache von offizieller Stelle durchleuchten zu lassen". Die geplante Ausreise wird so in letzter Sekunde gestoppt. Else S. lebt heute wieder alleine in ihrer Wohnung und hat den Kontakt zu ihren Nachbarn wieder aufgebaut.

Erbschleicher erkennen und vorbeugen

Dass die Erbschleicherin, wie in Else S. Fall, eine völlig Unbekannte ist, kommt eher selten vor. Die Täter sind laut dem Münchner Erbrechtsanwalt Dr. Fritz häufiger Familienangehörige, Bekannte, Nachbarn und andere Menschen aus dem nahen Umfeld.

Mit einem Notfallknopf kann sich der Betroffene schnell wehren.
Mit einem Notfallknopf kann sich der Betroffene schnell wehren. | Bild: Das Erste

Er betont auch die eigene Verantwortung der Familienangehörigen zu Lebzeiten. "Es ist auch ein gesellschaftliches Phänomen, dass wir keine intakten Familien mehr haben, sonst würde das nicht passieren.Vor allem die Leute, die niemanden mehr haben, sind potentielle Opfer für Erbschleicher."

Wie kann man sich schützen?

Kontakt halten


"Man sollte Menschen, die man beispielsweise mit der Pflege beauftragt, ganz genau anschauen. Angehörige sollten hellhörig sein, wenn sich Leute verändern, nie den Kontakt aufgeben und sofort schalten, wenn etwas anders ist." Schwester Bernadette

Testament sicher hinterlegen

"Wenn ein Testament gemacht wurde, dann sollte man das beim Amtsgericht hinterlegen. Das kostet nur ein paar Euro und bietet richtige Sicherheit. Um das Testament dann noch zu ändern, muss der Erbschleicher denjenigen zum Amtsgericht bringen und das schafft er nicht." Erbrechtsanwalt Professor Thieler.

Warnsignale erkennen

"Wenn man bei Telefongesprächen mit älteren Angehörigen das Gefühl hat, da steht einer dahinter, dann muss man reagieren. Das ist einer der ersten Punkte, an denen man merkt, dass Erbschleicherei im Gange ist. Wenn man das Gefühl hat, dass jemand die Telefongespräche nicht erlaubt." Erbrechtsanwalt Professor Thieler.

Erbrechtsanwalt Professor Thieler.
Erbrechtsanwalt Professor Thieler gibt Tipps. | Bild: Das Erste

Seriöse Pfleger beschäftigen

"Ich warne vor schwarzer Beschäftigung von Pflegern. Wenn kein Kontrollmechanismus besteht, dann kann sowas auch eher passieren." Hubert Röser vom Bundesverband Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen (bad) e. V.

(Bericht: Mira-Sophie Potten)
(Stand: Ende April 2018)

Stand: 26.04.2018 11:10 Uhr