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Alkoholkonsum: Milliardenkosten für die Gesellschaft

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Alkoholkonsum: Milliardenkosten für die Gesellschaft

Alkohol gehört in Deutschland zum Alltag. Aber er ist auch eine gefährliche Droge. Die gesellschaftlichen Kosten, die er verursacht, sind deutlich größer als bislang angenommen. Experten fordern daher höhere Steuern. Doch die Regierung hält das für unnötig. Sie ist gut vernetzt mit der Alkoholindustrie.

Alkoholismus und die Folgekosten für eine Gesellschaft.
Nicht selten endet ein Abend in einer Bar in der Notaufnahme.

Freitag, 20 Uhr, Uniklinik Jena. Ein Rettungswagen liefert den ersten Alkoholfall des Abends in der Notaufnahme ab. Der 66-jährige Rentner ist vor einem Supermarkt umgekippt. Während der Fahrt ins Krankenhaus war er kaum ansprechbar. Er blutet am Kopf. Das ist heikel, erklärt Oberarzt Steffen Herdtle: "Eine Kopfverletzung bei einem Alkoholisierten, da wissen wir nicht, ist der Zustand aufgrund des Alkohols oder weil er sich eine Hirnblutung zugezogen hat." Der Alkoholtest ergibt 3,42 Promille. Der Mann hatte schon am Vormittag angefangen zu trinken – auf dem Jenaer Altstadtfest. Er hat Glück. Die Computertomografie ergibt: nur eine Beule, keine Gehirnblutung.

Nicht nur Junge trinken

Steffen Herdtle hat die Fallzahlen seiner Station ausgewertet. Das Ergebnis: Mit akutem Rausch kommen bei weitem nicht nur die Jungen, die beim Weggehen zu viel Alkohol erwischt haben. "Wir haben zwei große Peaks, so um die 25 Jahre alt und einmal Anfang 50", sagt der Oberarzt dem ARD-Wirtschaftsmagazin "Plusminus". "Das sind die zwei großen Gruppen, die sich herauskristallisiert haben."

Im Durchschnitt trinken die Deutschen zwar etwas weniger als früher. Aber viele trinken gefährlicher. 2014 landeten in den Notaufnahmen 118.000-mal Patienten mit Alkoholvergiftung. In zehn Jahren ist die Zahl um ein Drittel gestiegen. Außerdem werden immer mehr Menschen abhängig von Alkohol. 1,8 Millionen Deutsche sind betroffen. Und: Jedes Jahr sterben hierzulande bis zu 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Alle illegalen Drogen zusammen fordern 60-mal weniger Menschenleben.

So gefährlich ist Alkoholkonsum

Die Gefahren des Alkoholkonsums
Die Gefahren des Alkoholkonsums

Milliardenkosten jedes Jahr

Während die Bundesregierung in ihrem aktuellen Drogenbericht von etwa 27 Milliarden Euro an sozialen Kosten durch Alkohol ausgeht, kommt eine Studie der Universität Hamburg auf einen mehr als doppelt so hohen Wert. Demnach betragen die ökonomischen Kosten – zum Beispiel für medizinische Behandlung, Frührente oder Hartz IV – insgesamt fast 40 Milliarden Euro.

Wer zahlt und wer verdient?

Preis des Alkoholkonsums
Der Preis des Alkoholkonsums

Dazu kommen noch Schmerz und Leid durch Alkohol, die der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler Tobias Effertz mit etwa 18 Milliarden Euro beziffert. Er hat berechnet, wie viel Schmerzensgeld deutsche Gerichten den Betroffenen zusprechen dürften, würde die Alkoholindustrie für die negativen Folgen ihrer Produkte haftbar gemacht. In Summe beträgt der gesellschaftliche Schaden durch Alkohol demnach 58 Milliarden Euro – jedes Jahr. Die Einnahmen durch Alkoholsteuern betragen lediglich 3 Milliarden.

"Die wichtigste Maßnahme, die längst überfällig ist in Deutschland, ist eine gründliche Erhöhung der Alkoholsteuern", fordert der Experte der Universität Hamburg im Interview mit "Plusminus". "Sie sollten so erhöht werden, dass sie den Konsumenten die Kosten des schädlichen Alkoholkonsums vor Augen halten."

Ausgleich durch höhere Steuern

Kosten der Alkoholsucht
Der Wirtschaftswissenschaftler Tobias Effertz erforscht den Akoholismus aus volkswirtschaftlicher Sicht.

Weltweite Studien haben gezeigt, dass ein höherer Preis für Alkohol zu weniger Konsum führt – deutlich wirksamer als beispielsweise Informationskampagnen. Er fordere kein Verbot von Alkohol, sagt Effertz, "es soll nur fair in die Getränke eingepreist werden, was an Kosten verursacht wird." Wer mehr trinkt als der Durchschnitt, würde dann auch deutlich mehr Steuern zahlen. Würde man die sozialen Kosten des Alkoholkonsums direkt auf die aktuell angebotene Menge an alkoholischen Getränken aufschlagen, so müsste nach Berechnungen von Plusminus eine Flasche Bier etwa 1,70 Euro mehr kosten, die Flasche Wein 5 Euro und die Flasche Schnaps sogar 13 Euro.

Sonderstellung der Alkoholbranche

Bier
Die Steuer für Bier wurde seit Jahrzehnten nicht mehr erhöht.

Die Alkoholsteuern auf Bier und Schnaps wurden seit Jahrzehnten nicht mehr angehoben. Wein ist in Deutschland sogar steuerfrei. Fast nirgends in Europa sind die Alkoholsteuern so niedrig wie hierzulande. Die Bundesregierung sieht dennoch keinen Bedarf, die Steuern auf Alkohol zu erhöhen – auch Werbeverbote, die von Experten ebenfalls gefordert werden, hält sie für unnötig. Dabei hätten zumindest Werbebeschränkungen eine gute Chance, im Bundestag eine Mehrheit zu finden. Auf Anfrage von "Plusminus" teilten die drogenpolitischen Experten von Grünen und Linken mit, Werbeverbote zu unterstützen. Auch die SPD zeigte sich offen dafür.

Bei Tabak hat die Politik durchgegriffen: höhere Steuern, drastische Warnhinweise und Fotos auf Zigarettenschachteln, kein Verkauf mehr an Minderjährige. Für Alkohol gilt all dies nicht. Weil 96 Prozent der Erwachsenen in Deutschland regelmäßig trinken, gilt Politik gegen die Alltagsdroge als unpopulär. Auf Bier- oder Weinflaschen müssen noch nicht einmal Angaben zum Kaloriengehalt der Getränke gemacht werden.

Warum ist das so? "Die Lobbyanstrengungen der Industrie sind sehr, sehr stark", sagt der Hamburger Wirtschaftsexperte Tobias Effertz. "Aber wir kommen nicht daran vorbei: Wenn wir das Problem des schädlichen Alkoholkonsums zurückführen möchten, bedeutet das auch, dass weniger Alkohol konsumiert wird."

Politiker werben für Bier

Kosten der Alkoholsucht
Kanzleramtschef Peter Altmaier bekennt sich öffentlich zum Bier.

Das größte Bierzelt auf dem Volksfest Gillamoos in Abensberg. Auf der Bühne steht Peter Altmaier, CDU, der Kanzleramtschef. Er hebt seinen Bierkrug und versichert dem Publikum: Er mogelt nicht mit Mineralwasser. "Ich kann Ihnen versprechen, ich würde diesen Bierkrug nicht in die Hand nehmen, wenn irgendwas anderes drin ist als Bier", ruft er ins Zelt hinein – und erntet Beifall. Der Kanzleramtschef stellte sich bereits ehrenamtlich in den Dienst der Bierlobby. 2013 vertrat er ihre Interessen als "Botschafter des Bieres".

Diesen Titel vergibt der "Deutsche Brauerbund" seit Jahren an Spitzenpolitiker – als Anerkennung ihres energischen Einsatzes für das deutsche Bier. Zu den bisherigen Würdenträgern zählten Außenminister Frank-Walter Steinmeier, SPD, Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, CSU oder Grünen-Chef Cem Özdemir. Aktuell stellt sich Bundestagspräsident Norbert Lammert, CDU, ehrenamtlich zur Verfügung.

Die letzte Politikerin, die eine härtere Gangart gegen Alkohol forderte, scheiterte am Widerstand der Lobby und der Bevölkerung: Als die Bundesdrogenbeauftrage Sabine Bätzing, SPD, 2008 strenger Regeln für Werbung und Sport-Sponsoring forderte und Steuererhöhungen zumindest prüfen lassen wollte, formierte sich eine Allianz aus Alkoholindustrie, Sportverbänden, Werbebranche, Zeitungsverlegern und Wirtschaftsverbänden, die einflussreiche CSU-, CDU-, aber auch SPD-Politiker auf ihrer Seite brachte. Von Bätzings Plan blieb nichts übrig.

Der Staat mischt selbst mit

Kosten des Alkoholkonsums
Die Zahl der alkoholabhängigen Menschen in Deutschland steigt.

Könnte die Zurückhaltung der Politik auch damit zu tun haben, dass der Staat zum Teil selbst am Alkoholverkauf verdient? Nach Recherchen von Plusminus subventioniert die Mehrheit der Bundesländer alkoholproduzierende Betriebe, ebenso der Bund. Sieben Bundesländer sind sogar direkt oder indirekt an Firmen beteiligt, die Alkohol produzieren.

Bericht: Wolfgang Kerler, Vanessa Lünenschloß

Stand: 13.10.2016 00:35 Uhr