SENDETERMIN Mi, 18.10.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Posse um Bahnsteighöhe: Warum viele Bahnhöfe umgebaut werden sollen

PlayBahnsteig
Posse um Bahnsteighöhe: Warum viele Bahnhöfe umgebaut werden sollen | Video verfügbar bis 18.10.2018 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

– Die Deutsche Bahn will Bahnsteige auf eine einheitliche Höhe von 76 Zentimetern bringen.
– Im Nahverkehr, der Ländersache ist, hatte man sich aber für 55 Zentimeter entschieden und für einen barrierefreien Zugang entsprechende Züge angeschafft.
– Die geplanten Umbauten würden hohe Millionenbeträge verschlingen und die Barrierefreiheit erheblich einschränken.

Eine Grafik visualisiert die unterschiedlichen Bahnsteighöhen auf der Strecke der Residenzbahn zwischen Pforzheim und Vaihingen.
Auf der Strecke der Residenzbahn zwischen Pforzheim und Vaihingen ist an Einheitlichkeit bei den Bahnsteighöhen wohl bald nicht mehr zu denken.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Die Bahnsteige des Pforzheimer Bahnhofs sind gerade für 7,3 Millionen Euro saniert worden. Im rund 15 Kilometer entfernten Mühlacker Höhe wurden 4,2 Millionen Euro in die Sanierung gesteckt. In beiden Orten wurden die Bahnsteige auf eine Höhe von 55 Zentimetern gebaut, die einen barrierefreien Zugang zu Nahverkehrszügen ermöglicht.

Genau in der Mitte zwischen Pforzheim und Mühlacker liegt Niefern. Auch hier wird bald saniert. Allerdings wird die Bahnsteighöhe danach nicht 55, sondern 76 Zentimeter betragen. Auch weitere Bahnsteige zwischen Karlsruhe und Stuttgart sollen bald höhere Bahnsteige bekommen. Durchgängig barrierefrei ist die Strecke dann nicht. Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Erik Schweikert (FDP) kritisiert die Pläne:

"Es macht natürlich keinen Sinn, wenn man gerade eine Strecke mit 55 Zentimetern ausgebaut hat, einzelne Bahnhöfe noch mit 76 hinzubauen. Von daher ist das eigentlich Unsinn, der da passiert."

Unterschiedliche Zuständigkeiten – unterschiedliche Höhen

Jochen Schulz von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schienenpersonennahverkehr
Für Jochen Schulz von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schienenpersonennahverkehr haben die Bahnpläne schon jetzt Folgen. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Schon seit 1904 gibt es die Eisenbahn-Bau- und -Betriebsordnung. Sie empfiehlt tatsächlich eine Bahnsteighöhe von 76 Zentimetern. Diese unverbindliche Empfehlung wird meist im Fernverkehr beachtet. Im Nahverkehr jedoch läuft es anders: Seit der Bahnreform von 1996 sind dafür nämlich die Länder zuständig – und die haben sich für die kleinere Höhe entschieden. Warum, das weiß Jochen Schulz von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schienenpersonennahverkehr:

"In den 90er-Jahren hat man gemerkt: 55 ist eine ganz gute Höhe, ausgelegt für Doppelstockwagen und neue Niederflurdieseltriebwagen, die damals kamen."

Eine Grafik erklärt auf einer Deutschlandkarte, dass 37 Prozent der 4.888 Bahnsteige in Deutschland eine Höhe von 55 Zentimetern haben.
37 Prozent der 4.888 Bahnsteige in Deutschland haben eine Höhe von 55 Zentimetern. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Diese Doppelstockzüge eroberten vom Osten aus den westdeutschen Nahverkehr. Ihre Einstiege sind niedrig. Im Auftrag der Länder baut die Bahn dafür passende Bahnsteige: 55 Zentimeter hoch.

Deutschlandweit liegt ihr Anteil bei 37 Prozent. In Nordrhein-Westfalen sind es nur sieben Prozent. Im Osten dagegen überwiegen sie. Auch Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland bekommen viele niedrige Bahnsteige.

Wolfgang Ball von der Nahverkehrsgesellschaft Sachsen-Anhalt
Wolfgang Ball von der Nahverkehrsgesellschaft Sachsen-Anhalt erschließt sich der Sinn des neuen Bahnhöhenkonzepts nicht | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Doch nun verlangt das Bundesverkehrsministerium, "zukünftig noch stringenter die Regelbahnsteighöhe von 0,76 m" einzuhalten. Nur so lasse sich "die Technische Einheitlichkeit im Eisenbahnwesen erzeugen". Die Länder sind überrascht. Wolfgang Ball von der Nahverkehrsgesellschaft Sachsen-Anhalt beschreibt die Irritation:

"Das finden wir überhaupt nicht gut und wir können auch den Sinn dieser Sache nicht sehen."

Teure Pläne

Eine Grafik zeigt auf einer Deutschlandkarte den prozentualen Anteil von Bahnsteigen mit 55 Zentimetern Höhe in den einzelnen Bundesländern.
Der Anteil von Bahnsteigen mit 55 Zentimetern Höhe ist in den einzelnen Bundesländern sehr verschieden. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Ein internes Papier, das "Plusminus" zugespielt wurde, zeigt, wie ernst es die Bahn mit ihrem neuen Bahnsteighöhenkonzept meint. Danach sollen zum Beispiel in Sachsen alle Strecken umgestellt werden. Ausgenommen sind nur jene nahe der Grenze zu Tschechien. Den Umbau lässt sich der Konzern einiges kosten. Kritiker schätzen die Mehrkosten auf eine Milliarde Euro. Schon jetzt hat das Konzept weitreichende Folgen, wie Jochen Schulz von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schienenpersonennahverkehr erklärt:

"Wir sind doch ziemlich entsetzt über die Pläne der Bahn, weil sie in vielen Stationen und in vielen Regionen nur für große Schwierigkeiten sorgen. Projekte sind gestoppt worden, Projekte müssen umgeplant werden."

Dreck, Lärm und Ausfälle

Ein Beispiel für die Auswirkungen ist der erst vor vier Jahren eröffnete Leipziger City-Tunnel. Fast eine Milliarde Euro hat das Prestigeobjekt der Bahn gekostet. Also müssten auch hier die Bahnsteige auf 76 Zentimeter erhöht werden – mit allem was dazu gehört: Dreck, Lärm und ausfallende Züge während der Bauarbeiten.

Nahverkehrsunternehmen überrascht

Nahverkehrszug
Im Nahverkehr wurden Züge angeschafft, die auf einer Höhe von 55 Zentimetern einen barrierefreien Zugang ermöglichen.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Während viele Bürgerinnen und Bürger in den Plänen das Werk eines Schreibtischtäters und eine sinnlose Verschwendung von Steuergeldern sehen, sind auch private Bahnbetreiber überrascht. Bei Abellio Rail Mitteldeutschland wurden gerade erst 85 neue Triebwagen angeschafft – alle mit Einstiegen auf einer Höhe von 55 Zentimetern. Bei 76 Zentimetern wie in Halle/Saale müssen Reisende wieder eine Stufe nehmen. Hätte man von den Bahnplänen gewusst, wären sicherlich andere Züge gekauft worden, doch dafür nun ist es zu spät, wie Abellio-Sprecher Matthias Neumann erklärt:

"Von daher könnten wir fahrzeugseitig gar nichts anbieten: Da müsste alles umgebaut werden: Einstiege, Türen, Fußböden. Das ist quasi ein Ding der Unmöglichkeit."

Rückschritt bei der Barrierefreiheit

Reisende ohne Einschränkungen schmunzeln vielleicht über die Bahnpläne. Menschen mit Behinderung aber vergeht das Lachen. Martina Scholz aus Leipzig etwa kommt nun wieder häufiger mit einem alten Bekannten zusammen: der Einstiegs-Rampe. Eigentlich sollte der Nahverkehr in fünf Jahren weitgehend barrierefrei sein. Jetzt müsste Martina Scholz schon 100 Jahre alt werden, um das zu erleben, denn nun dauert es nicht fünf, sondern weitere 40 Jahre. Sie ärgert sich über Umbaupläne, die ihr auf Reisen das Leben erschweren:

"Find ich gar nicht gut, weil ich immer sage, das müssten Leute machen, die selbst im Rollstuhl sind, dann würden die das ganz anders empfinden, wenn die sowas planen."

Die Frage nach dem Sinn

Doch warum das eigentlich? Vor der Kamera will niemand von der Bahn etwas dazu sagen. Als "Plusminus" am 20. August 2017 Eckhart Fricke, den Konzernbevollmächtigten für Mitteldeutschland, am Rande einer Konferenz in Chemnitz mit der Frage nach Sinn und Verstand der Pläne konfrontiert hat, gab es nur ausweichende Antworten: Es gebe eine Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung, es gebe Gesetze und Richtlinien, und über die könne man sich ja nicht einfach hinwegsetzen.

der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Erik Schweikert (FDP)
Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Erik Schweikert (FDP) hält die Umbaupläne für einen Schildbürgerstreich.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Schriftlich teilt die Bahn schließlich noch mit, ein Umbau erfolge nur, "wenn die Nutzungsdauer des Bahnsteiges beendet ist". Was dennoch verschiedene Bahnsteighöhen für viele Jahre zu Folge hätte. Für den Landtagsabgeordneten Erik Schweikert ist das nicht nachvollziehbar:

"Das ist ein Schildbürgerstreich, wie er im Buche steht, weil er massiv Geld verbrennt. Das sind ja Steuergelder, die investiert werden."

Übrigens: Die höheren Bahnsteige sollen, so die Bahn, das Einsteigen im Fernverkehr erleichtern. Der ICE hat allerdings Treppen und ist daher ohnehin nicht barrierefrei. Die neuen Doppelstock-ICs sind sogar so gebaut, dass man bei 55 und bei 76 Zentimetern barrierefrei einsteigen kann. Und in Niefern ergeben die hohen Bahnsteige erst recht keinen Sinn. Hier rauschen Fernzüge nämlich regelmäßig durch.

Autoren: Björn Menzel, Matthias Weidner

Stand: 18.10.2017 23:00 Uhr