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Giftige Drucker: Warum Dreckschleudern den Blauen Engel bekommen

Giftige Drucker: Warum Dreckschleudern den Blauen Engel bekommen | Video verfügbar bis 18.10.2018

– Tonerstäube aus Laserdruckern sind oft giftig und können nachweislich den Menschen schädigen.
– Trotz anderen Studien nehmen Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt eine wenig kritische Haltung ein.
– Die Studien, auf die sie sich berufen, sind allerdings interessengesteuert, unwissenschaftlich und nicht unabhängig.

Andrea Haumann kommt kaum noch eine Treppe hoch. Dabei ist sie gerade mal 43 Jahre alt. Sie hat schwere Lungenprobleme und braucht nach körperlicher Anstrengung eine Sauerstoffmaske. Andrea Haumann ist arbeitsunfähig.

Krankmachende Druckerpartikel

Andrea Haumann
2.000 Seiten hat der Laserdrucker, neben dem Andrea Haumann gearbeitet hat, täglich ausgedruckt. Das hat sie krank gemacht.

Bis vor drei Jahren arbeitete sie in einem Büro, direkt neben einem Laserdrucker. Der druckte pro Tag rund 2.000 Seiten. Weil sie die Blätter oft noch bearbeiten musste, hatte sie danach oft schwarze Finger. Am schlimmsten war aber der immer heftiger werdende Husten, der sie beunruhigte:

"Im Lauf der Zeit merkte ich dann eben, dass ich schwarze Hustenauswürfe hatte. Im späteren Verlauf konnte man dann auch blutigen Hustenauswurf erkennen. Und wenn ich mit einem Colordrucker gearbeitet habe, war der Hustenauswurf blau."

Der TÜV bestätigte in einem Gutachten: Ursache ihrer Krankheit sind Schwebstoffe aus dem Drucker. Auch ein zweiter Gutachter sah "berufliche Einwirkung von Tonermaterial" als Krankheitsursache.  

Kleiner als Feinstaub

Eine Bildmontage stellt Laserdrucker-Partikel dar, die von einem Menschen eingeatmet werden.
Aus vielen Laserdruckern entweichen schädliche Feinststaub-Partikel.

Tatsächlich werden Emissionen von Laserdruckern seit vielen Jahren als Gesundheitsgefahr diskutiert. Wenn sie den Toner mit hoher Temperatur auf dem Papier fixieren, entstehen Milliarden feinster Aerosole, die eingeatmet werden können. Darin sind auch Milliarden Tonerpartikel enthalten, noch kleiner sind als der viel diskutierte Feinstaub. Im Drucker lagern sie sich oft als schmieriger schwarzer Film ab.

In einem Online-Text über Gefahren durch Luftverschmutzung und Feinstaub warnte die Bundesregierung noch im letzten Jahr:

"Laserdrucker setzen Feinstaub in ultrafeiner Partikelgröße frei - die besonders gefährlich ist."

Doch vor einigen Monaten verschwand dieser Satz. Warum?

Das Bundesumweltministerium teilt uns dazu mit: Der Satz "widerspricht den vom Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt in Auftrag gegebenen Untersuchungsergebnissen … (und)wurde deshalb ersatzlos gestrichen". Gibt es also neue Erkenntnisse, die Laserdrucker als harmlos ausweisen?

Fragwürdige Haltung

Heike Krüger von der Stiftung Nano-Control
Heike Krüger von der Stiftung Nano-Control kennt das Problem mit den Laserdruckern aus eigener Erfahrung.

Heike Krüger ist stellvertretende Vorsitzende der Stiftung Nano-Control, die inzwischen einige tausend Menschen, die durch Laserdrucker krank wurden, betreut. Auch sie selbst ist betroffen und nutzt deshalb nur noch Tintenstrahl-Drucker. Die Haltung der Umweltbehörden kann sie nicht verstehen:

"Wir hatten vor kurzem einen Termin beim Bundesumweltministerium, wo auch das Umweltbundesamt anwesend war. Bei diesem Gespräch hatten wir deutlich das Gefühl, dass die eine vorgefertigte Meinung haben. Weder das Umweltbundesamt noch das Umweltministerium nehmen weltweite Forschungen wahr, die deutlich sagen, dass Handlungsbedarf besteht, weil Risiken für den Menschen nicht ausgeschlossen werden können."

So veröffentlichten Forscher aus Harvard erst vor kurzem, "überzeugende Beweise, dass Emissionen von Laserdruckern in den Zellen oxidativen Stress erzeugen, Entzündungen fördern und höchstwahrscheinlich das Erbgut schädigen."

Prof. Michael Braungart, Direktor des Hamburger Umweltinstitutes
Prof. Michael Braungart, Direktor des Hamburger Umweltinstitutes, erhält häufig Anfragen von Betroffenen.

Prof. Michael Braungart, Direktor des Hamburger Umweltinstitutes, erhält selbst häufig Anfragen von Betroffenen. Wir haben ihm Analysen von mehr als 70 verschiedenen Drucker-Tonern gezeigt, die Nano-Control in Auftrag gegeben hat. Je nach Hersteller enthalten sie neben Kohlenstaub, Eisen oder Silicium auch giftige Stoffe wie Aluminium, Mangan, Nickel und gar Cadmium und Blei.

"Es gibt hier ganz viele Stoffe, die extrem gesundheitsschädlich sind, die krebserzeugend sind, die Erbinformationen verändern. Jede dieser Feinstaubteile wirkt wie eine kleine Harpune: Sie schneiden wie eine Pfeilspitze durch meine Zellen hindurch und sie zerstören diese Zellen. Die Zellen versuchen sich dann zu reparieren, aber sie verkalken darüber und  das Gewebe wird brüchig. Der Stand ist eindeutig: Diese kleinen Feinststaubteile verkürzen direkt unsere Lebenserwartung."

Keine Hürde für den Blauen Engel

Das dafür zuständige Umweltbundesamt, sieht das anders. Hier arbeitet die Kommission Innenraumlufthygiene an Richtlinien und Empfehlungen, auch zu Laserdruckern. Sie legte auch Kriterien fest, nach denen Laserdrucker sogar als umweltfreundlich mit dem Blauen Engel ausgezeichnet werden.

Verschwommenes Gift-Symbol in Gestalt eines Totenkopfes
Auf manchen Laserdruckern müsste wohl eher ein Gift-Symbol kleben als ein Blauer Engel.

Grundlage ist die Zahl der pro Druck in die Luft geblasenen Partikel. Das sind teilweise mehr als 1.000 Milliarden. Allerdings ist der Grenzwert, ab dem die Geräte einen Blauen Engel erhalten so hoch angesetzt, dass selbst vergleichsweise dreckige Geräte ihn bekommen können.

Dabei gibt es Laserdrucker, die erheblich weniger Schadstoffe ausstoßen. Doch diese vergleichsweise sauberen Geräte werden durch den Blauen Engel nicht hervorgehoben. Der Kunde hat also keine Chance sie zu erkennen.

Zudem wird bei der Vergabe des Blauen Engels nicht berücksichtigt, ob der in den Geräten verwendete Toner viele oder wenige giftige Schwermetalle enthält. Umweltministerium und Umweltbundesamt begründen das so:

"Die Gesamtemission der Metalle liegt im Bereich, der ohnehin als Hintergrundbelastung vielfach anzutreffenden Konzentrationen."

Interessengesteuert und unwissenschaftlich

Auch das ist ein Ergebnis der Kommission für Innenraumlufthygiene, die beruft sich dabei vor allem auf zwei Studien. Eine finanziert vom Verband der Druckerhersteller, die zweite von der Versicherung der Berufsgenossenschaften. Beide vertreten aber bestimmte Interessen, wie Prof. Michael Braungart betont:

"Das Umweltbundesamt wiegelt ab und verwendet dabei hautsächlich Untersuchungen, die interessengesteuert sind, die eben von Leuten sind, die direkt davon betroffen sind und dann haften müssten, Schadenersatz zahlen müssten oder Berufsunfähigkeit bestätigen müssten. Das ist völlig unwissenschaftlich."

Laserdrucker
Trotz wissenschaftlich fundierter Einwände behält die Kommission für Innenraumlufthygiene ihre Empfehlungen bei.

Tatsächlich ist der Vorsitzende der zuständigen Kommission der Autor der von der Industrie bezahlten Studie. "Plusminus" wurde aus anonymer Quelle ein Mailwechsel zugespielt, in dem sich ein anderes Mitglied der Kommission bitter beklagt. Es sieht 'Interessenskonflikte' und eine "Diskussion nahe am Grotesken". Weiter schreibt es, dass die Kommission Dutzende von belastenden Studien nicht kennen möchte" und beklagt einen "Verfall der Wissenschaftlichkeit". Das Umweltministerium erklärt dazu, die Kommission hätte daraufhin alle Studien noch einmal geprüft – und ihre Empfehlungen beibehalten.

Anja Haumann ist als Geschädigte darüber schlichtweg wütend:

"Ich sehe den Vergleich auch zu einer Umweltzone. In einer Stadt habe ich die. Im Büro habe ich die nicht. Und da ist der Laserdrucker der Dieselmotor – und ich bin unfreiwillig der Filter."

Ähnlich geht es Tausenden anderen Menschen, jeden Tag – im Büro und auch zu Hause.

Autor: Michael Houben

Stand: 18.10.2017 23:00 Uhr