SENDETERMIN Mi, 23.08.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Diebstahl im Einzelhandel – auf den Spuren der Hehler

Diebstahl im Einzelhandel – auf den Spuren der Hehler | Video verfügbar bis 23.08.2018

Inhalt in Kürze:

Die Zahl der Ladendiebstähle ist in Deutschland deutlich angestiegen.
Hohe Einbußen des Einzelhandels führen zu Preisaufschlägen bei häufig gestohlenen Produkten.
Hinter den Diebstählen stecken professionell organisierte Banden.
Verkäuferinnen werden zum Teil bedroht.

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, warum bestimmte Produkte unerklärbar teuer sind? Zum Beispiel Babymilchpulver oder auch Rasierklingen, sowie Parfüm oder Aufsätze für elektrische Zahnbürsten? Das hat sehr viel mit Diebstahl zu tun, wie "Plusminus" herausgefunden hat. Aber noch etwas ist interessant: Diese Produkte sind nicht überall so teuer. Es gibt Orte, an denen man diese Produkte zu einem Spottpreis bekommt. Gibt es da einen Zusammenhang?

Ladendiebstahl ist oft in großem Stil organisiert.
Ladendiebstahl ist oft in großem Stil organisiert.

Unsere Recherche beginnt auf einem Flohmarkt in Essen. Wir suchen günstige Neuwaren. Lange müssen wir uns nicht umsehen. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Und das sehr billig. Den Tipp, hier herzukommen, haben wir von einem Sicherheitsexperten einer großen Handelskette bekommen, der anonym bleiben will. Sein Vorwurf: Viele Artikel seien Hehler-Ware. Gestohlene Produkte also.

Extrem billige Produkte

Neuware finden wir hier für weit unter Ladenpreis. Rasierklingen für 5 statt 12 Euro. Und Zahnbürstenaufsätze für 6 statt 19 Euro. Auf unsere Nachfrage, warum die Waren so billig seien und woher sie kämen, weiß der Händler keine Antwort.

Auch Parfüms gibt es hier zu kaufen – zum halben Preis. Der Verkäufer gibt an, dass es sich um Original-Ware handele und verweist auf die Seriennummer. Laut Experten stimmen diese. Woher die echten Parfums aber genau kommen, sagt uns der Verkäufer nicht. Unser Eindruck: Auf diesem Flohmarkt werden auch geklaute Produkte verkauft!

Diebstähle häufen sich

Mit Diebstählen hat man in der Parfümerie hier im Ruhrgebiet Erfahrung. Manche nehmen gleich mehrere Fläschchen auf einmal mit. Ines Tröster, Verkäuferin, kann es manchmal kaum fassen: "Man ist erst einmal geschockt. Man reagiert sofort, man weiß aber manchmal auch nicht, was man macht, man macht es einfach im Affekt. Ja, und man ist einfach auch sauer über diese Dreistigkeit!" Das Unbehagen ist groß bei ihr: "Da kann man sich nicht daran gewöhnen. Das ist auch jedes Mal eine andere Situation. Der eine kommt rein, packt sich einfach was in die Tasche, andere gucken erst einmal, ob wir alle da sind. Wir werden beobachtet, wir werden wirklich ausspioniert: 'Wann sind wir im Geschäft?' Und dann wird zugeschlagen."

Trotz Überwachungskameras: die Diebstähle nehmen zu.
Trotz Überwachungskameras: die Diebstähle nehmen zu.

Bedrohliche Einbußen für den Einzelhandel

Köln Ende Juni 2017:  Auf dem Sicherheitskongress des Einzelhandels ist man besorgt.
Köln Ende Juni 2017: Auf dem Sicherheitskongress des Einzelhandels ist man besorgt.

In Köln fand Ende Juni 2017 der Sicherheitskongress des Einzelhandels statt. Es herrschte Alarmstimmung. In den letzten drei Jahren haben Diebstähle in den Geschäften um 30 % zugenommen. Die geklauten Waren und Investitionen in Sicherheitstechnik kosten den Einzelhandel jährlich dreieinhalb Milliarden Euro. Kosten, die viele Händler in den Ruin treiben können, erklärt Frank Horst vom Institut des Einzelhandels: "Ja, für den Handel bedeutet es, dass es 1,3 % seines Umsatzes sind und das entspricht in etwa den Renditen, die viele Handelsunternehmen haben. Daran kann man sich leicht ausrechnen, dass,a wenn der Diebstahl deutlich höher ansteigt, es auch existenzgefährdend werden kann." Alle Branchen seien bedroht– nicht nur Parfümerien, auch Drogerien, Elektrohändler und Bekleidungsunternehmen.

Die Masche der Diebe

Und folgende Methode kann man bei den Dieben häufig beobachten: Unruhe stiften und ablenken. Oft fällt eine größere Gruppe als Touristen getarnt in eine Parfümerie ein. Die Aufgaben sind klar verteilt. Auch Kinder sind beteiligt. Sie sollen die Verkäuferinnen ablenken. Dann greifen die Männer im vorderen Teil des Geschäfts zu und verschwinden mit ihrer Beute. Der dramatische Anstieg bei den Diebstählen geht vor allem auf solch gut organisierte Diebesbanden zurück. Laut Bundeskriminalamt sollen allein Gangs aus Georgien jährlich Waren im Wert von 500 Millionen Euro stehlen

Eine bestimmte Methode organisierter Banden wiederholt sich.
Eine bestimmte Methode organisierter Banden wiederholt sich.

Gern geklaute Produkte

Folgendes wird besonders häufig von ihnen geklaut:

  • Parfüm
  • Kosmetik
  • Babynahrung,
  • Whiskey
  • Rasierklingen
  • Aufsätze für Elektrozahnbürsten

Ohne Bandendiebstähle könnten diese Produkte billiger sein, und zwar um satte 15 - 20 Prozent.

Zahnbürstenköpfe sind deshalb so teuer, weil sie gerne gestohlen werden.
Zahnbürstenköpfe sind deshalb so teuer, weil sie gerne gestohlen werden.

Der Parfümunternehmer Gerd Pieper bestätigt den Trend. In seinen 150 Filialen kommt er pro Tag auf 300 Diebstähle. Pieper zeigt jeden Diebstahl an und liefert das Überwachungsvideo gleich mit. Aber trotzdem würden die meisten Verfahren eingestellt – wegen Geringfügigkeit. Für ihn ist das ein Skandal: "Es kann nicht sein, dass die potentiellen Diebe vorher schon wissen, bevor sie klauen, dass sie sowieso nicht erwischt und bestraft werden."

Mitschuld des Staates?

Ist der Staat also mitverantwortlich? Wir zeigen die Bilder der Überwachungskameras Jens Gnisa. Er ist Vorsitzender des Deutschen Richterbundes und zeigt Verständnis: "Ich kann Herrn Pieper sehr gut verstehen. Wichtig ist, dass wir eine Justiz haben, die konsequent vorgeht. Konsequent heißt, dass alle Straftaten auch verfolgt werden. Vielleicht müssen wir da selbstkritisch zugeben, dass es in der Vergangenheit beim Diebstahl geringwertiger Sachen nicht so geschehen ist."

Doch wer ist schuld daran? Gnisa hat darüber gerade ein Buch geschrieben. Das Problem ist für ihn hausgemacht: "Das ist auf den Personalmangel der Justiz zurückzuführen und dafür ist die Politik zur Verantwortung zu ziehen. Die Justiz ist gezwungen auszuweichen. Man merkt das auch an den Zahlen. Heute werden viel mehr Verfahren eingestellt als früher noch. Das liegt einfach daran, dass man sich auf die wesentlichen, auf die ganz wichtigen Verfahren konzentrieren muss und dann muss man natürlich an anderer Stelle sparen!"

Verkäuferinnen werden bedroht

Der Staat spart und leiden müssen darunter vor allem die Verkäuferinnen: Weil die Täter wissen, dass sie kaum etwas zu befürchten haben, werden sie immer skrupelloser. Verkäuferin Ines Tröster wurde schon bedroht: "In dem Falle, dass gesagt wird: 'Komm, ich weiß, wo du wohnst.' Oder: 'Du bist ja jeden Tag hier und nächste Woche bin ich sowieso wieder hier.'" Geklaut wird übrigens häufig auf exakte Bestellung z. B. zehnmal dasselbe Parfüm.

Unser Fazit: Der Schaden, den Diebesbanden anrichten, ist gigantisch. Und weil der Staat bei der Justiz spart, trägt er eine Mitschuld.

Autor: Thomas G. Becker 

Stand: 23.08.2017 23:10 Uhr