SENDETERMIN Mi, 23.08.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Diesel-Umweltprämie – wirklich ein guter Deal?

Diesel-Umweltprämie – wirklich ein guter Deal? | Video verfügbar bis 23.08.2018

Inhalt in Kürze:

Für den alten Diesel bieten viele Auto-Hersteller eine üppige Umweltprämie an bei Neukauf.
Der "Plusminus"-Test bei verschiedenen Händerln zeigt, dass die Prämiere oft deutlich geringer ausfällt als zuvor angepriesen.
Der Umweltnutzen ist bei einem Neukauf oft nicht gegeben.

Diesel-Umweltprämie – was bringt sie den Kunden wirklich?
Diesel-Umweltprämie – was bringt sie den Kunden wirklich?

Auf dem Berliner Dieselgipfel Anfang August versprachen die deutschen Automobilhersteller, mit speziellen Angeboten dafür zu sorgen, dass möglichst viele alte Diesel-PKW mit hohem Stickoxidausstoß von den Straßen verschwinden und gegen modernere, schadstoffärmere Autos ausgetauscht werden. Wenig später begannen Werbekampagnen für Diesel- oder Umweltprämien, mit Hilfe derer Besitzer älterer Diesel dazu bewegt werden sollen, das alte Fahrzeug gegen Neuwagen einzutauschen. Die Kreativität der Marketingexperten bei den Autokonzernen ist groß. Jeder Hersteller hat im Kleingedruckten andere Bedingungen definiert. In den meisten Fällen wird die Prämie um so höher, je teurer der gekaufte Neuwagen ist. "Plusminus" hat fünf Autohäuser verschiedener Hersteller inkognito besucht um herauszufinden, ob die Aktionen für Neuwagen-Interessierte wirklich lukrativ sind.

Abwracken oder Inzahlungnahme

Vorab: Es gibt grundsätzlich zwei unterschiedliche Formen von Diesel- oder Umweltprämie. Zum einen: Die Abwrackprämie. Der Hersteller des Neuwagens zahlt diese Prämie, wenn ein Altfahrzeug wirklich verschrottet wird. Die übernimmt häufig der Autohändler, der den Neuwagen verkauft. Die Verschrottung des Altfahrzeuges ist Grundlage der Dieselprämie bei den Marken des VW-Konzerns, bei FORD, OPEL und FIAT. Andere Hersteller nehmen das Altfahrzeug in Zahlung und legen zusätzlich zum Ankaufspreis des Gebrauchtwagens eine (dann etwas kleinere) Umweltprämie oben drauf. So zum Beispiel TOYOTA, RENAULT oder BMW.

Die Konditionen und Besonderheiten können Sie sich hier herunterladen:

Rabatt beim Neuwagenkauf – mit Dieselprämie deutlich kleiner

Die Verunsicherung beim Diesel ist derzeit groß.
Die Verunsicherung beim Diesel ist derzeit groß.

Die Listenpreise, die man in Katalogen und auf den Homepages der Hersteller findet, haben eigentlich nur den Wert einer 'unverbindlichen Preisempfehlung'. Professor Ferdinand Dudenhöffer von "Car Automotive Research" an der Universität Duisburg-Essen beobachtet die Preisstruktur auf dem Automarkt seit Jahren und erklärt uns: "Seit rund zwanzig Jahren zahlt niemand mehr den Listenpreis. Es gibt durchweg Rabattprogramme, mit denen die einzelnen Autohändler den tatsächlich zu zahlenden Preis drücken. Die Höhe dieser Rabatte variiert von Hersteller zu Hersteller, von Händler zu Händler, Modell zu Modell. Er ist bei sehr gefragten Modellen eventuell auch mal etwas niedriger, bei Ladenhütern etwas höher, wurde gerade in den letzten Monaten aber tendenziell höher."

Im Schnitt der dreißig meistverkauften Automodelle liegt er aktuell bei etwa 20 Prozent. Das bedeutet: Wer einen Wagen mit Listenpreis von 30.000 Euro kauft, kann in der Praxis Preise zwischen 23.000 und 25.000 Euro erwarten. Ganz ohne Diesel-Eintauschprämie. Warum das wichtig ist? Weil sich bei unserer Stichprobe herausgestellt hat, dass manche Händler bei Inanspruchnahme der Diesel-Prämie einen höheren Hauspreis verlangen und auch sonstige Rabatte kleiner ausfallen.

"Plusminus" untersucht, ob sich die Umweltprämie lohnt.
"Plusminus" untersucht, ob sich die Umweltprämie lohnt. Reporter gehen zu mehreren Herstellern.

Bei VW wird aus den für den Kauf eines GOLF versprochenen 5000 Euro weniger als 4000 Euro effektive Prämie. Noch drastischer ist es bei OPEL: Dort erklärt uns der Verkäufer, wenn wir einen Opel ASTRA kauften, läge sein 'Hauspreis' knapp 4000 Euro unter Listenpreis. Wenn wir die Umweltprämie in Anspruch nehmen wollten, könne er keine sonstigen Rabatte geben. Bei einer Umweltprämie von 5000 Euro schrumpft der dadurch erzielte Vorteil auf rund 1000 Euro. Da Opel diese Prämie als Abwrackprämie nur bei Verschrottung anbietet, lohnt sich das nur bei wirklich uralten praktisch schrottreifen Fahrzeugen.

Trickserei bei Inzahlungnahme plus Dieselprämie

Für unsere Stichprobe verwendeten wir als Altfahrzeug einen acht Jahre alten VW Touran tdi mit gehobener Ausstattung. Ein unabhängiger Gutachter hatte den Restwert vorab auf 8000 Euro geschätzt. Er sagte uns ganz klar: Wir sollten uns nicht verunsichern lassen, diesen Preis könne man bei Privatverkauf mit etwas Geduld auch heute noch nach der Diesel-Krise erzielen. Selbst wenn wir den alten Diesel bei einem Händler in Zahlung gäben, sollten wir auf keinen Fall weniger als 6.500 Euro als Kaufpreis akzeptieren. Der von uns besuchte Toyota-Händler versuchte, uns über den Tisch zu ziehen. Er ließ unseren Gebrauchten in seiner Werkstatt prüfen, bestätigte, dass er technisch in sehr gutem Zustand sei, meinte aber, ein gebrauchter Diesel sei heutzutage praktisch unverkäuflich. Zum 'Beweis' hatte er ihn laut eigener Aussage in einer Gebrauchtwagenbörse für Autohändler (Wiederverkäufer) eingestellt, auf der normalerweise angeblich innerhalb weniger Minuten Gebote eingingen.

Nach zwanzig Minuten sei noch kein einziges Gebot gekommen, daher könne er unseren Gebrauchten nur mit höchstens 500 Euro in Zahlung nehmen. Nach längerer Verhandlung erhöhte er auf 1000 Euro. Bei 2000 Euro zusätzlicher Dieselprämie hätten wir unseren VW Touran also für insgesamt 3000 Euro abgeben sollen – ein mehr als schlechtes Angebot: Bei BMW war man uns gegenüber fairer. Der Wagen wurde auf immerhin 4800 Euro geschätzt. Zuzüglich 2000 Euro Dieselprämie sollten wir also insgesamt 6.800 Euro erhalten. Immerhin etwas mehr als der Händler-Restwert laut Gutachter- und das beste Angebot, das wir im Test erhalten hatten. Aber immer noch kein wirklich gutes Geschäft.

Nutzen für die Umwelt

Unzählige Tests der Deutschen Umwelthilfe DUH, aber auch von ADAC, dem Umweltbundesamt oder Autozeitschriften haben ergeben: Aktuelle Euro-6 Diesel stoßen im Durchschnitt kaum weniger Stickoxide aus, als alte Euro-4 Fahrzeuge. Wer also wieder einen Diesel kauft, hat für die Umwelt wenig bewirkt. Nur sehr wenige Diesel-Fahrzeuge beweisen, dass es möglich ist, auf der Straße ähnlich schadstoffarm zu fahren, wie im Labor gemessen wird. Nur neue Fahrzeugtypen, die ab diesem Winter neu auf den Markt kommen, müssen bereits nach einer verschärften Euronorm zugelassen werden, müssen nachweisen, dass sie auf der Straße höchstens doppelt so viel Schadstoffe ausstoßen wie im Labor.

Ein neuerer Diesel bringt nicht unbedingt einen Vorteil für die Umwelt.
Ein neuerer Diesel bringt nicht unbedingt einen Vorteil für die Umwelt.

Und erst ab Herbst 2018 gilt das für alle im Handel verkauften Dieselfahrzeuge. Wer also unbedingt einen Diesel fahren will sollte bis dahin warten oder sehr genau nach entsprechenden Testberichten des gewünschten Modelles suchen. Fahrzeuge mit Benzinmotor sind in Bezug auf Stickoxide eindeutig unproblematischer, haben jedoch einen höheren Verbrauch und damit auch höheren Kohlendioxidausstoß, bewirken also größeren Schaden für das Klima. Blieben Hybrid- oder Elektrofahrzeuge, die allerdings mit wenigen Ausnahmen (TOYOTA) noch deutlich teurer sind oder eben den Nachteil einer geringen Reichweite habe.

Fahrverbote auch für neue Diesel ?

Gelegentlich wird gesagt oder geschrieben, dass Euro-6 Diesel von möglichen Fahrverboten in deutschen Innenstädten verschont würden. Ein Verkäufer bei Renault erklärte uns sogar eindeutig, damit bekämen wir künftig eine 'blaue Plakette' und dürften weiter in die Stadt. Da mittlerweile klar ist, dass diese Wagen ähnlich viel Stickoxid ausstoßen, wie alte Euro-4 Fahrzeuge, werden sich die Gerichte, die Fahrverbote anordnen, mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine solche Maßnahme nicht einlassen. Fahrverbote drohen also auch für die heute verkauften Diesel.

Fahrverbote für Diesel können nicht ausgeschlossen werden.
Fahrverbote für Diesel können nicht ausgeschlossen werden.

Diesel-Fahrverbots-Versicherungs-Leasing?!

Die meisten Verkäufer in unserem Test haben das auch ehrlich zugegeben und sprachen eine Empfehlung aus. Wenn wir einen Diesel kaufen wollten, aber Angst vor drohenden Fahrverboten und damit auch Wertverlust hätten, sollten wir den Wagen leasen. Dann würde die Bank bzw. der Hersteller im Vertrag einen festen Restwert am Ende der Leasing-Periode zusichern und wir könnten den Wagen auch im Falle eines Fahrverbotes ohne zusätzlichen Wertverlust zurückgeben. Im Prinzip plausibel und nur für die Hersteller riskant. Allerdings sind Leasing-Angebote in den allermeisten Fällen mit Aufpreis verbunden und daher insgesamt teurer.

Autor: Michael Houben

Stand: 23.08.2017 23:11 Uhr