SENDETERMIN Mi, 07.03.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Fahrverbote: Lassen die Autobauer die Diesel-Fahrer im Stich?

PlayFahrverbote für Diesel können bald Wahrheit werden.
Fahrverbote: Lassen die Autobauer die Diesel-Fahrer im Stich? | Video verfügbar bis 07.03.2019 | Bild: dpa

– Bis Ende 2018 sollen insgesamt 5,3 Millionen Autos mit einer neuen Software ausgestattet werden, um das Abgasproblem in den Griff zu bekommen.
– Doch die Autobauer hinken hinterher, ein Großteil der Autos ist noch nicht nachgerüstet.
– Autobauer und Behörden schieben sich gegenseitig die Schuld für die Verzögerung zu.
– Die Nachrüstung ist und könnte 2019 serienreif sein.

Fahrverbote für Diesel können bald Wahrheit werden.
Fahrverbote für Diesel können bald Wahrheit werden. | Bild: dpa

Vergangenen Samstag, auf einem privaten Automarkt in der Nähe von München. Georg R. bietet hier seinen 12 Jahre alten Diesel an. 3300 Euro will er dafür haben. Doch niemand will das Fahrzeug kaufen. Denn sein Wagen erfüllt nur die Abgasnorm Euro 4. Für Autos dieser Schadstoffklasse sind schon ab Herbst Fahrverbote möglich – wenn die Luft nicht sauberer wird.

Wie Fahrverbote verhindern?

Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Matthias Wissmann,  Ende Februar.
Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Matthias Wissmann, Ende Februar. | Bild: Das Erste

Die Automobilindustrie will das Problem mit Software-Updates in den Griff bekommen. Die seien die schnelle, die klügere und die sehr effiziente und wirksame Lösung, so der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Matthias Wissmann, in einer seiner letzten Amtshandlungen Ende Februar.

Software-Updates dauern

Bis Ende 2018 sollen insgesamt 5,3 Millionen Autos mit einer neuen Software ausgestattet werden.
Bis Ende 2018 sollen insgesamt 5,3 Millionen Autos mit einer neuen Software ausgestattet werden. | Bild: Das Erste

Doch stimmt das? Bereits im vergangenen August haben sich die Autobauer auf dem Diesel-Gipfel verpflichtet, bis Ende 2018 insgesamt 5,3 Millionen Autos mit einer neuen Software auszustatten. Ein solches Update soll den Ausstoß gefährlicher Stickoxide eines Fahrzeugs um 25 bis 30 Prozent vermindern. Eine neue Software haben laut Verkehrsministerium bisher aber nur 2,5 Millionen Diesel erhalten. Das waren vorwiegend Fahrzeuge des VW-Konzerns, die wegen illegaler Abschalteinrichtungen nachgerüstet werden mussten. Weitere zugesagte Software-Updates müssen demnach noch für 2,8 Millionen Fahrzeuge erfolgen. Doch BMW hat nach eigenen Angaben bisher keine Updates durchgeführt. Daimler nur bei 48.500 Autos. Der VW-Konzern hat ebenfalls keine freiwilligen Updates auf den Weg gebracht. Gegenüber "Plusminus" rudern die Autobauer jetzt zurück. So teilt Daimler mit: "Wir sind zuversichtlich, dass wir alle wesentlichen Software-Varianten bis Ende des Jahres fertig entwickelt haben werden. Auf Grund der großen Anzahl der Fahrzeuge wird das Aufspielen in den Werkstätten dann aber eine Zeit dauern." Bei BMW sind die Entwicklungen ebenfalls noch nicht abgeschlossen. Updates sollen den Kunden ab Jahresmitte 2018 zur Verfügung stehen. Bei VW ist noch nicht einmal absehbar, wie viele Fahrzeuge noch umgerüstet werden sollen, weil "Anforderungen und Rahmenbedingungen seitens der Behörden noch nicht vorliegen."

Übersicht über freiwillige Software-Updates der Autohersteller
Übersicht über freiwillige Software-Updates der Autohersteller | Bild: Das Erste

Das Bundesverkehrsministerium macht dagegen die Hersteller für die Verzögerungen verantwortlich. Beim ADAC wiederum hat man für solche Schuldzuweisungen kein Verständnis, wie Reinhard Kolke, Leiter Test und Technik beim ADAC, erklärt: "Im Augenblick ist es ganz wichtig, dass wir die Vielzahl der Maßnahmen auch umsetzen und nicht allein die Schuldfrage stellen und daher erwarten wir, dass hier die Automobilhersteller auf Behörden zugehen und daher auch ihren Beitrag leisten."

Hardware-Nachrüstung zu kompliziert?

Besitzer eines älteren Diesels müssen einen Wertverlust verschmerzen.
Besitzer eines älteren Diesels müssen einen Wertverlust verschmerzen. | Bild: Das Erste

Auf dem Münchner Privatmarkt will auch Roman T. seinen fünfeinhalb Jahre alten Diesel verkaufen. Der erfüllt die Abgasnorm Euro 5. Fahrverbote drohen Autos dieser Schadstoffklasse erst ab September 2019. Trotzdem gehen die Preise auch hier bereits nach unten. Roman T. ist deshalb sauer: "Es geht einfach darum, dass ich einen Wertverlust habe und ich mein persönliches Geld verliere, nur weil sie in der Politik keine Entscheidungen treffen können." Helfen könnte Besitzern eines Euro-5-Diesel die Nachrüstung mit einem speziellen Katalysator. Doch das lehnt die Autoindustrie ab: "Hardwarenachrüstungen im Unterschied zu Softwareupdates brauchen wesentlich längere Zeit, die Genehmigungsverfahren sind viel komplexer, der Aufbau der technischen Voraussetzungen ist wesentlich schwieriger", sagte der damalige VDA-Präsident Matthias Wissmann Ende Februar.

Nachrüstung noch nicht serienreif

Bei der Firma Oberland Mangold aus der Nähe von Garmisch ist man anderer Ansicht. Das Unternehmen hat im Auftrag des ADAC innerhalb von vier Wochen ein funktionierendes System zur Abgasreinigung entwickelt. Die Techniker griffen dabei auf Teile zurück, die es bei anderen Fahrzeugen schon gibt. Schon im Herbst 2019 könnten die Systeme serienreif sein, so Christian Knab, Forschungsleiter bei Oberland Mangold. Testfahrten mit den Prototypen zeigen: Solche Nachrüst-Systeme können den Stickoxid-Ausstoß um 50 bis 70 Prozent erheblich verringern. Dies hat der ADAC bei Tests im realen Betrieb bestätigt. Kosten soll so ein Nachrüst-System zwischen 1400 und 3300 Euro – je nach Aufwand.

Diesel Nachrüstung
Das Know-How für eine serienreife Dieselnachrüstung ist durchaus vorhanden. | Bild: Das Erste

Wichtig für die Entwickler von Nachrüst-Sätzen ist, dass sie auf vorhandene Komponenten zurückgreifen können. Tatsächlich sind Systeme zur Abgasreinigung schon seit Jahren im Einsatz. So gab es bei den deutschen Herstellen teils seit 2009 bereits Modelle mit SCR-Katalysatoren zu kaufen, die vorzeitig die Euro-Norm 6 erfüllten. Die Autobauer bestreiten jedoch, dass sich diese Systeme für eine Nachrüstung eignen. Reinhard Kolke, Leiter Test und Technik beim ADAC, hält dagegen: "Die Systeme sind in vielen Fahrzeugen verbaut, und insofern kann man auf dieses Know-how und die Freigaben zurückzugreifen, um die Technik für die Nachrüstung serienreif zu machen."

Ausländische Hersteller stehen schlecht da

Euro-6-Diesel von ausländischen Herstellern schneiden schlecht ab. Fahrer eines Diesels mit der derzeit geltenden Abgasnorm Euro 6 müssen vorerst keine Fahrverbote befürchten, das hat das Bundesverwaltungsgericht in der vergangenen Woche entschieden. Tatsächlich sind auch Euro-6 Diesel im realen Betrieb aber keineswegs sauber, wie Daten des Umweltbundesamtes zeigen: So stoßen Euro-4-Diesel auf der Straße im Schnitt 674 mg/km Stickoxid aus – weit mehr als der Grenzwert erlaubt. Euro-5-Fahrzeuge sind mit Emissionen von 906 mg/km im realen Betrieb sogar noch schmutziger. Und auch Euro-6-Diesel überschreiten den geltenden Grenzwert von 80 mg/km mit realen Emissionen von durchschnittlich 507 mg/km Stickoxid massiv.

Schadstoffausstoß im realen Betrieb
Schadstoffausstoß im realen Betrieb | Bild: Das Erste

Im ADAC-Eco-Test schnitten vor allem ausländische Hersteller schlecht ab. Reinhard Kolke vom ADAC fordert deshalb: "Insofern ist es ganz wichtig, dass jetzt auch die Importeure aktiv werden und in ihren Importländern überlegen, welche Lösungen für Nachrüstung sie anbieten können." Immerhin gibt es bei einigen ausländischen Herstellern schon jetzt abgasarme Dieselautos der neuen Norm Euro 6d-temp zu kaufen. Die erfüllen die Grenzwerte für den Ausstoß von Schadstoffen auch im realen Betrieb auf der Straße.

Tipp der Verbrauerzentrale

Bei Neukauf sollte man nach Autos fragen, die die strengere Abgasnorm Euro 6d-temp erfüllen.
Bei Neukauf sollte man nach Autos fragen, die die strengere Abgasnorm Euro 6d-temp erfüllen. | Bild: Das Erste

Marion Jungbluth von der Verbraucherzentrale Bundesverband rät: "Wenn ich beim Autohändler nach einem Fahrzeug mit Euro 6d-temp frage und dieses dann auch bekomme, dann kann ich sicher sein, dass ich das lange auch in der Stadt fahren kann. Das Problem ist nur, davon gibt es erst eine Handvoll." Bisher zieren sich die Autobauer, wirklich saubere Dieselfahrzeuge auf den Markt zu bringen. Und der Gesetzgeber lässt ihnen dafür tatsächlich noch Zeit. Erst ab 1. September 2019 müssen alle neu zugelassenen Fahrzeuge die strengere Abgasnorm Euro 6d-temp erfüllen.

(Bericht: Josef Streule, Arne Meyer-Fünffinger)
(Stand: Anfang März 2018)

Stand: 08.03.2018 12:02 Uhr