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Auto-Gipfel in Berlin: Was kommt auf den Verbraucher zu?

Software-Update mit Nebenwirkungen?

PlayDiesel-Gipfel in Berlin
Auto-Gipfel in Berlin: Was kommt auf den Verbraucher zu? | Video verfügbar bis 02.08.2018

  • Mit einem Software-Update will z. B. Volkswagen die Schadstoffemissionen der Fahrzeuge verringern.
  • Experten befürchten, dass dies dem Motor schaden könnte.
  • Kosten, die Fahrzeughaltern für einen Werkstattbesuch in Rechnung gestellt werden, sind möglicherweise nicht rechtens.
  • Unter Umständen bleiben die Fahrzeughalter auf den Kosten sitzen.

Ein kurzes Software-Update – und schon ist die Welt in Ordnung: Weniger Schadstoffausstoß und keinerlei Nachteile für den Fahrzeughalter! So jedenfalls klingt es, wenn Hersteller die Schadstoff-Emissionen durch ein Update verringern wollen. Bei Volkswagen gibt es so etwas bereits: Damit will der Konzern die illegalen Abschalteinrichtungen beseitigen. Da fragt sich so mancher, warum die Konzerne nicht gleich eine brauchbare Software aufgespielt haben. Inzwischen lässt es sich allerdings erahnen, was die Gründe dafür sein könnten. Denn nun mehren sich Beschwerden betroffener Autofahrer: Weniger Leistung, kaputte Motoren – und auch noch sinkende Wiederverkaufswerte.

Was nach dem Werkstattbesuch passieren könnte

Die Probleme begannen mit dem Software-Update.
Die Probleme begannen mit dem Software-Update.

Ursprünglich war Serkan Becayis mit seinem VW Golf Turbodiesel sehr zufrieden. Wenig Spritverbrauch, viel Platz für die Familie und sehr zuverlässig. Bis das Software-Update kam. Kaum aus der Werkstatt, gingen die Probleme los: "Als ich das Auto hinbrachte, ist auf einmal die Motorleuchte angegangen, die Leuchte vom Rußpartikelfilter ist angegangen, der Turbo ging aus – und dann ging gar nichts mehr. Ich sollte direkt rausfahren und den Motor ausschalten."

Kosten für den Verbraucher?

Erst Kulanz, dann eine Rechnung? Obwohl der Volkswagenhändler erst erklärt hatte, die Reparatur kostenfrei auszuführen, kam sechs Wochen später eine Rechnung: Über 200 Euro soll er jetzt selber zahlen. "Zuerst haben sie von Kulanz gesprochen und jetzt haben sie mir auf einmal eine Rechnung geschickt. Das habe ich nicht verstanden", so der Heidelberger.

Schließlich schaltet er eine Rechtsanwaltskanzlei ein, die auf solche Fälle spezialisiert ist. Und er erfährt: Er ist nicht allein. Anwalt Tobias Ulbrich von der Kanzlei Rogert & Ulbrich in Düsseldorf: "Das ist kein Einzelfall. Wir vertreten über 2.850 Geschädigte. Da sind ein oder zwei Fälle pro Tag, die wir neu hereinbekommen. Mit Defekten am Abgasrückführungsventil, mit Motorschäden, mit Schäden am Partikelfilter."

Schäden an den Motoren?

Eine sogenannte Versottung führt zur Schädigung des Motors.
Eine sogenannte Versottung führt zur Schädigung des Motors.

Kann ein Software-Update, das eine vorhandene Schummel-Software ersetzen soll, also unter Umständen die Motoren kaputtmachen? Im Internet finden wir Bilder von Motorbauteilen wie zum Beispiel sogenannten AGR-Ventilen, die eine starke Versottung aufweisen, also dicke Verkrustungen. An der Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut kennt man das. Professor Ralph Pütz forscht seit langem an Abgasreinigungssystemen. Er ahnt, was in den nächsten Monaten auf Verbraucher zukommen könnte, die ein Update durchführen lassen müssen: "Wenn man den Motor über Software-Lösungen innermotorisch optimiert, dann können Probleme auftreten. Durch die verstärkten Partikelemissionen kann eine frühzeitige Versottung der Abgasrückführventile auftreten, die dann wiederum Werkstattbesuche erforderen und zu Lasten des Kunden gehen."

"Plusminus" fragt bei Volkswagen nach, ob durch das durchgeführte Update solche Schäden entstehen können. Die Antwort von der VW-Pressestelle: "Die Beanstandungen im Zusammenhang mit dem AGR-System (wie z. B. Defekte des AGR-Ventils) traten auch bereits in der Vergangenheit vereinzelt und unabhängig von der Umrüstung der Fahrzeuge mit EA189-Motoren auf." Konkrete Zahlen nennt Volkswagen nicht.

Antwort von VW auf "Plusminus"-Anfrage
Antwort von VW auf "Plusminus"-Anfrage

Soll man klagen?

Oft bekommen Kunden nur mit einer Klage ihr Geld zurück.
Oft bekommen Kunden nur mit einer Klage ihr Geld zurück.

Was also sollen betroffene Verbraucher wie Serkan Becayis tun? Anwalt Prof. Dr. Marco Rogert berichtet von seinen Erfahrungen: "Ich sage es mal ganz plakativ: Wer nicht klagt, bekommt nichts. Das ist einfach die Strategie von Volkswagen. Das wird sich nicht ändern. Und dementsprechend muss man sich überlegen, ob man das Geld in die Hand nimmt und anschließend mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Erfolg hat. Oder ob man es sein lässt. Hat man eine Rechtschutzversicherung, fällt die Entscheidung deutlich leichter."

Auch wenn VW erklärt, dem Kunden würden keine Nachteile entstehen, die Anwälte sehen es anders. Anwalt Tobias Ulbrich: "Immer dann, wenn bei den Oberlandesgerichten negative Beschlüsse im Raum stehen und zu erwarten ist, dass sie eine negative Entscheidung durch Obergerichte kassieren, wird entweder die Berufung zurückgenommen, oder sie wird gar nicht erst eingelegt. Vor zwei Wochen hatten wir den Fall, dass wenige Tage vor der Berufungsverhandlung alles gezahlt wird."

Hoffnung für Autofahrer

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit sprach das Oberlandesgericht München übrigens vor wenigen Wochen eine möglicherweise wegweisende Verfügung aus, die "Plusminus" vorliegt. Dort heißt es: "Der Senat ist derzeit nicht davon überzeugt, dass das angebotene Softwareupdate eine ausreichende Nacherfüllung darstellt. (…) Der Senat sieht derzeit die Beklagtenseite als beweispflichtig für die Behauptung an, dass das von der VW AG angebotene Softwareupdate eine ausreichende Nacherfüllung darstellt."

Auszug aus einer Verfügung des Oberlandesgerichts München
Auszug aus einer Verfügung des Oberlandesgerichts München

Im Klartext: Dann würde die Beweislast bei den Händlern oder dem Hersteller liegen. Und das würde die Ausgangsposition für Autobesitzer wie Serkan Becayis deutlich verbessern. Er hat inzwischen genug von den Problemen. Er will nun ein anderes Auto. Doch dafür müsste er erst einmal seinen Wagen verkaufen können. Seit Monaten versucht er das schon, bisher ohne Erfolg. Obwohl er mit dem Preis schon um 3.000 Euro runtergegangen ist.

Bericht: Johannes Thürmer
Stand: Anfang August 2017

Stand: 03.08.2017 09:18 Uhr