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Energydrinks – Wann die Koffeinbrause zum Risiko wird

Energydrinks – Wann die Koffeinbrause zum Risiko wird | Video verfügbar bis 07.06.2018

– Energydrinks boomen: Nicht nur Jugendliche greifen oft zu den Drinks, sondern sogar Kinder.
– Der Koffeingehalt der Drinks wird oft unterschätzt. Dauerhafter Konsum, vor allem in Verbindung mit Alkohol, wirkt sich negativ auf das Herzkreislaufsystem aus.
– Hersteller und Händler wehren sich bislang gegen eine strengere Kennzeichung oder andere Auflagen.

Sie heißen "Monster", "Rockstar", "Red Bull" – und sind inzwischen zum Massenprodukt geworden. Ohne Energydrinks geht gerade für junge Leute nichts mehr. Das kann man zum Beispiel auf dem "World Club Dome", einem Techno-Festival in Frankfurt beobachten. Um durchzufeiern, greifen viele zum Kick aus der Dose. Kein Getränke-Segment wächst derzeit schneller. Was das konkret heißt, sieht das "Plusminus"-Team im Supermarkt: Zwei Regalmeter über fünf Etagen sind gefüllt mit insgesamt 50 verschiedenen Sorten. Die Dose gibt es schon ab 49 Cent. Das Geschäft brummt. 2012 haben die Hersteller noch 778 Millionen Euro in Deutschland umgesetzt. Im vergangenen Jahr wurde schon die Milliardenmarke geknackt. Und Branchenexperten schätzen: 2020 werden es mehr als 1,2 Milliarden Euro sein.

Energydrinks sind beliebt – die Umsätze der Produzenten steigen.
Energydrinks: die Umsätze der Produzenten steigen.

Koffeingehalt oft unterschätzt

Doch wegen ihres hohen Koffein-Gehalts gelten die Energydrinks als problematisch. Schon eine kleine Dose Red Bull hat 80 mg Koffein. So viel steckt auch in drei Cola-Dosen, oder in einer Tasse Espresso.

Koffeingehalt im Vergleich – in allen drei Portionen stecken 80 mg Koffein.
Koffeingehalt im Vergleich – in allen drei Portionen stecken 80 mg Koffein.

Das klingt erst einmal nicht viel, doch die Dosis mach das Gift. Was den Konsum anbelangt, sind die Zahlen erschreckend: 70 Prozent aller Jugendlichen putschen sich regelmäßig auf. Jeder sechste Grundschüler trinkt Red Bull und Co. Und jeder achte Jugendliche trinkt so viel, dass es gefährlich ist.

Überdosis Koffein

Dr. Martin Hulpke-Wette ist Kardiologe in Göttingen. Kaum einer in Deutschland kennt sich besser mit Energydrinks aus: "Das – was üblich ist – ist, dass man mehr als vier Dosen trinkt, wenn man überhaupt Energydrinks trinkt. Und das habe ich mir nicht ausgedacht, sondern das sind Daten von der Europäischen Lebensmittel-Überwachungsbehörde, die Jugendliche befragt hat."

Auswirkungen auf das Herz

Blutdruck messen
Der Bluckdruck ist noch lange nach dem Genuss von Energydrinks erhöht.

Ab wann wird es gefährlich? Die Europäische Lebensmittelbehörde hat einen Richtwert festgelegt: Demnach sollte man pro Tag nicht mehr als 3 mg Koffein pro kg Körpergewicht aufnehmen. Für einen 70 kg schweren Erwachsenen heißt das, das er nicht mehr als zweieinhalb kleine Dosen trinken sollte. Bei einem 30 kg schweren Kind sollte nach einer kleinen Dose Schluss sein. Laut einer aktuellen Studie ist selbst sechs Stunden nach dem Konsum von Energydrinks der Blutdruck deutlich erhöht. Was passiert, wenn Teenager regelmäßig den Grenzwert überschreiten, weiß der Kardiologe von seinen Patienten: "Wenn langfristig das Herz so viel Koffein angeboten bekommt, entwickelt es, wenn es hochdosiert ist und über Jahre läuft, eben eine Veränderung der Muskelwanddicke des Herzens. Und das ist etwas, das der Patient sehr wohl merkt, das er beim Treppesteigen merkt und sagt: 'Hier kann ich nicht mehr, obwohl ich ganz jung bin, was ist denn eigentlich mit mir los?'"

Riskante Kombination mit Alkohol

Nicht nur die Energydrinks alleine sind das Problem. Auch die Kombination mit Hochprozentigem, wie zum Beispiel bei Wodka Red Bull. Rettungssanitäter Thomas Müller-Witte weiß, dass der Kick aus der Dose oft die Wirkung des Alkohols verschleiert. "Gerade da gaukelt der Energydrink in Kombination mit Alkohol eben vor, dass alles ok ist, was aber definitiv nicht der Fall ist."

Solche Gefahren drucken aber längst nicht alle Hersteller auf ihre Dosen. Meist steht dort nur der gesetzlich vorgeschriebene Warnhinweis: "Für Kinder, Schwangere und stillende Frauen nicht empfohlen." Eine kleine Straßenumfrage von "Plusminus" zeigt, dass die meisten Konsumten den Text übersehen.

Monika Vogelpohl, Ernährungsexpertin von der Verbraucherzentrale, sind die minimalen Hinweise schon lange ein Dorn im Auge. Sie fordert Texte, die wirklich abschrecken: "Und zwar nicht hinten, sondern ganz vorne mit auf das Getränk, deutlich, also vielleicht vergleichbar mit der Zigarettenkennzeichnung." Die Ernährungsexpertin geht sogar noch einen Schritt weiter: "Die Verbraucherzentralen fordern ein Verkaufsverbot von Energydrinks für unter 18-Jährige."

Enerdydrinks beliebt bei Kindern

Energydrinks sind beliebt – vor allem bei den Jungen.
Energydrinks sind beliebt – vor allem bei den Jungen.

Denn die Wachmacher sind längst bei Kindern angekommen, etwa bei dem 12 Jahre alten Johannes. Er selber trinkt zwar nur alle zwei Wochen eine kleine Dose. Doch unter seinen Schulfreunden sieht das ganz anders aus: "Vor der Schule, nach der Schule, nach der Schule sogar drei oder so, das könnte ich gar nicht, also die trinken mehr als ich, auf jeden Fall."

Was reizt schon Kinder an den Energydrinks? Neben dem Koffein-Schub ist es die Aufmachung der Dosen, erklärt Johannes: "Der ist cool designt. Man kann das Design auch fühlen, sieht schon cool aus." Und die Hersteller heizen den Markt weiter an. Mehr als 100 verschiedene Energydrinks gibt es in Deutschland schon.

Hersteller wehren sich gegen Auflagen

Erst kam die kleine Dose, dann der halbe Liter. Es folgten die 1-Liter und sogar die 1,5-Liter-Flasche. Diese gibt es inzwischen sogar wie Wasser im Sechser-Pack. Wer so eine Flasche trinkt, hat umgerechnet sechs Tassen Espresso intus.

Dennoch: Bei dem boomenden Geschäft wehren sich die Hersteller gegen weitere Auflagen. Der zuständige Getränkeverband, in dem unter anderem "Red Bull" vertreten ist, schreibt "Plusminus", dass eine Altersbeschränkung "unverhältnismäßig" sei. Und der Verband betont: "Nach den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sind Energydrinks und ihre Zutaten sicher."

Auch das Bundesernährungsministerium hält nichts von schärferen Gesetzen. Statt einer Altersbeschränkung "…ist es nachhaltiger für Aufklärung rund um das Thema Koffeinkonsum zu sorgen."

Drogeriemärkte reagieren

Wasch- und Putzmittel im Drogeriemarkt
Bei Rossmann und dm können Jugendliche nicht einfach so Energydrinks kaufen.

Löbliche Ausnahme sind die Drogeriemärkte. "dm" hat Energydrinks aus dem Sortiment verbannt. Und bei "Rossmann" gibt es eine Altersbeschränkung: Erst ab 16 Jahren darf man die Getränke dort kaufen. Angela Janus, Filialleiterin von Rossmann, erklärt, warum: "Auch wenn es eventuelle Einbußen oder so etwas gibt: Im Vordergrund steht der Jugendliche, das Kind. Und deswegen würde ich es einfach generell gut finden, wenn alle mitziehen."

Doch eine "Plusminus"-Umfrage unter neun großen Lebensmittelhändlern zeigt: Keine einzige Supermarkt- oder Discounterkette ist diesem Beispiel gefolgt. Der Boom der Koffein-Brausen geht weiter.

Autor: Daniel Hoh

Stand: 08.06.2017 08:32 Uhr

Sendetermin

Mi, 07.06.17 | 21:45 Uhr
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Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.