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Esoterik für alle: Wie Ersatzreligionen an unser Geld kommen

ARD Themenwoche "Woran glaubst du"

Esoterik für alle: Wie Ersatzreligionen an unser Geld kommen | Video verfügbar bis 14.06.2018

–Für Esoterikprodukte und -Dienstleistungen werden in Deutschland Milliarden ausgegeben.
–Betroffenen fällt es oft schwer, sich aus eigener Kraft wieder aus esoterischen Gruppen zu lösen.
–Heilungsangebote, die vorgeben Schulmedizin zu ersetzen, sind besonders riskant.
–In Deutschland verteilt sich der Markt auf viele kleine Anbieter.

Sylvia A. war jahrelang Mitglied einer esoterischen Gruppe. Die 52-jährige aus Rosenheim ist über eine Zeitungsannonce auf die in Oberbayern angesiedelte Gemeinschaft aufmerksam geworden: "Ich wollte mit den Engeln sprechen oder dass jemand für mich mit den Engeln spricht, das hat mich berührt und damals angesprochen."

Sylvia A. ist aus einer Esoterikgruppe ausgestiegen.
Sylvia A. ist aus einer Esoterikgruppe ausgestiegen.

Sylvia A. saß in der ersten Reihe bei Esoterik-Kongressen, gab Geld für Weiterbildungen innerhalb der Gruppe und teure Engelsessenzen aus. "Ich kann nur sagen, dass ich wahnsinnig viel Geld dagelassen habe. Das ist eine Gelddruckmaschine", sagt sie heute. Trotzdem kann sie immer noch nachvollziehen, dass Menschen sich von der Esoterik und dort angesiedelten Gemeinschaften abgeholt und aufgefangen fühlen. Irgendwann drehte sich allerdings ihr komplettes Leben nur noch um geistige Energien, Engel und Channelings. Ihre drei Kinder nahm sie mit in die Gruppe, ihr Partner weigerte sich. Die Beziehung zerbrach schließlich daran.

Die Suche nach Heilung

Dr. Matthias Pöhlmann hilft Aussteigern.
Dr. Matthias Pöhlmann ist Ansprechpartner für Sekten- und Weltanschauungsfragen bei der Evangelischen Kirche.

Der Sektenausstiegsberater der Evangelischen Kirche Dr. Matthias Pöhlmann lernte Sylvia A. vor dreieinhalb Jahren kennen. Er berät Menschen, die zu tief in den Strudel der Esoterik oder in eine Sekte geraten sind. Täglich bekommt er alleine vier bis fünf Anfragen aus dem Bereich Esoterik.

Besonders gefragt sind seiner Meinung nach Heilungsangebote, viele Menschen trauen der Schulmedizin nicht mehr und suchen nach alternativen Wegen: "Die esoterischen Anbieter verfahren mittlerweile so, dass sie sich von Haftungsansprüchen, die ihnen möglicherweise entgegen gebracht werden, entbinden lassen. Das heißt: Der einzelne Nutzer trägt das Risiko. Wenn ihm gesagt wird, dass die fachärztliche Hilfe nicht hilfreich ist und man sich ganz auf den alternativen Weg einlassen soll, dann wird es lebensgefährlich."

Teure Aura-Sprays: Käufer sind auch Menschen mit höherem Bildungsniveau, denn die haben das entsprechende Budget.
Teure Aura-Sprays: Käufer sind auch Menschen mit höherem Bildungsniveau, denn die haben das entsprechende Budget.

In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Todesfällen in Verbindung mit sogenannten "Wunderheilern". Dass Anhänger der Esoterik immer krank oder wirr sind ist allerdings ein längst überholtes Vorurteil, sagt Pöhlmann. Vielmehr seien die Kunden häufig kreative Leute aus der höheren Bildungsschicht. "Sie müssen sich die Angebote ja überhaupt finanziell leisten können", betont der Ausstiegsberater. Häufig stecke dahinter der Wunsch nach einem höheren Sinn oder einer Gemeinschaft.

Esoterik macht Umsätze in Milliardenhöhe

Pro Jahr erwirtschaftet die Esoterikbranche einen Umsatz im zweistelligen Milliardenbereich, schätzen Experten. Durchschnittlich findet einmal pro Woche irgendwo in Deutschland eine Esoterikmesse statt. Das meiste Geld wird jedoch über das Internet gemacht.

Johannes Fischler hat ein Buch über den Esoterik-Markt geschrieben.
Johannes Fischler hat ein Buch über den Esoterik-Markt geschrieben.

Johannes Fischler beschreibt den Markt in seinem Buch "New Cage: Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt": "Die Deutsche Brauwirtschaft macht aktuell acht Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, die Esoterik liegt bei 20 bis 25 Milliarden. Die Trendforscher sprechen 2025 sogar von 30 Milliarden Euro."

Engelsmedien und Auraseher

Ein Handleser bei der Arbeit.
Ein Handleser bei der Arbeit.

Wie viele Menschen in der Branche ihr Geld verdienen ist schwer zu sagen, da es sich nicht um Ausbildungsberufe handelt. Große Player gibt es in Deutschland kaum, viele kleine Anbieter tummeln sich auf dem Markt. Über das Internet und über Mundpropaganda finden Sie ihre Anhänger. Oft werden Konsumenten nach einiger Zeit selbst zu Anbietern: Sie besuchen privat organisierte, oft teure, Seminare und nennen sich danach selbst "Engelsmedium", "Auraseher" oder "Heiler".

Der schwere Weg zurück

Sylvia A. hatte irgendwann genug. Obwohl ihr die Esoterikgruppe ein Gefühl der Geborgenheit bot, merkte sie, dass ihre Wünsche und die der anderen Anhänger der Gruppe eigentlich nie in Erfüllung gingen. Ein privates Gespräch mit einer Freundin gab ihr dann den entscheidenden Anstoß. Nach mehreren Konsultationen mit dem Ausstiegsberater Dr. Pöhlmann gelang es Sylvia A., sich aus der Gruppe zu lösen. Der Ausstieg fiel ihr nicht immer leicht, schließlich hatte die Esoterik neun Jahre lang ihr Leben bestimmt. "Es gab auch traurige Momente, als ich nicht mehr in der Gemeinschaft der Menschen war", sagt sie. Als Sylvia A. kurz darauf ihren Ex-Partner wiedersah, merkte sie allerdings, dass diese Bindung noch nicht ganz gelöst war. Sie gaben der Beziehung eine neue Chance und sind bis heute zusammen glücklich: "Wir haben die Erlaubnis glücklich zu sein, die haben wir uns selbst gegeben."

Bericht: Mira Potten/Christine Memminger
Stand: Mitte Juni 2017

Stand: 14.06.2017 22:43 Uhr

Sendetermin

Mi, 14.06.17 | 21:45 Uhr

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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.