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Wettbewerbsverzerrung: EZB begünstigt Großkonzerne

Wettbewerbsverzerrung: EZB begünstigt Großkonzerne | Video verfügbar bis 14.06.2018

–EZB versucht mit Nullzinsen und dem Ankauf von Unternehmensanleihen die Inflation hochzutreiben.
–Mit Unternehmensanleihen besorgen sich vor allem Großkonzerne Geld.
–Experten werfen der EZB Wettbewerbsverzerrung vor: Die Zentralbank begünstigt mit dem Ankauf von Unternehmensanleihen vor allem große Konzerne.

Die Hamburger Firma Worlée ist ein Traditionsunternehmen mit 700 Mitarbeitern. Der Familienbetrieb verarbeitet Rohstoffe für die Nahrungsmittelindustrie und stellt am Standort Lauenburg Vorprodukte für Farben und Lacke her. Der Konkurrenzdruck für die Firma ist enorm. Denn in der Chemiebranche dominieren große Konzerne. Bislang wusste sich der Firmeninhaber Reinhold von Eben-Worlée dagegen zu behaupten. Doch jetzt sieht er den Wettbewerb durch die Europäische Zentralbank verzerrt: "Ich würde mir schon von der EZB Chancengleichheit für alle Unternehmen wünschen. Dass hier die Großen einseitig gefördert werden, halte ich für nicht angemessen."

EZB begünstigt große Unternehmen

Seit März 2016 ist der Kurs von Mario Draghi unverändert: Zinsen auf Null und Ankauf von Unternehmensanleihen in großem Stil.
Seit März 2016 ist der Kurs von Mario Draghi unverändert: Zinsen auf Null und Ankauf von Unternehmensanleihen in großem Stil.

Rückblick in den März 2016. EZB-Präsident Mario Draghi geht volles Risiko. Er senkt die Zinsen auf Null und kündigt den Ankauf von Unternehmensanleihen an. Rund 91 Milliarden Euro gab die EZB in den vergangenen zwölf Monaten dafür aus. Und das läuft so: Normalerweise besorgen sich Unternehmen mit Anleihen Geld von Kapitalanlegern. Dafür zahlen die Firmen Zinsen. Solche Anleihen werden meist an Börsen gehandelt. Auf diesem sogenannten Sekundärmarkt tritt die EZB jetzt als Käufer auf. Sie darf Anleihen aber auch direkt von Unternehmen erwerben, das heißt auf dem Primärmarkt. So pumpt die EZB die Milliarden in den Kreislauf. Allerdings: Die Zentralbank kauft nur Anleihen von Firmen, denen eine internationale Ratingagentur Kreditwürdigkeit bescheinigt. Dabei vertraut die EZB ausschließlich auf die drei amerikanischen Agenturen Moody’s, Fitch und S&P sowie auf die kanadische DBRS.

Geringe Transparenz

Eine Installation mit dem Euro-Zeichen steht vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main
In Sachen Anleihenankauf gibt die EZB nur begrenzt Einblick.

"Plusminus" will wissen: Welche Anleihen hat die EZB erworben? Den Ankauf erledigen sechs nationale Notenbanken. Doch die zeigen sich mit Ausnahme der deutschen Bundesbank wenig transparent. Denn sie veröffentlichen nur lange Listen mit Nummern. Da die Notenbanken im EZB-System bisher rund 950 Anteile an verschiedenen Anleihen erworben haben, sind diese Listen für die Öffentlichkeit nicht zu durchschauen.

Überraschend erhalten wir dann aber von der EZB selbst eine Datei – mit den Namen von rund 220 Firmen, deren Anleihen die nationalen Notenbanken aufgekauft haben. Welche Beträge die Zentralbank dabei jeweils investiert hat, will sie nicht verraten.

Anleihen von Daimler und BMW

21 verschiedene Anleihen hat die EZB von Daimler gekauft.
21 verschiedene Anleihen hat die EZB von Daimler gekauft.

Allerdings wird so klar: Allein von Daimler hat die EZB 21 verschiedene Anleihen erworben. Es folgen BMW und die spanische Telefongesellschaft Telefonica mit 20. Knapp dahinter der weltgrößte Brauereikonzern Anheuser-Busch Inbev sowie der italienische Ölmulti Eni. Nach Branchen sortiert, überwiegen die Energieversorger sowie Öl- und Gaskonzerne. Mehr als 25 Prozent aller gekauften Anleihen entfallen auf diesen Bereich.

Keine Kleinunternehmen

Die EZB beteuert, sie sei neutral, denn sie kaufe, was auf dem Markt ist. Kleine und mittelständische Firmen sucht man aber in den Listen vergebens. Reinhold von Eben-Worlée, der auch Präsident des Verbands "Die Familienunternehmer" ist, kann das erklären: "Hier tauchen keine Kleinunternehmen auf, weil die in der Regel nicht geratet sind bei den großen Ratingagenturen. Das ist viel zu teuer und würde die Unternehmen dann sehr stark belasten."

Finanzierungsvorteile für Großunternehmen

"Plusminus" fährt nach Hannover zur Norddeutschen Landesbank. Die Experten der Bank zeigen uns: Seit die EZB Anleihen kauft, können sich große Unternehmen tatsächlich nochmals günstiger Geld besorgen, weil die Renditen solcher Anleihen stark gesunken sind. Martin Strohmeier vom Bereich Fixed Income Research der Nord/LB erläutert das so: "Was sie hier sehr schön sehen, ist, dass sich die Renditen von 1,5 Prozent auf unter ein Prozent verringert haben, während sich die Kreditkosten von Kapitalgesellschaften zwar auch verringert haben, aber weniger stark. Das heißt: In der Quintessenz profitieren große Unternehmen mehr als kleine Unternehmen."

Profitables Schuldenmachen

Henkel konnte den Vorteil nutzen und eine Übernahme realisieren.
Der Waschmittelkonzren Henkel konnte den Vorteil nutzen und eine Übernahme realisieren.

Welche merkwürdige Folgen das hat, zeigt das Beispiel des Waschmittelkonzerns Henkel: Das Unternehmen erzielte im vergangenen September bei einer Anleihe über 500 Millionen Euro eine negative Rendite. Das heißt: Die Anleger bekamen keine Zinsen, sondern legten selbst noch etwas drauf. Henkel verdiente also Geld mit Schuldenmachen.

Verkehrte Welt, wie Prof. Volker Wieland von der Goethe-Universität Frankfurt am Main bestätigt: "Es ist tatsächlich so, dass die EZB mit diesen Ankäufen von Unternehmensanleihen den Markt verzerrt. Sie tritt als großer Aufkäufer an diesem Markt auf, das verändert die Preise, das verändert die Finanzierungskonditionen für eine Auswahl an Unternehmen sehr deutlich."

Konzerne auf Einkaufstour

Was machen Unternehmen wie Henkel mit dem geliehenen Geld? Der Waschmittelkonzern übernahm einen amerikanischen Konkurrenten. Auch die Chemieunternehmen BASF, Evonik und Lanxess gingen auf Einkaufstour. Sie steckten Milliarden in Firmenübernahmen – äußerst günstig mit Anleihen finanziert. Vom Ankaufprogramm der EZB ebenfalls profitiert hat der weltgrößte Bierkonzern AB Inbev, der in Deutschland unter anderem Becks-Bier braut. Das belgische Unternehmen konnte so die Übernahme des britischen Konkurrenten SAB Miller leichter stemmen. Jetzt kontrolliert AB Inbev rund 30 Prozent des weltweiten Marktes – und ist auch in Deutschland eine Macht.

Große Konkurrenz für die Kleinen

Geldgeschenk
Die Zinspolitik der EZB begünstigt große Konzerne enorm.

Die Privatbrauerei Barre aus Lübbecke in Westfalen muss gegen solche Konkurrenz bestehen. Christoph Barre führt den Familienbetrieb in sechster Generation. Auch er kann nicht verstehen, dass die EZB den großen Konzernen besonders unter die Arme greift: "Ich finde es als unnötig, weil ich von der Zentralbank erwarte, dass sie hinsichtlich der Auswahl ihrer Mittel neutral ist und nicht in einen Markt eingreift, der ohnehin schon sehr verschärft ist und sich einseitig entwickelt, und wo eine solche Entwicklung, die nicht gesund ist, weiter angefeuert wird."

Ausstieg aus dem Ankauf von Unternehmensanleihen gefordert

Trotzdem kündigte EZB-Präsident Mario Draghi vergangenen Donnerstag in Tallinn an, die Zentralbank werde den Ankauf von Unternehmensanleihen noch mindestens bis zum Ende des Jahres fortsetzen. Notfalls soll das Programm auch länger laufen, falls die Inflationsrate bis dahin nicht steigt.

Für den Wirtschaftsweisen Professor Volker Wieland ein falsches Signal: "Die Wirtschaft erholt sich. Im Übrigen geht es diesen großen Unternehmen besonders gut, sie können sich leichter mit Geld versorgen als Banken. Deshalb ist es nicht notwendig, dieses Programm weiter zu verfolgen." Das fordert auch der Inhaber des Familienunternehmens Worlée: Die EZB soll die Begünstigung großer Konzerne so schnell wie möglich beenden, damit wieder mehr Chancengleichheit herrscht.

Bericht: Josef Streule
Stand: Mitte Juni 2017

Stand: 14.06.2017 22:43 Uhr