SENDETERMIN Mi, 01.08.18 | 22:30 Uhr | Das Erste

Zehn Jahre Finanzkrise: Drohen neue Krisenherde?

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Zehn Jahre Finanzkrise: Drohen neue Krisenherde? | Video verfügbar bis 01.08.2019 | Bild: dpa

Inhalt in Kürze:
– Die Finanzkrise vor rund zehn Jahren scheint überwunden. Wirtschaftswachstum und Arbeitlosenzahlen stimmen positiv.
– Zwar sehen Experten keine neue Blase an den Märkten, allerdings halten sie die Schutzzölle, die Trump einführen will, für gefährlich.
– Eine weitere Gefahr stellt die hohe Verschuldung von Regierungen und Unternehmen aufgrund der Niedrigzinspolitik der Notenbanken dar.
– Die starke weltweite Vernetzung könnte auch ein Europa, das sich strengere Regeln auferlegt hat, in eine erneute Krise hineinziehen.

Kann sich eine Finanzkrise wiederholen?
Kann sich eine Finanzkrise wiederholen?  | Bild: dpa

Die weltweite Finanzkrise vor rund zehn Jahren scheint überwunden. In den USA und weiten Teilen Europas wächst die Wirtschaft. In Deutschland feiern wir zudem eine enorm niedrige Arbeitslosigkeit. Und die Stimmung an den Börsen ist gut – von Krisenangst keine Spur. Doch es sind seit damals neue Risiken aufgetaucht. Kann sich die Krise also wiederholen? Und wie gut sind wir darauf vorbereitet?

So lief die Krise

Rückblick: Im Sommer 2008 packen Mitarbeiter der Lehman Brothers Bank in New York ihre Sachen, weil das Finanzinstitut über Nacht pleiteging. Grund: Der Häusermarkt war zusammengebrochen. Das Problem dabei: Viele Banken hatten Immobilienkredite an Kunden vergeben, auch wenn die gar nicht kreditwürdig waren. Diese Darlehen hatten die Banken dann in Form von Wertpapieren an andere Geldhäuser verkauft – auch nach Deutschland. Als viele Kunden wegen steigender Zinsen ihre monatlichen Raten für das Immobiliendarlehen nicht mehr zahlen konnten, saßen Banken weltweit auf fast wertlosen Immobilienkrediten. Nach der Pleite der bedeutenden Lehman Bank brach an den globalen Finanzmärkten die Panik aus. Zunächst stürzten Bankaktien ab, dann quasi alle Kurse.

Zuversicht in New York

Matthew Cheslock von der Virtu American LLC ist ein erfahrender Händler an der New Yorker Börse.
Matthew Cheslock von der Virtu American LLC ist ein erfahrender Händler an der New Yorker Börse. | Bild: Das Erste

In das ehemalige Lehman-Brothers-Gebäude in New York, unweit des Times Square, sind längst andere Unternehmen eingezogen. Und an der New Yorker Börse, einige Straßenblocks weiter, herrscht gute Stimmung. Der wichtigste Aktienindex in den USA, der Dow Jones, hat sich seit damals vervierfacht. Händler auf dem Börsenparkett, wie Matthew Cheslock von der Virtu American LLC, erinnern sich an die dramatischen Wochen vor zehn Jahren, sind aber zuversichtlich. "Ich glaube, es gibt Leute hier, die werden sich immer an die Krise erinnern. Die Älteren werden sie nie vergessen. Es hat auch eine ganze Weile gedauert, bis ihre Wertpapiere wieder so viel wert waren wie vor der Lehman-Pleite. Aber heute haben Investoren mehr Möglichkeiten. Sie können leichter breitgestreut investieren und ihr Depot etwa an einem Aktienindex ausrichten. Damit sind sie besser geschützt gegen so ein Ereignis", so Cheslock.

Notenbanken als Retter in der Not

Das Vertrauen in die Märkte ist also längst zurück, auch weil sehr riskante Geschäfte nach der Krise verboten wurden. Die gute Stimmung liegt aber vor allem an der amerikanischen Notenbank Fed. Sie hat, wie in Europa die EZB, den Banken viele Milliarden geliehen – zinslos – auch um Unternehmen mit Geld zu versorgen. Die Maßnahmen haben funktioniert: Die Wirtschaft in den USA hat sich erholt. Es bleibt dabei aber eine Angst: Hat die enorme Geldmenge der Notenbanken an den Märkten zu Blasen geführt? Sind Aktien also schon viel zu teuer, weil sie nur deswegen mit dem vielen Geld gekauft wurden, weil es für Anleger keine Alternativen gibt?

Die Stimmung an der New Yorker Börser ist gut.
Die Stimmung an der New Yorker Börser ist gut. Aber der Finanzcrash ist natürlich nicht vergessen worden. | Bild: Das Erste

Stehen wir wieder vor einem Finanz-Crash?

Michael Keppler managt für institutionelle Anleger Vermögen in Milliarden-Höhe.
Michael Keppler managt für institutionelle Anleger Vermögen in Milliarden-Höhe. | Bild: Das Erste

In New York treffen wir Michael Keppler. Er ging in den 1980er Jahren von Deutschland in die USA. Hier managt er für institutionelle Anleger Vermögen in Milliarden-Höhe. Bei der Wahl seiner Anlagen schaute er dabei nicht so sehr in die Zukunft. Stattdessen analysieren seine Mitarbeiter und er den Ist-Zustand einer Aktie: Ist der Kurs eines Unternehmens zu hoch, wenn man seinen Gewinn, den Schuldenstand und andere Daten berücksichtigt? Von diesem Blickwinkel aus sieht er derzeit noch keine Blasenbildung, die jederzeit platzen könnte. "Ich sehe eigentlich keine Gefahr von der Bewertungsseite im Aktienmarkt. Die Gewinne sind in den letzten Jahren im Großen und Ganzen sehr gut mit den Kursen nach oben gegangen", so Keppler.

Welche Gefahren drohen heute?

Sandra Navidi, früher Investmentbankerin, sieht die Schutzzölle kritisch.
Sandra Navidi, früher Investmentbankerin, sieht die Schutzzölle kritisch. | Bild: Das Erste

Auch wenn nach Einschätzung von Experten ein Finanz-Crash durch Spekulationen nicht bevorsteht, sind die Gefahr einer neuen Finanz-Krise und die Möglichkeit eines Absturzes der Märkte nicht gebannt. Sandra Navidi, früher Investmentbankerin, beobachtet die US-Finanz-Branche seit Jahren. Sie fürchtet, ein großes Risiko für die Märkte könnte wieder von den USA ausgehen. Wenn Präsident Trump Schutzzölle einführt, könnten die zu einem Handelskrieg und dadurch einem Börsenbeben führen. "So langsam wächst die Angst. Man ist noch nicht im Panikstadium, aber man hat große Sorgen, auch wegen des Handelskrieges. Man muss kein Ökonom sein, um zu durchschauen, dass das alles keinen wirklichen Sinn macht", so die Finanzexpertin über die Zoll-Politik des US-Präsidenten.

Eine weitere Gefahr sieht sie darin, dass sich wegen der niedrigen Zinsen nicht nur in den USA Unternehmen und Regierungen enorm verschuldet haben. "Wenn die Zentralbanken die Zinsen hochsetzen, dann ist das sehr gefährlich insbesondere für die Schwellenländer. Die haben sich in den vergangenen Jahren stark verschuldet, insbesondere in Dollar. Wenn die US-Notenbank Fed anfängt, die Zinsen hochzusetzen, wird es dort wahrscheinlich viele Unternehmensausfälle, sprich Pleiten geben", warnt die Autorin.

Schulden in Fremdwährung – eine Gefahr.
Schulden in Fremdwährung – eine Gefahr. | Bild: Das Erste
Demonstrationen in Argentinien.
Demonstrationen in Argentinien. | Bild: Das Erste

Ein Beispiel ist Argentinien: Im Juni dieses Jahres gingen Menschen gegen öffentliche Sparmaßnahmen auf die Straße. Die werden notwendig, weil der Staat, wie viele Unternehmen auch, Milliarden Schulden in Dollar und anderen Währungen aufgenommen hat. Die derzeit steigenden US-Zinsen erhöhen nun aber die Zahlungen für diese Dollarkredite. Die Schulden in fremden Währungen betragen dabei rund 30 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung eines Jahres in Argentinien. Ein anderes Beispiel ist die Türkei: Hier machen die Fremdwährungskredite sogar über 50 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus. Hinzu kommt: Die Währungen beider Länder haben gegenüber dem Dollar massiv an Wert verloren. Dadurch müssen die Schuldner unterm Strich noch mehr zahlen. Pleiten in einem betroffenen Land träfen auch Banken in Deutschland und Europa, wenn sie hohe Eurokredite dorthin vergeben haben. Ob Handelskrieg oder Überschuldung – Es gibt insgesamt also verschiedene Krisengefahren.

Wie gut sind wir auf eine neue Finanz-Krise vorbereitet?

Die Euroländer haben auf die vergangene Krise mit Reformen reagiert. Sie sind weniger anfällig.
Die Euroländer haben auf die vergangene Krise mit Reformen reagiert. Sie sind weniger anfällig. | Bild: Das Erste

Die Euroländer haben auf die vergangene Krise mit Reformen reagiert: Die Banken werden strenger beaufsichtigt und sie müssen bei Geschäften mehr eigenes Kapital einsetzen. Deshalb sind sie heute tatsächlich weniger anfällig als früher. Prof. Isabel Schnabel, Expertin für Finanzmärkte, gehen die Reformen allerdings nicht weit genug. "Aus meiner Sicht müsste das Eigenkapital der Banken noch deutlich höher sein, um unser Bankensystem widerstandfähig zu machen gegen zukünftige Krisen", so die Wissenschaftlerin. Doch Banken in Deutschland und weltweit wehren sich gegen strengere Vorschriften. Ihr Argument: Mehr Bürokratie würde die Finanzinstitute zu sehr belasten. Auch Isabel Schnabel glaubt daher kaum, dass strengere Regeln kommen: "Es gibt in einigen Ländern ja sogar Deregulierungsbestrebungen, insbesondere in den USA, und deshalb dürfte es politisch sehr schwierig sein, eine noch schärfere Regulierung im Moment durchzusetzen." Bislang haben die Banken-Regeln und das Verbot sehr riskanter Geschäfte funktioniert.

Eine neue Krise könnte sich aufgrund der weltweiten Vernetzung wieder schnell ausbreiten.
Eine neue Krise könnte sich aufgrund der weltweiten Vernetzung wieder schnell ausbreiten. | Bild: Das Erste

Trotzdem: Wenn es doch wieder, aus welchem Grund auch immer, zu einer Krise kommen sollte, könnte die Ansteckung noch schneller als damals ablaufen, warnt Sandra Navidi: "Wir sind anfälliger für eine neue Krise, weil einfach mehr Risiken im System sind, weil wir vernetzter sind, vor allen Dingen auch technisch und wirtschaftlich." Das bedeutet: Erst wenn es irgendwann zu einer neuen Krise kommt, werden wir wissen, wie gut wir wirklich gewappnet sind.

Bericht: Sebastian Hanisch/ Katharina Adami
Stand: August 2018

Stand: 02.08.2018 10:42 Uhr