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Flüchtlings-Azubis unter Druck

Flüchtlings-Azubis unter Druck | Video verfügbar bis 11.10.2018

– Viele Flüchtlinge schrecken vor einer Ausbildung zurück oder brechen sie ab, obwohl diese Integration böte.
– DieGründe sind vielfältig:

  • Schulden bei Schleppern, die sie bedrohen.
  • Unwissenheiten zum deutschen Ausbildungssystem.
  • drohende Abschiebung trotz Ausbildung in manchen Bundesländern.

Flüchtlinge machen in Berlin eine Ausbildung zum Sport-Übungsleiter.
Klappt es mit der Ausbildung von Flüchtlingen?

Bei der Firma Kaeser in Coburg machen 21 Flüchtlinge eine Ausbildung, lernen Druckluft-Kompressoren herzustellen. Die Firma bietet ein Sportprogramm, extra Deutschunterricht und hat sogar eine Jugendherberge zum Wohnheim für die Azubis umgebaut. Das klingt nach der perfekten Chance zur Integration. Doch dann wendet sich ein junger Flüchtling an Ausbildungsleiter Rüdiger Hopf, weil er die Lehre abbrechen will. Rüdiger Hopf erinnert sich: "Er hat auch sehr geweint, es ging darum, dass er Schulden hatte bei einem Schlepper, der ihm bei der Flucht geholfen hatte. Dann hatte unser Auszubildender die Idee, dass er die Ausbildung hier beendet, und eine andere Tätigkeit oder mehrere Tätigkeiten aufnimmt, mit der er mehr Geld verdient, um dias Geld möglichst schnell zurück zu zahlen."

Schlepper drohen Flüchtlingen

Der Schlepper bedrohe die Familie in der Heimat massiv, erfahren wir. "Plusminus" spricht mit dem jungen Mann: "Die Schlepper haben meinen Bruder mit dem Tod bedroht. Ich sollte sofort zahlen. Ab dem Moment habe ich mir viele Sorgen um meine Familie gemacht. Ich konnte nicht schlafen."

Das Lehrlingsgehalt ist vielen zu niedrig, denn oft müssen sich Flüchtlinge um ihre Familie zuhause kümmern.
Das Lehrlingsgehalt ist vielen zu niedrig, denn oft müssen sich Flüchtlinge um ihre Familie zuhause kümmern.

Die Ausbildung hinschmeißen wegen der Schulden beim Schlepper. Ein Einzelfall? Das will "Plusminus" recherchieren. Klar ist: Die Lehre von Flüchtlingen klappt derzeit nicht so, wie erhofft. Das zeigt unter anderem eine bayerische Initiative. Mehr als 1000 Flüchtlinge sollten in Bayern ausgebildet werden. Am Ende bekam 61 eine Arbeit, nur 92 Flüchtlinge traten die Ausbildung überhaupt an. Mehr als 800 wollten oder konnten nicht.

Ausbildung bietet Integration

Aber warum? Derzeit suchen viele Firmen händeringend nach Azubis – für Flüchtlinge eine Chance. Tobias Mehlich von der Handwerkskammer Ulm erläutert die Vorteile: "Manchmal wohnen die Flüchtlinge auch im Betrieb oder bei den Inhabern. Da kümmert man sich um die private Integration, da wird man an die Hand genommen, zum Sportverein, zur Musik oder wo auch immer hinzugehen. Da geht es nicht nur um Ausbildung und Arbeit." So sieht es auch Azubi Ayman Shanana aus Syrien: "Hier lernt man nicht nur den Beruf, man lernt auch über die Kultur. Deutsche Kultur findet man hier im Betrieb. Genauigkeit, Pünktlichkeit oder das Essen in der Kantine. So lernt man zum Beispiel, was die Deutschen essen."

Am Arbeitslplatz, in der Kantine und beim Feierabendbier lernen Flüchtlinge ihre neue Umgebung am besten kennen.
Am Arbeitslplatz, in der Kantine und beim Feierabendbier lernen Flüchtlinge ihre neue Umgebung am besten kennen.

Aber warum machen trotzdem so wenige Flüchtlinge eine Lehre? Ein Problem: Viele wissen gar nicht, was das eigentlich ist. Das hat auch Rüdiger Hopf von der Firma Kaeser schon erlebt: "Sie kannten die duale Berufsausbildung, die wir hier in Deutschland haben, überhaupt nicht. Auch die Ausbildungsberufe, die wir anbieten, haben sie noch nie gehört." Ahmad Shanana erklärt, wie es in seiner Heimat im Vergleich zu Deutschland gemacht wird: "In Syrien hat man keine Ausbildung, man kann direkt und sofort arbeiten. Der Chef sagt, kannst du das und das machen, zeigt dir irgendwelche Maschinen zwei oder drei Tage lang. Und dann kann man alleine arbeiten."

Niedriges Ausbildungsgehalt

Manche Flüchtlinge kommen mit Schulden hierher, zum Teil haben sie diese auch bei Schleppern. Darum wollen sie mit Hilfsjobs viel Geld verdienen und es ihren Familien in der Heimat schicken. So wie Kusai aus Syrien. Er arbeitet als Wachmann und bekommt dafür 1500 Euro – dreimal so viel wie bei einer Lehre.

Kusai Alshehabi begründet, warum er sich für das höhere Gehalt entschieden hat: "Ich möchte keine Ausbildung, denn diese ist zu lange. Einfach direkt zur Arbeit gehen." Eigentlich kurzsichtig, denn nach einer Berufsausbildung könnte er ja viel mehr verdienen. Es ist ein Dilemma, auch für die Flüchtlingshelfer. Franziska Hirschelmann von jobs4refugees kann die Problematik nachvollziehen: "Er ist alleine nach Deutschland gekommen ist, musste dafür sehr viel Geld ausgeben und seine Familie ist zuhause und braucht dort Unterstützung. Das heißt, er hat die Verpflichtung, oder er hat den Wunsch, Geld zu verdienen. Und das Geld, das er in einer Ausbildung verdienen würde, würde den Bedarf nicht abdecken."

Abschiebung trotz Ausbildung

Viele Flüchtlinge brechen eine Lehre ab – die Gründe sind verschieden.
Viele Flüchtlinge brechen eine Lehre ab – die Gründe sind verschieden.

Ein weiteres Problem: Manche Flüchtlinge werden trotz Ausbildung einfach abgeschoben. Das droht zum Beispiel Fawad Akbari. Er macht eine Lehre in einer Lackiererei in Baden-Württemberg. Doch die Behörden haben ihn aufgefordert, Deutschland zu verlassen, erzählt er "Plusminus": "Ich hab echt Angst wegen der Abschiebung. Dass die Polizei kommt, und mich verhaftet, und sagt jetzt ist es vorbei."

Sein Chef möchte den wertvollen Mitarbeiter auf keinen Fall verlieren. Die Kollegen kämpfen jetzt mit einer Petition für seine Duldung. Eigentlich sollen Asylbewerber in Ausbildung nicht abgeschoben werden. Doch Länder wie Bayern oder Baden-Württemberg interpretieren diese Regel offenbar strenger.

Risiko für Betriebe

Zum Ärger der Handwerksbetriebe, weiß Tobias Mehlich von der Handwerkskammer Ulm: "Wenn Sie aus einem Zehn-Mann-Betrieb einen Mitarbeiter abschieben, fehlen ihnen zehn Prozent der Produktionskraft. Das ist so ähnlich, wie wenn Sie bei Daimler mit 400.000 Mitarbeitern 40.000 rausnehmen. So müssen Sie das bitte sehen."

Gierige Schlepper

 Teure Flucht: Oft haben Flüchtlinge hohe Schulden bei Schleppern.
Teure Flucht: Oft haben Flüchtlinge hohe Schulden bei Schleppern.

Und der Azubi, der wegen Schulden beim Schlepper die Ausbildung abbrechen wollte? Wie kann und soll die Firma helfen? Rüdiger Hopf von der Firma Kaeser ist unsicher: "Wenn man Geld zahlt, besteht die Gefahr, dass sich der Schlepper denkt: 'Jawohl, da ist was zu holen!' Und er fordert dann immer mehr."

Wie viele Flüchtlinge auch so bedroht werden, weiß man nicht. Kaum einer redet darüber. Für den Azubi hat die Firma eine Lösung gefunden: eine günstigere Wohnung. Er erklärt uns, warum ihm das hilft: "So habe ich mehr Geld und kann meine Schulden besser zurückzahlen. Ich bin sehr glücklich, dass ich weitermachen kann." Der Azubi kann mit seinen Kollegen weiter lernen –über Druckluft, Kompressoren und deutsches Essen.

Autor: Matthias Fuchs

Stand: 12.10.2017 14:16 Uhr