SENDETERMIN Mi, 07.06.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Künstliche Gelenke – Zu oft müssen Hüfte und Knie wieder raus

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Künstliche Gelenke – Zu oft müssen Hüfte und Knie wieder raus | Video verfügbar bis 07.06.2018

– 400.000 Hüft- und Knieimplantate werden in Deutschland pro Jahr eingesetzt. Mehr als jede zehnte Prothese muss wieder ausgewechselt werden.
– Die Zulassungsstandards in Europa für solche Medizinprodukte sind niedrig.
– Ein freiwilliges bundesweites Prothesenregister bringt bislang nicht den erhofften Patientenschutz.
– Die Teilnahme von Kliniken, Krankenkassen und Herstellern ist lückenhaft.

Seit Jahren leidet Hanspeter Hauke unter unerträglichen Schmerzen. Der Grund: Er hatte wie tausende andere Patienten eine mangelhafte Metall-auf-Metall-Hüftprothese im Körper. Schon ein dreiviertel Jahr nach der OP konnte er kaum noch laufen oder sitzen, so dass die Prothese enfernt wurde. Doch da hatten sich aus diesr bereits so viele krebserregende Metallstücke abgerieben, dass nicht nur die Hüfte kaputt, sondern auch der ganze Körper von Hanspeter Hauke vergiftet war: "Bei mir hat es dazu geführt, dass sich der Oberschenkelknochen aufgelöst hat. Es war so eine Art Knochenkrebs, die da entstand, Osteolyse. Und das Gewebe wurde vergiftet und ist abgestorben."

Schmerzen als ständiger Begleiter

2017, sieben Jahre nach der zweiten OP, leidet er immer noch unter bleibenden Schäden, musste sogar in Frührente gehen: "Ich kann laufen, ich kann aber nicht weit laufen. Ich hab immer wieder Probleme beim Sitzen, beim Autofahren. Meine Lebensqualität ist nach wie vor wesentlich eingeschränkt und ich bin eigentlich nie völlig schmerzfrei."

Mangelhafte Prothese: Zeitbombe im Körper

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Gelenk-Prothesen müssen zu häufig wieder ausgetauscht werden.

Fälle wie diesen kennt man in der Endo-Klinik in Hamburg zur Genüge. Hier werden deutschlandweit die meisten Wechsel-Operationen von Knie- und Hüftprothesen durchgeführt – mehr als 2000 im Jahr. Obwohl die großen Rückrufaktionen der Hersteller schon sieben Jahre her sind, hat Prof. Thorsten Gehrke noch heute zwei bis dreimal die Woche Patienten mit den mangelhaften Metall-auf-Metall-Prothesen in seinem Operationssaal – oft mit bleibenden Schäden. Ein Ende ist für Prof. Thorsten Gehrke auch noch nicht in Sicht: "Da sind noch lange nicht alle dieser Metall-Metall-Gleitpaarungen ausgewechselt worden bis heute. Schätzungsweise vielleicht 20-25 Prozent. Das heißt: Es laufen immer noch eine ganze Menge Patienten mit diesen Zeitbomben in ihrem Körper herum."

Niedrige Zulassungshürden

Die Zulassungshürden für Medizinprodukte sind in Europa ausgesprochen niedrig. Anders als Arzneimittel dürfen sie ohne umfassende klinische Studien auf den Markt. Dass reicht nicht immer. Möglicherweise rollt schon bald die nächste Rückrufaktion auf uns zu, befürchtet Prof. Thorsten Gehrke: "Da kommt im Moment eine Welle eines Prothesentyps auf uns zu, der immer noch als relativ gutartige Prothese galt: So dass ich damit rechne, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren auch hier doch noch etliche Patienten ihre Prothesen ausgewechselt bekommen müssen."

Schon wieder unerkannte Mängel, die nur durch Zufall – erst Jahre nach dem Einbau – entdeckt wurden? Wäre es da nicht höchste Zeit für ein verpflichtendes Prothesenregister? So könnte erfasst werden, was Patienten eingebaut wird, durch wen, wie lange es hält und ob es Komplikationen gibt. Doch das gibt es in Deutschland nicht.

Freiwilliges Register als Frühwarnsystem

Wenigstens haben wir in Deutschland seit fünf Jahren ein freiwilliges Register, das von Orthopäden und Chirurgen gemeinsam mit den Ersatzkassen, der AOK und dem Herstellerverband aufgebaut wurde. Die Datensammlung soll im Laufe der Jahre ein Frühwarnsystem für Fehler an Implantaten oder im OP bilden, erklärt Prof. Dr. Volkmar Jansson, der wissenschaftliche Direktor des Registers "EPRD": "Ziel ist es natürlich, die Standzeiten, die Qualität der Versorgung zu verbessern. Und die beiden Ansatzpunkte sind einmal das Produkt an sich: Also das Implantat möglichst zu optimieren und eben heraus zu finden, welche Produkte versagen und nach Möglichkeit aus welchen Gründen. Und zum zweiten wollen wir natürlich auch die Versorgungsqualität in den Kliniken verbessern."

Knie mit Bandage
Schmerzen im Knie – nach einer Prothesen-OP.

Heißt: künftig sollen weniger Prothesen frühzeitig wieder raus. Mehr als jede zehnte Operation an Knie oder Hüftgelenk ist eine Wechsel-OP. Betroffen sind 52.000 Patienten im Jahr. Der Kostenpunkt liegt bei rund 660 Millionen Euro. Ein großes Einsparpotential, wenn solche OPs reduziert werden könnten. Doch die 5-Jahres-Bilanz des Registers ist ernüchternd, weil weder alle Kassen, noch alle Hersteller, noch alle Kliniken mitmachen. Dr. Stefan Sauerland vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) erklärt die Hintergründe: "Es besteht sehr schnell die Gefahr, dass ein Krankenhaus 80, 90, 95 Prozent der Patienten meldet, dass aber diese fünf Prozent Patienten, die am Ende fehlen, genau die schwierigen Fälle sind, wo es zu Komplikationen kommt. Und dann ist das ganze Register natürlich irreführend und gibt ein geschöntes Bild der Wirklichkeit."

Das Register kostet die Kliniken Zeit und Geld

Operationsbesteck
Kliniken, die Prothesen-OPs durchführen, liefern oft zu wenige Daten.

Woran liegt die geringe Beteiligung? Das will "Plusminus" in der Charité herausfinden. Prof. Carsten Perka hat darauf gedrängt, dass die Klinik am Register teilnimmt. Doch sogar diese renommierte Adresse für Prothesen-OPs liefert zu wenige Daten. Für den Chirurgen unbefriedigend – er kennt aber auch die Gründe: Die Teilnahme koste Kliniken Geld und viel Arbeitszeit. Allein für die Dokumentation brauche man anderthalb Stunden pro Tag, so schildert Prof. Carsten Perka den Aufwand: "Man braucht noch mal eine extra Software, muss viele Daten nochmal doppelt eingeben. Und das ist natürlich einerseits ein Zeitfaktor. Andererseits braucht man eine Menge an digitalen Voraussetzungen. Und es müssen natürlich dann auch alle in der Abteilung eines Hauses mitmachen. Also auch wir haben Verbesserungsbedarf."

Andere EU-Länder sind besser organisiert

Es kann besser laufen als in Deutschland: Viele EU-Länder haben seit langem Prothesenregister. In den meisten Ländern werden weit über 90 Prozent der Eingriffe gemeldet. Das zeigt Wirkung. Zum Beispiel werden in Schweden jetzt nur noch halb so viele künstliche Gelenke ausgetauscht. Und statt früher mit 140 Implantaten zu arbeiten, haben sich hier die fünf besten etabliert. Das britische Register hat 2010 den Skandal um die Metall-auf-Metall-Hüftimplantate mit aufgedeckt. Die Folge war ein Produktrückruf.

Von solchen Erfolgen kann das deutsche, freiwillige Register nur träumen. Ärzte, Krankenkassen und Patienten fordern deshalb schon lange eine gesetzliche Teilnahme-Pflicht – für Kliniken, Kassen und Hersteller. Damit hätte vielleicht auch Hanspeter Haukes Problem früher entdeckt werden können: "Ich verstehe nicht, warum ein hochindustralisiertes Land wie Deutschland es nicht in der gleichen Art und Weise schafft, was Australien und andere, wie Großbritannien und nordische Länder, schaffen. Dass man hier den Patientenschutz tatsächlich umsetzt und im Blick hat."

Qualität, Transparenz und Sicherheit – darauf sollten sich Millionen Hüft- und Knie-Patienten endlich verlassen können.

Autorin: Katja Sodomann

Stand: 08.06.2017 08:31 Uhr