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Gift in Fertighäusern

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Gift in Fertighäusern | Video verfügbar bis 27.07.2017

Im ARD Ratgeber Technik vom März 1974  wird das Holzfertighaus erklärt. Damals noch eine stark beworbene Neuigkeit auf dem Immobilienmarkt :

"Wie sieht die Wand eines Holzfertighauses eigentlich von innen aus? Spanplatten unten, zwischen den Latten Mineralfasermatten als Wärmedämmung. Spanplatten mit Holzschutzmitteln behandelt werden oben drauf genagelt. Als Außenwand Asbestzementplatten oben feuerverzinkter Mäusedraht. So einfach ist das."

Nach dieser so genannten Holzständerbauweise wurde in den 70ern auch dieses Haus in Neunkirchen gefertigt – wie Tausende andere Häuser in Westdeutschland. Nach DIN-Norm chemisch imprägniert. 2010 hat Familie N. gekauft. Bis heute eine Dauerbaustelle.

Hausbesitzerin Sandra N.: "Und hier haben wir noch nicht renoviert, das ist alles noch im Originalzustand, da haben wir schon renoviert. Das ist jetzt alles neu."

Kurz nach dem Einzug war der jungen Mutter ständig schwindelig. Es roch muffig. Untersuchungen brachten schnell die Ursachen ans Licht. Formaldehyd deutlich über dem Grenzwert - und Schimmelpilzkulturen.

Sandra N.: "Erstmal waren wir mit dem Problem allein, ich hatte ziemlich große Angst. Wir haben einen Gutachter beauftragt, der das Haus untersucht hat, und der riet dann zum Auszug, auch weil mein Sohn erst wenige Wochen alt war, was ich auch direkt gemacht habe."

Die Familie kam für Monate im Elternhaus unter. Ihr Anwalt handelte einen Nachlass auf den Kaufpreis heraus und seitdem wird renoviert. Immer Stück für Stück, soweit eben das Geld reicht. Bis heute sind sie nicht fertig.

Sandra N.: "Diese Häuser werden weiter vermittelt und Familien wie wir kommen dann in diese Situation, und es gibt keinen Schutz.“

Mögliche Schadstoffe in 700.000 Häusern

Experten schätzen, dass es heute noch rund 700.000 ältere Fertighäuser gibt, die solche Probleme aufweisen könnten. Erst im Dezember 1989 wurden die hochgiftigen Biozide verboten. Bis dahin war nach  DIN 68800 die chemische Behandlung sogar staatlich vorgeschrieben.

Auch das Ehepaar B. hat vor zwei Jahren im Saarland ein solches Fertighaus gekauft und renoviert. Aber schon nach wenigen Wochen wurden sie krank. Augenreizung, Kopfschmerzen, Hautausschlag, Antriebslosigkeit. Das sogenannte Holzschutzmittelsyndrom. Auch nach der Renovierung: ein muffiger Geruch. 130.000 Euro hat sie das Haus gekostet. Und jetzt?

Michael und Gaby B.: "Das Gefühl ist: Man hat ein Haus und kann nicht darin wohnen. Das ist bedrückend. Bedrückend ist auch, dass man hier im Garten steht und eigentlich hier die Sonne genießen könnte. Man kann nicht mal in den Garten gehen, ohne dass es stinkt. Es ist schlimm, einfach schlimm.“

Die nach der Renovierung neugekauften Möbel stinken unerträglich. Sind jetzt Sperrmüll. Vorher hatte hier eine betagte Witwe gewohnt. Bei der Hausbesichtigung, sagt die Familie, habe der Makler den starken Geruch mit jahrelangem Renovierungsstau und alten Teppichböden erklärt. Das Ehepaar glaubte ihm.

Erst später brachte ein Gutachten Klarheit. Nach den gemessenen Formaldehyd-Werten kommt der Gutachter Dr. Johannes Däges zu einem eindeutigen Ergebnis. "Also eine Krebsgefahr ist hier nicht mehr auszuschließen“

Viele Baubiologen sind bis heute mit den Baustoffen und Holzschutzmitteln von damals beschäftigt. Auch an der Uniklinik Freiburg. Es war für viele ein Modetrend, ihre Innenraumhölzer mit Chemie zu streichen. Mit Holzschutz, der krank machen konnte. Das heutige Fazit von Armin Schuster an der Uniklinik Freiburg:

"Chemischer Holzschutz im Innenbereich, auch bei Trägerelementen ist ein Irrweg. Der Grund? Man wollte verkaufen - ganz einfach.“

Gesetzgeber muss handeln

Es wurde geworben, dass sich die Balken bogen. Plusminus gehörte 1977 zu den ersten Fernseh-Magazinen, die auf die Gefahren hinwiesen. Aber erst im Dezember 1989 wurden giftige Stoffe im Holzschutzmittel verboten. Die Grünen fordern hartnäckig eine Aufarbeitung. Und konkrete Hilfe.

Peter Meiwald, MdB, Umweltpolitischer Sprecher B'90/Grüne: "Wir brauchen Messungen in der Innenraumluft, wir brauchen ein Förderprogramm, damit man die Gebäude sanieren kann, und man braucht viele Informationen für die Menschen, damit sie nicht in die Falle tappen, dass Menschen krank werden und hinterher sagen, wir wollen das Haus wieder verkaufen, wir wussten nicht, was wir gekauft haben; sondern es muss Klarheit geben, man darf das nicht den Gerichten überlassen. Da ist die Regierung in der Pflicht.“

Familie B. lebt jetzt bei Verwandten. Waren sie zu leichtgläubig? Sie hatten sich auf andere verlassen. Auch auf Behörden. Weil die Vorbesitzerin pflegebedürftig geworden war, ließ sogar der Landkreis den Verkehrswert des Fertighauses amtlich bestimmen. 101.000 Euro. Der Verkaufserlös sollte helfen, die Heimkosten zu decken. Sparkasse und LBS fungierten als Makler. Eine Schadstoffbelastung wurde nicht angesprochen.

Michael B., Geschädigter: "Ich kaufe nicht jeden Tag ein Haus. Da muss ich mich darauf verlassen, wenn ich einen Makler beauftrage. Ich habe auch Maklergebühren bezahlt. Das ist in meinen Augen ein Dienstleister für mich, das ich von dem auch gut beraten werde.“

Niemand fühlt sich verantwortlich

Die LBS verweist auf die amtliche Wertermittlung des Landkreises. Daran habe sich ihr Makler orientiert. Aber der Landkreis sieht trotzdem keinerlei Verantwortung für den überteuerten Verkauf.

Obwohl der Landkreis-Direktorin nach eigener Aussage die Fertighausproblematik bekannt ist, hat sie keine Erklärung für die Bewertung des Fertighauses mit 101.000 Euro durch ihren Sachverständigen - trotz der möglichen Schadstoffe.

Birgit Mohns–Welsch, Verwaltungsdirektorin des Landkreises Neunkirchen: "Das weiß ich nicht, warum er das nicht ermittelt, nicht berücksichtigt hat. Das sind ja Dinge, die können vorkommen, die müssen aber nicht vorkommen.“

Das ist aber im Fall der Familie B. genauso vorgekommen. Dabei wäre eine gesetzliche Lösung in Sachen Fertighaus- Problematik möglich. Eine Untersuchung der typischen Problemstoffe kostet rund 1.200 Euro. Und könnte Sicherheit schaffen.

Armin Schuster von der UNI-Klinik Freiburg: "Bei alten Häusern finde ich es wirklich einen sinnvollen Ansatz, dass man analog zum Energieausweis für die alten Fertighäuser einen Schadstoffpass macht, um Biozide, Formaldehyd und Schimmelpilze, um die es geht, durch Begehung und ggf. durch Messungen, abzuklären.“

Ein Schadstoffpass für Fertighäuser? Dazu hätten wir gerne die Bundesumweltministerin befragt. Aber aus ihrem Haus bekamen wir dazu kein Interview. Vorgestern wurde uns schriftlich mitgeteilt, dass man diese Idee für nicht umsetzbar hält.

Familie B. will den Kauf rückgängig machen. Oder zumindest einen ordentlichen Schadensersatz von der Vorbesitzerin haben. Morgen haben sie ihren ersten Verhandlungstermin vor dem Landgericht in Saarbrücken. Ausgang ungewiss.

Autor: Mirko Tomic

Anfrage an das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit zu der Einführung eines Holzschutzmittelpasses für Wohnhäuser :

Die Tatsache, dass vor mehreren Jahrzehnten problematische Holzschutzmittel verwendet wurden, ist für sich allein gesehen nicht notwendiger Weise ein Beleg für aktuell bestehende Gesundheitsgefahren. Auch ein bestimmtes Baujahr allein lässt keine entsprechenden Rückschlüsse zu. Auch in den 1960-er und 70-er Jahren gab es bspw. Alternativen. Entscheidend ist, ob das behandelte Holz- in Wohn oder anderen regelmäßig genutzten Räumen auch heute noch zu relevanten Emissionen führt. Nur dann kann es zu gesundheitlichen Problemen kommen. Das lässt sich nur im Einzelfall feststellen und kann nicht pauschal beantwortet werden. Die Belastungen hängen u.a. von der eingesetzten Menge an Chemikalien,  der „Lage“ der Holzteile im Haus und auch von der Belüftungssituation ab. Typischerweise wurden Holzschutzmittel in unbewohnten Dachgeschossen verwendet, die mangels Dämmung zumindest damals gut belüftet waren und nicht zu Wohnzwecken genutzt werden konnten. Wurden die  behandelten Balkenkonstruktionen im Dach mittlerweile durch einen zeitgemäßen Dachausbau verkoffert, wird es in aller Regel nicht zu Emissionen in den neu geschaffenen Wohnraum kommen.  Auch daraus schließen wir, dass es in vielen potentiell betroffenen Häusern heute keine relevanten Belastungen für die  Menschen gibt.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine Kennzeichnungspflicht unverhältnismäßig. Dies würde ein aufwendiges Messprogramm erfordern, und zwar in einer nicht bezifferbaren Zahl von Häusern, da es keine offiziellen Zahlen zu Häusern gibt, in denen problematische Holzschutzmittel zum Einsatz kamen. Auch dazu müssten also erst Untersuchungen stattfinden. Es ist zumindest fraglich, ob dieser Aufwand gerechtfertigt ist. Die aktuellen Daten zur PCP-Belastung der deutschen Bevölkerung rechtfertigen die Annahme, dass in der Mehrzahl der Fälle keine relevanten Belastungen mehr zu finden sein würden. Die PCP-Belastung der Bevölkerung ist im Zeitraum zwischen 1982 und 2010 drastisch, und zwar um 98%, zurückgegangen. Das belegen Untersuchungen der Umweltprobenbank, in der auch Humanproben gelagert werden. Für Dioxine, mit denen die Holzschutzmittel z.T. verunreinigt waren, sieht es ähnlich aus. Die Dioxinbelastung der Bevölkerung ist inzwischen sehr viel niedriger ist als in der Vergangenheit.

Zum Schluss noch eine generelle Bemerkung: Häuser und Grundstücke können theoretisch mit einer Vielzahl von Stoffen belastet sein. Beim Erwerb einer Immobilie ist es daher wichtig, generell die Frage nach Schadstoffbelastungen zu klären und diese aktiv zu erfragen. Hierzu trägt nicht zuletzt Ihre Berichterstattung bei. Am Ende muss der Verkäufer dazu ausreichend Auskunft geben. Kann er dies nicht, bleibt es jedem Käufer anheimgestellt, ein Schadstoffscreening durchführen zu lassen. Stellt sich erst im Nachhinein heraus, dass eine Immobilie belastet ist, sind u.U. zivilrechtliche Ansprüche geltend zu machen. Dazu verweise ich auf die Antwort zu Frage 28 in BT-Ds. 18/3978.

Stand: 23.11.2016 14:32 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.