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Kinderwunschbehandlung – dubiose Geschäftemacherei

Kinderwunschbehandlung – dubiose Geschäftemacherei | Video verfügbar bis 23.08.2018

Inhalt in Kürze:

Das Geschäft mit dem Kinderwunsch boomt – im Ausland.
Denn: Deutsche Ärzte dürfen nicht helfen, machen sich schnell strafbar.
Die Versprechen vieler Anbieter sind allerdings unseriös.
Oft werden hohe Kosten in Kauf genommen, ohne dass der Kinderwunsch erfüllt wird.

Ein Haus im Grünen und dann ein Kind. Das war Corinnas Traum. Doch plötzlich bekam sie die Diagnose: Darmkrebs. Es folgte eine Chemotherapie. Seitdem ist sie unfruchtbar. Darum entschied sich das Paar für eine Eizellenspende. Ein Tabuthema, über das sie nur anonym sprechen wollen: "Das war keine leichte Entscheidung. Wir mussten mühsam im Internet nach Informationen suchen. Und dann haben wir eine Firma im Ausland entdeckt. Die wollte uns helfen."

Eizellenspende in Deutschland verboten

In Deutschland gab es keine Möglichkeit, denn hier ist Eizellenspende verboten. Deshalb mussten sie ins Ausland. Dort ist es ein Riesengeschäft. Die Handelsware sind Eizellen. Diese werden Frauen entnommen, die von den Firmen angeworben werden. Die Eizellen werden mit dem Samen des Partners befruchtet und im Ausland eingesetzt. Welche Firmen was anbieten, darüber hat Corinna sich auf der Kinderwunsch-Messe in Berlin informiert. Samenspenden, künstliche Befruchtung im Reagenzglas, Leihmütter – das Angebot ist vielfältig. Die Anbieter sind höchst umstritten. Bei den Kundengesprächen bleiben die Firmen lieber unbeobachtet. Kamerateams sind auf der Messe unerwünscht.

Mit einen unerfüllten Kinderwunsch lässt sich Geld verdienen.
Mit einen unerfüllten Kinderwunsch lässt sich Geld verdienen.

Wir drehen mit versteckter Kamera, geben uns als Paar aus, das ein Kind will. Dieser Verkäufer aus der Türkei bietet uns Eizellen von jungen Studentinnen aus Nord-Zypern an. "Sie wissen Haarfarbe, Augenfarbe, Hautfarbe, sie wissen ihre Ausbildung, ihren Beruf, also was sie macht. Ich schicke drei Möglichkeiten per Mail." Wir fragen nach: "Aber keine Fotos?" Die Antwort ist deutlich: "Keine Fotos! Das ist anonym. Deshalb ist der Preis ein bisschen niedriger."

Wir tun so, als ob wir interessiert seien. Auf einem Flyer notiert er den Messe-Preis für die Behandlung: 3000 Euro. In ein paar Tagen werden wir versuchen, mit ihm ins Geschäft zu kommen.

Mit dem Kinderwunsch lässt sich verdienen

Das Geschäft mit dem Kinderwunsch boomt. Vor allem in Spanien, Tschechien und Russland. 2012 gab es allein in Spanien über 16.700 Eizellbehandlungen. In Tschechien ca. 3.800. In Russland über dreieinhalb Tausend. Der Preis dafür reicht von 7000 Euro in Tschechien bis zu 30.000 Euro in den USA. Mit Werbebotschaften wie "100-prozentige Schwangerschaftsgarantie" buhlen die Anbieter um Kunden. Einer zeigt uns einen Katalog mit Frauen, von denen wir Eizellen bestellen können: "Wir haben 50 Frauen im Angebot. Wollen sie sie sehen?"

"Plusminus" nimmt Kontakt mit Anbietern aus dem Ausland auf.
"Plusminus" nimmt Kontakt mit Anbietern aus dem Ausland auf.

Wie läuft so ein Geschäft mit den Anbietern ab? Wir fragen ein paar Tage nach der Messe die Firma aus Nordzypern per Email an: "Wir haben uns auf der Kinderwunschmesse kennengelernt (...) Wir hätten Interesse? Welche Unterlagen brauchen Sie?" Wir sind gespannt auf die Reaktion.

Unseriöse Versprechen

Auch David Peet war mit einem Stand auf der Kinderwunsch-Messe. Er wirbt damit für seine Praxis in Berlin, will Paare damit informieren und womöglich später auch behandeln. Veranstaltungen zum Thema Kinderwunsch findet er deshalb gut. Die Messekataloge zum Thema Eizellspende, die eine hundertprozentige Schwangerschaftsgarantie versprechen, sieht er jedoch kritisch: "Das ist Bauernfängerei. Das ist einfach nicht möglich. Mit den besten Methoden, mit besten Spenderinnen, mit der besten Technik nicht. Es ist einfach gelogen. Und das ist nicht fair. Unfair den Paaren gegenüber. Sie werden dorthin gelockt, sie lassen Geld für ein, zwei, drei Zyklen, und schnell sind sie 10.000 bis 15.000 Euro los und nicht glücklicher."

Oft bleibt die künstliche Befruchtung ohne Erfolg - nur das Geld ist weg.
Oft bleibt die künstliche Befruchtung ohne Erfolg - nur das Geld ist weg.

Dr. David Peet spricht auch im Internet Patienten an und berät sie auf einer Kinderwunschseite. Doch das hat Grenzen: Jede Information zu Zentren und Hilfestellung bei der Behandlung im Ausland: Das alles ist ihm als deutscher Arzt verboten.

Ein Angebot aus Nord-Zypern

Inzwischen kommt wieder eine Mail von dem Anbieter aus Nord-Zypern, ein Mix aus Deutsch und Englisch: "Ich brauche ihre blutgruppen [sic!] mit ihrem Mann um Spenderinnen finden zu konnen [sic!]" (Zitat aus der Email)


Warum ich nicht schwanger werde, wie alt ich bin – das alles interessiert nicht. Wir fragen nach, was das für Frauen sind, von denen die Eizellen stammen. Wir wollen herausfinden, welche Informationen wir von den Spenderinnen bekommen.

Deutsche Ärzte dürfen nicht helfen

Deutschen Ärzten ist aufgrund der Gesetze ein Handeln untersagt.
Deutschen Ärzten ist aufgrund der Gesetze ein Handeln untersagt.

Corinna und Micha sind nach Tschechien gegangen. Dort wurden Corinna vier Eizellen eingesetzt. Bei den Vorbehandlungen hat ihre Gynäkologin in Deutschland geholfen. Damit hat sich die Ärztin strafbar gemacht. Wird das bekannt, droht ihr eine Gefängnisstrafe. Für Corinna eine Belastung: "Ich habe natürlich ein schlechtes Gewissen, ich habe das Gefühl, ich würde meine Ärztin dazu verleiten, etwas Unrechtes zu machen."

Im Ausland ist es aber erlaubt. So bietet uns der Anbieter aus Nord-Zypern eine geeignete Eizellspenderin aus Lefkosa an. Wir könnten auswählen, wer uns gefalle.

Ethikrat sieht Handlungsbedarf

Im Deutschen Ethikrat sieht man angesichts solcher Geschäfte Handlungsbedarf. Claudia Wiesemann plädiert deshalb dafür, das Embryonenschutzgesetz zu ändern und zumindest die Eizellspende in Deutschland zu erlauben. Dadurch sei eine seriöse Beratung und Behandlung sicher. Auch Paaren, die sich das nicht leisten können, könnte so geholfen werden, erklärt Claudia Wiesemann: "Denn wer kann es sich leisten, ins Ausland zu reisen und dort Eizellspende in Anspruch zu nehmen. Das sind eher die wohlhabenden Paare. Wenn man es in Deutschland anbieten würde, dann würde sich der ganze Aspekt der Reise und in der Zeit nicht berufstätig sein zu können und so weiter, erübrigen."

Sogar das Geschlecht soll man wählen können

Zurück nach Nord-Zypern: Nachdem wir uns eine Spenderin ausgesucht haben, bekommen wir Instruktionen. Ich soll mir Hormon-Tabletten von meiner Gynäkologin verschreiben lassen, täglich eine nehmen und dann ein Ultraschallbild meiner Gebärmutter schicken. Wir haben noch einen speziellen Wunsch. Es soll unbedingt ein Junge werden. Auf der Seite der Firma wirbt man offensiv für "Sex Selection", also die Geschlechtswahl. Wir fragen, wie viel ein Junge kostet. Wenige Tage später nennt man uns dafür den Preis: 2500 Euro zusätzlich! In dem Vertrag, den man uns schickt, erfahren wir den Gesamtpreis: 6000 Euro, 1000 Euro sollen wir schon in zwei Tagen auf ein Konto überweisen. An diesem Punkt brechen wir den Kontakt ab.

Manche Anbieter versprechen sogar ein Wunschkind nach Maß.
Manche Anbieter versprechen sogar ein Wunschkind nach Maß.

Was ist aus Corinna und Micha geworden? Wir erfahren, dass sich die Embryonen haben nicht eingenistet haben. Doch sie wollen es noch einmal versuchen und dafür werden sie wieder ins Ausland gehen.

Autorin: Pia Busch

Stand: 23.08.2017 23:16 Uhr