SENDETERMIN Mi, 07.03.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Einfach abgedreht – wenn der Kohleausstieg zu Chaos führt

PlayKohlekraftwerk in Hessen.
Einfach abgedreht – wenn der Kohleausstieg zu Chaos führt | Video verfügbar bis 07.03.2019 | Bild: dpa

– Hessens größtes Steinkohlekraftwerk wird über die Sommermonate abgeschaltet.
– Die kurzfristige Abschaltung sorgt für ungeahnte Probleme.
– Fernwärmenetz und damit das Warmwasser der umliegenden Städte und Gemeinden sind durch eine Kraft-Wärme-Kopplung betroffen.
– Mit einem deutlichen Mehr an CO2-Emissionen ist zu rechnen.
– Langfristig geplante Bauprojekte werden ebenfalls durch neue Anforderungen gestört.
– Endverbraucher müssen mit höheren Stromkosten rechnen.

Kohlekraftwerk in Hessen.
Kohlekraftwerk in Hessen. | Bild: dpa

Andreas Rossnagel vermietet einen Wohnblock im hessischen Hanau. Er weiß nicht, wie er in Zukunft Warm-Wasser bekommt. Das kommt bisher vom nahegelegenen Steinkohlekraftwerk, das über die Sommermonate abgeschaltet wird. Andreas Rossnagel, Vermieter, Hanau: "Das würde wohl im worst case bedeuten, dass die Mieter kalt duschen müssten."

Das Aus für das Kraftwerk Staudinger

Kohleausstieg mit chaotischen Folgen: das Kraftwerk wird sehr kurzfristig abgeschaltet.
Kohleausstieg mit chaotischen Folgen: das Kraftwerk wird sehr kurzfristig abgeschaltet.  | Bild: Das Erste

Was ist da los? Hessens größtes Kraftwerk, das Staudinger, will den Steinkohleblock 5 in diesem und in den kommenden Jahren jeweils in den Sommermonaten abschalten. Es ist der letzte verbleibende Block. Die Stromproduktion lohne sich nicht mehr, so der Betreiber Uniper. Raus aus der Kohle, stattdessen regenerative Energie. Prima, könnte man denken. Doch das hat ungeahnte Nebenwirkungen. Denn Staudinger 5 ist eine sogenannte Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage. Die Abwärme bei der Stromerzeugung versorgt die umliegenden Städte wie zum Beispiel Hanau mit Fernwärme für Heizung und Warmwasser. Kraft-Wärme-Kopplung kurz KWK gilt als gute Sache und wird vom Bund gefördert. So gibt es bundesweit inzwischen weit über 100 Steinkohlekraftwerke, die neben Strom auch Fernwärme liefern. Deshalb gelten sie als umweltfreundlich. Und nun das plötzliche Aus für Staudinger 5.


Wie reagieren die Stadtwerke?

Steffen Maiwald von den Stadtwerken Hanau.
Steffen Maiwald von den Stadtwerken Hanau. | Bild: Das Erste

Steffen Maiwald, Chef der Stadtwerke Hanau, wurde von den Schließungsplänen überrumpelt. Er sieht eine Gefahr für die regionale Fernwärmeversorgung. Für ihn ist es gar nicht so einfach, die Wärme vom Kraftwerk Staudinger zu ersetzen. Zwar haben die Stadtwerke zwei kleine Notkraftwerke, die einspringen, wenn Staudinger 5 ausfällt. Aber sie sind nur für den Einsatz von Stunden oder Tagen ausgelegt, nicht für den Dauereinsatz. Die müssen nun erst einmal herhalten. Gegen die Schließung von Staudinger sind die Stadtwerke machtlos.
Steffen Maiwald, Geschäftsführer Stadtwerke Hanau: "Wir haben vor einigen Jahren einen lang laufenden Liefervertrag bis 2024 mit Uniper abgeschlossen, leider beinhaltet der für uns eine Abnahmeverpflichtung, aber leider keine Lieferverpflichtung für Uniper, das ist das Problem."

Was sagt der Kraftwerksbetreiber?

Uniper kümmert die Sache offenbar wenig. Auf Anfrage von "Plusminus" heißt es nur: "Sollte Staudinger 5 für die Sommermonate schließen, müsste eine andere Form der Fernwärmeerzeugung stattfinden." Vor ein paar Jahren noch sicherte der Betreiber – damals EON – mit einem Zertifikat die "grüne" Fernwärme aus KWK bis 2021 zu. Auf unsere Anfrage, wie das Unternehmen das einhalten wolle – keine Antwort.

Experten sind schockiert

Werner Dorß
Werner Dorß ist Energierechtsexperte.  | Bild: Das Erste

Wir besprechen den Fall mit dem Energierechtsexperten Werner Dorß. Er hält das Vorgehen von Uniper für ungeheuerlich, ist Fernwärme doch eine Voraussetzung für die Genehmigung von Anlagen wie Staudinger 5. Werner Dorß, Anwalt für Energierecht, Frankfurt: "Es handelt sich um ein Beispiel einer steinkohlebasierten Stromerzeugung. Bereits vor Jahrzehnten sind solche Anlagen umweltrechtlich nur genehmigt worden, wenn mit der Abwärme etwas Sinnvolles passiert, hier die Beheizung von Tausenden von Haushalten und die Trinkwarmwasserversorgung."

Bekommen die Stadtwerke Ersatz?

Ein weiteres Problem: Die Notkraftwerke der Hanauer Stadtwerke sind keine Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Sie erzeugen also nur Fernwärme und keinen Strom. Und diese Anlagen sollen nun das umweltfreundlichere Kraftwerk Staudinger ersetzen. Steffen Maiwald, Geschäftsführer Stadtwerke Hanau: "Im Ergebnis werden die CO2-Emissionen für diese Mehrlaufzeit ca. 60 Prozent über dem zurechenbaren Emissionen der Fernwärme liegen, das heißt, das sind ca. 4.000 bis 5.000 Tonnen CO2-Mehremissionen, die auf die Fernwärme Hanau dann entfallen."

Was hat das für Folgen für die Bauplanung?

Die Pioneer Kaserne bei Hanau.
Die Pioneer Kaserne bei Hanau. | Bild: Das Erste

Das hat ungeahnte Konsequenzen. Wir fahren zu einer ehemaligen Kaserne am Rande Hanaus. Hier sollen 1.500 Wohnungen entstehen, ein neues Zuhause für 5.000 Menschen, Baubeginn noch dieses Jahr. Es ist ein Vorzeigeprojekt in Sachen Klimaschutz für das ganze Rhein-Main-Gebiet, gefördert vom Bund. Die grüne Fernwärme ist Voraussetzung für eine Genehmigung der bisherigen Bauplanung. Die ist nun in Gefahr, weil die Fernwärme dreckiger wird. Der Projektentwickler Dr. Marc Weinstock musste nun umdenken. Die Fernwärme wird abgeklemmt. Die Stadtwerke werden nun zwei Biogasanlagen auf dem Gelände bauen, um die Planung des Projektes nicht platzen zu lassen. Dr. Marc Weinstock, Projektgesellschaft LEG Hessen-Hanau: "Das wird am Ende für uns sogar energetisch vorteilhaft werden, die Kosten tragen zunächst einmal die Stadtwerke, die werden aber natürlich über die Stromkosten am Ende an die Endverbraucher weitergegeben." Eine teure Lösung, die Marc Weinstock gerade noch rechtzeitig umsetzen kann. Dr. Marc Weinstock, Projektgesellschaft LEG Hessen-Hanau: "Während der Bauphase kann man auf so eine Veränderung eigentlich gar nicht mehr reagieren, das heißt, das muss man wissen, bevor man anfängt zu entwickeln."

Wie reagiert die Bundesnetzagentur?

Eine Abschaltung von Staudinger kann nur die Bundesnetzagentur verhindern. Sie reguliert den Strom- und Gasmarkt. Sie überlegt, das Kraftwerk in den kommenden Jahren als unverzichtbar für die Stromerzeugung zu erklären und als sogenannte systemrelevante Netzreserve einzustufen. Dann kann das Staudinger nicht abgeschaltet werden. Dabei geht es aber nur um die Stromversorgung. Für Fernwärme ist die Bundesnetzagentur gar nicht zuständig.

Und die Bürger?

Andreas Rossnagel
Andreas Rossnagel ist ein betroffener Kunde, der mit höheren Stromkosten rechnen muss.  | Bild: Das Erste

Die Einstufung als systemrelevant hat aber wiederum einen Haken für Kunden wie Andreas Rossnagel. In diesem Fall bekommt nämlich der Kraftwerksbetreiber die Mehrkosten für die Bereitstellung erstattet. Und die werden dem sogenannten Netzentgelt in der Stromrechnung aufgeschlagen. Dieser Posten steigt dann und wird auf alle Kunden umgelegt. Andreas Rossnagel, Vermieter, Hanau: "Das war mir a) nicht bewusst, und b) ich halte gar nichts davon, dass alle dafür bezahlen müssen, wenn Staudinger als systemrelevant beurteilt wird."

Kosten für Netzreserve explodieren

Inzwischen werden bundesweit immer mehr Kraftwerke als systemrelevant eingestuft. Die Kosten für diese Netzreserve haben sich von 16,8 Millionen Euro 2011 in nur 5 Jahren fast verfünfzehnfacht auf 248 Millionen im Jahr 2016. Kosten, die alle Stromkunden bezahlen.

Was muss passieren?

Kohleausstieg mit chaotischen Folgen.
Niemand fühlt sich verantwortlich bei den ungeahnten Folgen helfend einzugreifen.  | Bild: Das Erste

Immer mehr Kraftwerksbetreiber wollen abschalten, nur die teure Einstufung als systemrelevant verhindert das. Für Fernwärme aus Kraft-Wärme-Kopplung ist niemand verantwortlich, das hält Energierechtsexperte Werner Dorß für einen Skandal. Werner Dorß, Anwalt für Energierecht, Frankfurt: "Richtig zuständig ist für diese Fragestellung niemand. Wünschenswert wäre eine Zuständigkeit der Bundesnetzagentur auch für Fragen der Wärmeerzeugung." Fehlende Zuständigkeiten, Fernwärmekunden, die sich im Stich gelassen fühlen, und explodierende Kosten: hier eine Lösung zu finden, das ist nun die schwierige Aufgabe der neuen Bundesregierung.

(Bericht: Reinhard Weber)
(Stand: Anfang März 2018)

Stand: 08.03.2018 17:07 Uhr