SENDETERMIN Mi, 11.10.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Burger-Fleisch aus dem Labor

Die Fleischproduktion der Zukunft

Burger-Fleisch aus dem Labor | Video verfügbar bis 11.10.2018

– Überall in der Welt machen sich Forscher Gedanken, wie in Zukunft die Fleischproduktion anders ablaufen könnte.
– Das konventionelle Schlachten von Tieren hat für die Forscher zu viele Nachteile.
– Die Ideen reichen von pflanzlichen Imitaten bis hin zur einer Art Stammzellen-Brauerei für Fleisch. 
– Auch Internet-Giganten investieren bereits in dieses neue Geschäftsfeld. 

Das Fleisch der Zukunft kommt aus dem Labor.
Das Fleisch der Zukunft kommt aus dem Labor.

Es sieht aus wie ein Burger und riecht auch so. Auch der Geschmack soll der eines normalen Burgers sein. Jedoch musste für den "Impossible Burger" (zu deutsch: der unmögliche Burger) keine Kuh sterben. In New York ist er schon auf dem Markt, ein Braten der aus dem Labor kommt. Der eisenhaltige Geschmack, das fleischige Rosa im Inneren entstehen auf rein pflanzlicher Basis. Für 14 US Dollar kann man reinbeißen.

Das Urteil von New Yorker Passanten klingt so:
"Schmeckt lecker. Nicht ganz wie echtes Fleisch, aber es sättigt das Verlangen."
"Sieht aus wie Fleisch, schmeckt wie Fleisch. Die Konsistenz stimmt noch nicht ganz, aber fast."

Fleisch ohne Schlachten

Müssen bald keine Kühe mehr geschlachtet werden, um Fleisch zu produzieren?
Müssen bald keine Kühe mehr geschlachtet werden, um Fleisch zu produzieren?

"Plusminus" trifft Professor Mark Post von der Uni Maastricht auf einem Schlachthof in den Niederlanden. Auch er will die Revolution unserer Fleischproduktion. Denn Jahr für Jahr werden dafür 300 Millionen Rinder weltweit geschlachtet, und das gefällt ihm nicht: "Irgendwann werden wir auf diese barbarischen Zeiten, als wir Tiere getötet haben, mit Unglauben zurückschauen."

Aber er will mehr als nur ein pflanzliches Imitat, er will richtiges Fleisch züchten. Dafür brauche er nur ein kleines Stückchen Muskelfleisch mit Stammzellen darin, erklärt er "Plusminus". Daraus könne er im Labor zehntausend Kilo Rindfleisch machen.

So wird es gemacht

Die Stammzellen werden extrahiert. Dann wachsen sie auf einem Medium, wie um Beispiel auf einer Zuckerlösung, von der die Nährstoffe kommen. Die Zellen teilen und vermehren sich, genauso wie in einer Kuh – nur ohne die Kuh.

Schließlich kommt ein bisschen Würze auf die Zellstränge und ein wenig Farbe dazu. Das Endprodukt ist Hackfleisch.

Eine Methode lässt extrahierte Stammzellen auf einer Nährlösung wachsen.
Eine Methode lässt extrahierte Stammzellen auf einer Nährlösung wachsen.

Prof. Mark Post von der Uni Maastricht und der Firma "Mosa Meat" sieht nur so eine Lösung für die Zukunft: "Wir haben auch einfach nicht wirklich die Wahl. Entweder Fleisch wird knapp oder unbezahlbar. Fleisch aus dem Labor, das ist etwas, woran sich Menschen gewöhnen werden. An die Idee und an das Produkt. Ich sehe langfristig keine wirklichen Hindernisse."

Der erste Labor-Burger von Prof. Post kostete im August 2013 noch 300.000 USD. In Massen produziert, will er die Kosten auf rund 60 Dollar pro Kilo senken. Ist das nun Hexenküche oder eine Revolution, die die Welt rettet?

Rindfleischproduktion ist schlecht fürs Klima

Tatsache ist, dass Nutztiere ein Drittel der Erdoberfläche beanspruchen. Sie verursachen 15 Prozent der Treibhausgase und sind eine Hauptursache des menschengemachten Klimawandels. Rinder sind dabei besonders umweltbelastend, denn sie brauchen bis zur Schlachtung vergleichsweise viel Wasser und Futtermittel.

Längst gibt es einen Wettlauf um marktfähige Alternativen. Es geht darum, wer dabei schneller, besser und billiger ist. "Plusminus" ist unterwegs in Kalifornien. Wir treffen Eric Schulze, den Chefentwickler bei Memphis Meat. Auch er verspricht Großes und das auch noch schnell: Supergesundes Fleisch, gebraut wie Bier. Die Forscher planen große Anlagen wie in Brauereien, in denen in Tanks die wunderbare Zellvermehrung abläuft, erklärt Schulze: "Das hört sich befremdlich an, ist aber ein total natürlicher Prozess. Bei dem wir nur die Kuh nicht brauchen."

Gesünderes Fleisch möglich?

Das Problem ist, dass noch niemand das Ganze auf Industriebasis ausprobiert hat. Ins Labor dürfen wir übrigens nicht. Geheimhaltung geht vor, es gibt zu viele Betriebsgeheimnisse. Stattdessen zeigt man uns Werbe-Bilder vom Prototypen: ein Hack-Bällchen, gezüchtet im Labor – für 6000 Dollar. Und das Fleisch der Zukunft könne sogar gesünder werden, prophezeit Eric Schulze: "In der Zukunft können wir so produziertes Fleisch sogar mit mehr Nährstoffen versehen, mit weniger Fett und Cholesterin – und natürlich ohne Antibiotika und Bakterien. Es wird weniger schnell verrotten."

Geschäftsfeld der Zukunft

"Plusminus" fährt zu der Firma IndieBio. Sie gibt Risikokapital in Höhe von 250.000 Dollar an junge Biotech-Firmen und erhält im Gegenzug Anteile. Auch "Silikon Valley"-Giganten wie Bill Gates oder der Google-Gründer Sergey Brin haben in das Feld investiert. Tierische Proteine aus dem Labor sollen das nächste große Ding sein. Jun Axup, Science Director von IndieBio, ist überzeugt: "Unsere Firmen, die im Bereich Essen der Zukunft forschen schneiden gut ab. 90 Prozent kriegen, wenn sie hier durch sind, weiterhin Geld von Investoren. Auch weil sie meist Prototypen entwickeln und die Produkte gut zu verstehen sind."

Gezüchteter Thunfisch

Ein Thunfischsteak, das nie im Meer war? Vielleicht bald möglich.
Ein Thunfischsteak, das nicht gefanden wurde? Vielleicht bald möglich.

Brian Wyrwas ist einer, der hier gefördert wird. Seine Firma heißt Finless Food, übersetzt heißt das: "Essen ohne Flossen". Konkret bedeutet das, dass er Thunfischfleisch aus Stammzellen züchtet, nach derselben Methode wie von Pionier Professor Post. Aber alle haben dasselbe Problem: Wie kann man die Zellen und das Medium, auf dem sie wachsen, so abstimmen, dass die Sache auf Industriebasis rentabel wird?

Gentechnik als Lösung?

Brian Wyrwas sieht folgende Optionen: "Man kann die Zellen auch genetisch verändern, so dass die Zelllinien robuster sind, so dass sie schneller wachsen und weniger Nährflüssigkeit brauchen. Gentechnik hat nur Vorteile. Ich mache das noch nicht, schließe es aber ausdrücklich für die Zukunft nicht aus."

Noch ist das Laborfleisch extrem teuer

Die Produktionskosten für das Laborfleisch sind momentan noch extrem hoch.
Die Produktionskosten für das Laborfleisch sind momentan noch extrem hoch.

Professor Post glaubt die Nase vorn zu haben. Er sieht keine Notwendigkeit, die Zellen genetisch zu manipulieren – auch, weil das für den europäischen Markt verboten wäre. 55 Euro pro Kilo seien in Massenproduktion rechnerisch jetzt schon möglich. Zum Vergleich: Ein Kilo billiges Rinderhack kostet in Deutschland zur Zeit rund 8 Euro. In den nächsten vier Jahren hofft Post konkurrenzfähig produzieren zu können. Und dann ist der Verbraucher dran: Glaubt er den Versprechungen?

Autor: M. Schmidt

Stand: 12.10.2017 13:42 Uhr