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Lebensmittel – Genuss bis zum Schluss

Lebensmittel – Genuss bis zum Schluss | Video verfügbar bis 17.01.2019 | Bild: dpa/ Patrick Pleul.

– In Deutschland gibt es eine gigantische Lebensmittelverschwendung.
– Rund 11 Millionen Tonnen wandern jedes Jahr in den Müll. 60 Prozent der Abfälle sind nach Einschätzung von Experten vermeidbar.
– Neue Apps für Verbraucher und Gastronomie können helfen.

Da gehen wir ständig auf Schnäppchenjagd, um ein paar Cent zu sparen. Aber über eine Art von Geldvernichtung machen sich viele offenbar kaum Gedanken. Die Lebensmittelverschwendung. Jedes achte Lebensmittel, das wir kaufen, werfen wir wieder weg. Das sind 235 Euro pro Person jedes Jahr. Eine unvorstellbare Menge an Essen, mit Aufwand und oft sogar Tierquälerei produziert, die dann niemand isst. Die Vereinten Nationen wollen die Lebensmittelabfälle bis 2030 halbieren. Und dafür gibt es auch schon einige Initiativen und Apps – für Hobbyköche und für Profis.

Architekt Oliver W. kocht gerne und kauft dafür gute Lebensmittel ein. Doch nicht alles kann er als Single verwerten. Manches bleibt einfach übrig – und wird irgendwann weggeworfen. Oliver W.: "Meistens sind es irgendwelche Säfte, die übrig bleiben. Angeschnittenes Gemüse hat man drinnen, aufgebrochene Lebensmittelpackungen, meist Aufschnitt, das ist ein großes Thema bei mir. Das sind so die klassischen Lebensmittel, die dann am Ende übrig bleiben."

Neue App gegen Wegwerfkultur

Lebensmittel in einer Mülltonne.
Viele Lebensmittel landen im Müll. | Bild: dpa/ Patrick Pleul

Jetzt probiert er die kostenlose App "Zu gut für die Tonne“ des Bundesernährungsministeriums aus. Oliver W. hat noch ältere Äpfel und Brötchen übrig. Die hat er in die App eingegeben. Und die hat ihm vorgeschlagen, daraus Ofenschlupfer zu machen. Die übrigen Zutaten Zucker, Mandeln, Milch und Eier hatte er noch zuhause.

Oliver W.:"Ich finde das super, dass ich die trockenen Brötchen, die ich normalerweise weggeschmissen hätte, dann nochmal verwenden kann und daraus ein gutes Gericht machen kann, was ich bisher auch noch nicht kannte."

An die 500 Gerichte schlägt die App vor. Manche von Profis, viele auch von Hobbyköchen, die eigene Vorschläge einreichen können. So sollen die Reste in privaten Haushalten reduziert werden. Denn dort entsteht immerhin ein Drittel aller Lebensmittelabfälle. Olivers Ofenschlupfer kommt erstmal in die Backröhre.

Pflicht zur Massenvernichtung von Buffet-Resten

Im Stuttgarter Maritim-Hotel bekommen die Gäste jeden Morgen ein reichhaltiges Frühstücksbuffet. Doch gerade bei Buffets fallen große Mengen Speisereste an. Die Lebensmittel, die übrig bleiben, werden weggeworfen. Weil der Gesetzgeber das verlangt. Aus Hygienegründen. Lutz Niemann, Küchendirektor Maritim Hotels: "Rein rechtlich gesehen müssen wir sie entsorgen. Und entsorgen sie auch in dem Fall. Sicherlich kann man sagen, wir können uns als Personalessen davon bedienen, wir können es noch weiterverarbeiten. Aber wir können es nicht noch einmal in Verkehr bringen. Und das ist also das, worauf wir achten: Alle Dinge, die offen sind, müssen wir hinterher entsorgen.“

Software spart bis zu 80 Prozent von Hotelabfällen

Aber die Uni Stuttgart hat zusammen mit dem Hotel ein Programm entwickelt, das genau erfasst, wie viele Abfälle entstehen – und warum. Resourcemanager Food heißt die Software auf neudeutsch. Jetzt wird genau gewogen, was vom Buffet übrig bleibt. Das System wertet diese Daten aus. So weiß das Restaurant genau, welche Lebensmittel es zu viel anbietet.

Gerold Hafner, Universität Stuttgart Lehrstuhl für Abfallwirtschaft: "Dann weiß ich, wieviel Gramm, wieviel Euro und wieviel Klimafaktoren, wieviel Ökofaktoren ich verschwende. Da kann ich morgen sagen, ich habe zu viel produziert, da lasse ich was weg." Das Programm wurde vom Freistaat Bayern unterstützt und ist über die Uni Stuttgart für 1.000,- Euro erhältlich. Es soll helfen, die Ziele der UN zu unterstützen, die Lebensmittelabfälle bis 2030 zu halbieren. Im Hotel hat es verblüffend gut funktioniert. Obwohl kein Gast auf etwas verzichten musste.

Lutz Niemann, Küchendirektor Maritim Hotels: "Und jetzt auf einmal wissen wir, oh, wir schmeißen da eine ganze Menge in diese grünen Tonnen hinein, denken um, organisieren um. Und von diesem Punkt an, wo wir angefangen haben darüber nachzudenken, kam eine Einsparung bei diesen Produkten von 80 Prozent." Die Lebensmittelreste von Restaurants und Supermärkten landen oft in Biogasanlagen. Die Verpackung wird entfernt, dann wird Strom und Wärme produziert. 100 Tonnen kommen alleine hier bei Stuttgart an – Tag für Tag.

15 Euro müssen die Gaststätten im Schnitt pro Mülltonne für die Entsorgung zahlen. Vieles davon wäre noch essbar. Das alles zu vernichten kostet sogar den Betreiber richtig Überwindung. Franz Rupp, Biologische Reststoffverwertung BRV: "Am meisten tut es mir weh: Fleisch und Wurst. Weil es in der Produktion einfach aufwändig war. Oder Milchprodukte. Das tut eigentlich schon weh, wenn du weißt, wieviel Arbeit dahinter steckt, und dann wird es vernichtet."

Reste aus Restaurant preiswert verkaufen statt wegwerfen

Deshalb soll mit der App "Too Good To Go" nicht verkauftes Essen aus Läden und Gastronomie noch am selben Tag abgegeben werden – zu einem günstigen Preis. Die Berliner Studenten Charlotte und Jonas probieren sie aus.

Jonas: "Ich geh regelmäßig in Restaurants, aber es ist cool, dass man über die App Essen bekommt, das man sich sonst nicht leisten kann." Über die kostenlose App können sie sehen, welche Läden in Berlin heute was übrig haben. Maximal 3,50 Euro kostet die Portion. Charlotte: "So wie ich das verstehe, wissen wir jetzt nicht genau, was wir kriegen. Also es gibt sehr viel, Kuchen, Milchreis, Obstsalat, aber auch herzhafte Gerichte. Wir müssen uns überraschen lassen."

Abholen müssen sie das Essen selbst. Die Restaurants und Läden dürfen nichts verkaufen, was schon einmal auf einem Teller lag, das ist verboten. Restaurantleiterin Sermin Karatur gibt nur ab, was heute nicht verkauft wurde – und am Ende des Tages in die Tonne müsste. Sermin Karatur, Restaurantbesitzerin: "Es kommen natürlich ein paar Groschen rein, es rentiert sich nicht für die Kalkulation. Es ist grundsätzlich so, dass wir den Kunden einen Gefallen tun und dass wir das nicht entsorgen, darum geht es." Für 3,50 Euro haben Jonas und Charlotte ein Menü aus Hühnerfleisch, Gemüse, Reis und Obstsalat. Und? Wie schmeckt‘s?

Jonas: "Also mir schmeckt es sehr gut. Es war überraschend, dass noch ein Obstsalat dabei war, das hätte ich gar nicht erwartet. Deswegen finde ich es vom Preis-Leistungs-Verhältnis sehr gut."

Erfahrungen aus Skandinavien überzeugen hierzulande

Die Initiative kommt von einem jungen Start-Up-Unternehmen, das die Idee in Skandinavien aufgegriffen hat. Zwei Millionen Essensportionen wurden nach eigener Aussage schon gerettet. 1.600 Restaurants und Supermärkte sind dabei. Die Nachfrage wächst stetig. Teresa Rath, "Too Good To Go": "Das Angebot ist aktuell in den Großstädten tatsächlich am größten, aber wir sind auch schon in über 100 deutschen Städten vertreten, teilweise in ländlichen Gegenden, und es kommen täglich neue Partnerläden hinzu."

Bei Oliver W. sind die Ofenschlupfer inzwischen fertig. Aus alten Brötchen und Äpfeln, die er sonst wohl weggeworfen hätte. "Zu gut für die Tonne" – der Name der App ist Programm.

Oliver :"Es schmeckt erstaunlich gut. Wir hatten erst gedacht, dass es ein bisschen trocken wird, da ein bisschen zu wenig Milch in dem Rezept war. Aber mit ein bisschen Vanillesoße ist das ein wirklich wunderbares Gericht geworden." Respekt vor Lebensmitteln – das muss in den Köpfen der Verbraucher und der Politik wieder so präsent werden wie es bei unseren Großeltern normal war. Auch wenn die noch keine Apps dafür gebraucht haben.

Ein Beitrag von Sigrid Born

Stand: 18.01.2018 12:23 Uhr

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