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Lebensversicherungen: Wollen Konzerne ihre Kunden loswerden?

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Lebensversicherungen: Wollen Konzerne ihre Kunden loswerden? | Video verfügbar bis 16.11.2017

Inhalt in Kürze:

- Viele Kunden erhalten Schreiben ihrer Lebensversicherer, die sie zum Kündigen bewegen sollen. - Grund: Die Nullzinspolitik der EU macht gut verzinste Altverträge zu einer Last für Versicherer.
- "Plusminus" erklärt das Schreiben und die Tricks
- "Plusminus" gibt Tipps, wie man sich als Betroffener verhalten soll

Kapitallebensversicherungen sind trotz hoher Kosten bei den Deutschen eine beliebte Art, um fürs Alter vorzusorgen. Immerhin: Wer seinen Vertrag schon vor Jahren abgeschlossen hat, kann sich über einen vergleichsweise hohen garantierten Zins freuen. Doch genau das scheint den Versicherern ein Dorn im Auge zu sein.

Lebensversicherungen wollen teure Altverträge loswerden
Thomas B. war erstaunt über das Schreiben der Versicherung.

Thomas B. hat vor Jahren eine Kapitallebensversicherung abgeschlossen, um für seinen Ruhestand vorzusorgen – bei der "neue leben". Er berichtet uns von einem merkwürdigen Schreiben von der Versicherung. Dabei ein Rücksendeformular, um die Versicherung zu kündigen. Doch den wollte er gar nicht kündigen. Die Versicherung läuft schließlich noch rund 15 Jahre.

Kündigungsformular an zigtausende Kunden

Und er ist nicht der Einzige: Zigtausende Kunden der "neue leben" haben solche Kündigungsformulare bekommen – ungefragt. Doch warum nur? Liegt es etwa daran, dass Kunden wie Thomas B. in ihren Verträgen einen hohen Garantiezins haben? Vor rund 20 Jahren betrug der zum Beispiel noch 4 Prozent und wurde für die gesamte Vertragslaufzeit garantiert.

Lebensversicherungen wollen teure Altverträge loswerden
Die Versicherer leiden unter der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank.

Doch die Europäische Zentralbank hat die Zinsen inzwischen auf Null gesenkt. Die Versicherungen erwirtschaften deswegen weniger Rendite. Den Garantiezins müssen sie trotzdem zahlen. Und so liegt der Verdacht nahe, dass die Versicherungen ihre Kunden mit hoher Verzinsung wohl gerne loshätten.

Verbraucherzentralen warnen

Lebensversicherungen wollen teure Altverträge loswerden
Sandra Klug vom Frühwarnsystem der Verbraucherzentralen

Sandra Klug vom Frühwarnsystem der Verbraucherzentralen "Marktwächter hat eine ganze Reihe solcher Schreiben gesammelt: "Es wird eben versucht, die Kunden loszuwerden. So empfinden wir das jedenfalls. Da der Markt im Moment keine bessere Geldanlage bietet, finden wir das Verhalten eben nicht okay. Abgesehen davon melden viele Versicherer auch immer noch sehr hohe Dividendenzahlungen an ihre Aktionäre und der Verbraucher soll jetzt hier seine guten Verträge loswerden."

Ungewollte Kündigungen

Ein anderes Beispiel: Die Gothaer. In einem Brief bittet sie Kunden um ihre E-Mail-Adresse. Der Umwelt zuliebe sollen Schreiben künftig elektronisch versendet werden. Doch mit demselben Formular erklärt man auch die Beendigung des Vertrags. Wer nicht aufpasst, kündigt im schlimmsten Fall ungewollt seinen gut verzinsten Vertrag.

"Plusminus" hakt nach

Wir fragen bei den Versicherungen nach. Die Gothaer schreibt uns, dass sie seit längerem steigendende Kündigungszahlen beobachtet und deswegen solche Formulare verschickt. Und was ist mit der E-Mail-Abfrage und der Kündigung auf einem Formular? Hier antwortet die Gothaer:

Lebensversicherungen wollen teure Altverträge loswerden
Zitat aus dem Schreiben der Gothaer an "Plusminus".

Die "neue leben" betont, dass sie mit den Schreiben ja nur informiert:

Lebensversicherungen wollen teure Altverträge loswerden
Antwort der "neue leben" auf "Plusminus"-Anfrage.

Tipps für Verbraucher

Wer als Kapitallebensversicherungskunde auch so einen Brief bekommen hat, sollte diesen und auch Antwort-Formulare genau lesen. Man sollte zuerst nachrechnen, bevor man übereilt kündigt. Denn es gibt Alternativen zum Vertragsausstieg, etwa die Beitragsfreistellung eines Vertrages oder den Verkauf. Aber auch hier gibt es einiges zu beachten.

Lebensversicherungen wollen teure Altverträge loswerden
Christian Biernoth von der Verbraucherzentrale Hamburg

In jedem Fall sollten sich Verbraucher daher unabhängig beraten lassen, etwa bei einer Verbraucherzentrale, dem Bund der Versicherten oder einer Honorarberatung. Denn wenn einmal gekündigt ist, lässt sich nichts mehr machen. Christian Biernoth von der Verbraucherzentrale Hamburg warnt daher: "Wenn ich die Kündigung einmal ausgesprochen habe, dann wird es wirklich schwierig. Die Kündigung ist eine einseitige Willenserklärung. Der Versicherer muss die Kündigung nicht annehmen. Wenn ich die Kündigung ausgesprochen habe, ist der Vertrag beendet."

Bericht: Sebastian Hanisch

Stand: 04.12.2016 17:53 Uhr