SENDETERMIN Mi, 15.02.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Künstliche Befruchtung: Milliardengeschäft in Osteuropa

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Künstliche Befruchtung: Milliardengeschäft in Osteuropa | Video verfügbar bis 15.02.2018

– Das deutsche Embryonenschutzgesetz ist das strengste in Europa.
– Viele deutsche Paare suchen deshalb Hilfe in Osteuropa, wo deutlich mehr erlaubt ist.
– Dort hat sich ein regelrechtes Geschäftsmodell mit der künstlichen Befruchtung entwickelt.
– Eine Gesetzesänderung in Deutschland ist nicht in Sicht.

Für viele gehört ein eigenes Kind ganz selbstverständlich zu Lebensplanung mit dazu. Doch etwa 1,4 Millionen Paare sind in Deutschland ungewollt kinderlos – das ist jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren. Die moderne Reproduktionsmedizin könnte helfen. Doch den Ärzten hierzulande sind enge Grenzen gesetzt.

Befruchtungstourismus boomt

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Reproduktionskliniken in Osteuropa boomen.

Fast nirgendwo in Europa sind die Gesetze zur Fortpflanzungsmedizin so streng wie in Deutschland. Die Folge: Schätzungsweise mindestens 15.000 Paare pro Jahr fahren zu einer Kinderwunschbehandlung ins Ausland. Beliebte Ziele sind dabei die Balearen oder Kalifornien, immer häufiger jedoch Prag, Kiew und Moskau.

Der Befruchtungstourismus in Richtung Osten ist ein Riesengeschäft für die Reproduktionskliniken vor Ort. Das Geschäftsmodell basiert auf der Armut der jungen Frauen, die sich als Eizellspenderinnen oder Leihmütter zur Verfügung stellen.

Eizellspende und Leihmutterschaft hierzulande verboten

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Eizellspende – hier in einer ukrainischen Klinik ist das erlaubt.

Bei einer Eizellspende bekommt eine Frau die Eizelle einer anderen Frau befruchtet mit den Spermien ihres Partners eingepflanzt. Das ist in Deutschland nicht erlaubt. Wenn also der Körper einer Frau keine eigenen Eizellen produzieren kann, findet sie in Deutschland keine medizinische Hilfe. Bei einer Leihmutterschaft trägt eine andere Frau den Embryo eines Paares aus. Wenn also eine Frau zum Beispiel wegen einer Gebärmuttererkrankung selbst kein eigenes Kind austragen kann, gibt es in Deutschland keine legale Möglichkeit trotzdem ein leibliches Kind zu bekommen.

Deutsche Ärzte dürfen nicht helfen

Das deutsche Embryonenschutzgesetz ist 1991 in Kraft getreten. Während die Samenspende in Deutschland erlaubt ist, verbietet das Gesetz Eizellspende und Leihmutterschaft. Ärzte, die ihren verzweifelten Patienten solche Alternativen vorschlagen, machen sich sogar strafbar. Paare, die sich im Ausland einer hierzulande verbotenen Kinderwunschbehandlung unterziehen, müssen dagegen keine Strafverfolgung befürchten. Nicht nur Reproduktionsmediziner fordern, das 25 Jahre alte und seitdem kaum veränderte Embryonenschutzgesetz endlich zu reformieren beziehungsweise ein modernes Fortpflanzungsmedizingesetz zu verabschieden – so wie es zum Beispiel Österreich bereits Mitte 2015 getan hat.

Österreich beugt der Befruchtung als Geschäft vor

Damit die Eizellen nicht zur Ware werden, dürfen die Kliniken in Österreich an die Spenderinnen kein Honorar – nur eine Aufwandsentschädigung – bezahlen. Für die Paare sieht das anders aus: Sie müssen die Behandlung ausschließlich aus eigener Tasche bezahlen. Sie kostet mindestens 3.000 Euro. Manche Paare geben Zehntausende dafür aus.

Ukraine: Geschäftsmodell Leihmutterschaft

Frau auf Behandlungsstuhl
Frauen nehmen die Leihmutterschaft auf sich – ein Ausweg aus der Armut.

Bei einer Leihmutterschaft erhält die Leihmutter für Schwangerschaft und Geburt ein stattliches Honorar. In den USA sind sechsstellige Dollar-Summen normal. Vielen deutschen Babytouristen ist das zu teuer. Ihr Weg führt sie deswegen immer häufiger in die Ukraine. Hier ist ein Leihmutter-Baby schon ab 30.000 Euro zu haben. Die Frauen selbst bekommen davon häufig nur einen Bruchteil – etwa 10.000 Euro. Für viele der Frauen ist eine Leihmutterschaft aber der einzige legale Weg um an Geld zum Beispiel für Wohneigentum zu kommen.

Auch für Eizellen-Spenden wird hier Geld bezahlt. Aufgrund der großen Armut im Land sind tausende junge Frauen bereit, ihre Eizellen zu verkaufen bzw. ihre Gebärmutter zu vermieten. So wird die finanzielle Not vieler Frauen ausgenutzt. Denn jede Schwangerschaft und Geburt ist mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden. Ganz abgesehen von den psychischen Belastungen, die diese Frauen auf sich nehmen, gerade wenn sie vorwiegend aus finanziellen Beweggründen handeln.

Das Problem wird in Deutschland nicht diskutiert

Künstliche Befruchtung
Ist es gerecht, dass deutsche Ärzte ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen dürfen?

Wäre es bei der Entwicklung des Reproduktionstourismus mit seinen psychischen, physischen und finanziellen Auswüchsen nicht fairer für alle Beteiligten, wenn auch die deutschen Kinderwunschkliniken sämtliche Möglichkeiten ausschöpfen könnten? Und so Rechtssicherheit für Paare mit Kinderwunsch und den Spendern bzw. Leihmüttern zu schaffen? Oder gibt es doch Grenzen? Was hat das herrschende Gesetz noch mit der Realität zu tun? Wieso unterscheidet man hierzulande immer noch zwischen Samen- und Eizellspende? Um all das zu klären, wäre eine intensive öffentliche Debatte zu diesem Thema nötig. Doch genau die vermissen Reproduktionsmediziner und Familienrechtler in Deutschland.

Keine Gesetzesänderung in Sicht

Zuständig für eine Reform wäre das Bundesgesundheitsministerium. Dort aber sieht man keinen Handlungsbedarf:

das Bundesgesundheitsministeriums
Stellungnahme des Bundesgesundheitsministeriums

Offensichtlich scheut sich die Politik davor, Eizellspende und Leihmutterschaft zu regeln und dabei ethische und medizinische Standards in Einklang zu bringen, so schätzt es Reiner Anselm, Evangelischer Theologe Ludwig-Maximilians-Universität München, ein: "Jemand der sich auf dieses Thema einlässt, weiß nicht genau bei welchen Themen er nachher landet. Und da die sehr emotional sind, hoch konfliktbehaftet, glaube ich, gibt es da eine gewisse Scheu, den Zustand der Befriedung, den wir im Augenblick haben, man könnte vielleicht sagen, so eine bestimme Ruhe vor dem Sturm, jetzt nicht künstlich anzuheizen."

So schnell ist also keine Gesetzesreform in Sicht. Der Leidensdruck der betroffenen Paare aber ist groß.

Bericht: Manuela Roppert

Stand: 17.02.2017 13:29 Uhr