SENDETERMIN Mi, 11.10.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Schlampige Lokführer-Ausbildung?

– Noch nie gab es so viele Lokführerfehler in Deutschland wie im Jahr 2016.
– Immer mehr Lokführer absolvieren statt einer dreijährigen Lehre nur einen Schnellkurs von zehn Monaten.
– "Plusminus" recherchiert, wie stark die Ausbildungsqualität an den Lokführerschulen schwankt.
– Experten warnen vor der großen Gefahr, die von schlechter Ausbildung ausgeht.

Zug der Deutschen Bahn
Wie gut ist die Ausbildung der Lokführer?

Es ist später Abend im Januar 2011. In Hordorf in Sachsen-Anhalt fährt auf einer eingleisigen Strecke ein Nahverkehrszug. Ihm kommt ein Güterzug entgegen – auf demselben Gleis. Denn dessen Lokführer hatte ein rotes Signal überfahren.

Zehn Menschen sterben bei einem der schwersten Zugunfälle der jüngeren deutschen Geschichte. Wenn Lokführer rote Signale überfahren, endet das nicht immer so fatal. Aber es ist brandgefährlich. Im Jahr 2016 gab es mehr als 520 solcher Signalverfehlungen – 40 mehr als im Vorjahr. Das ist ein neuer deutscher Rekord!

Nur zehn Monate Ausbildung

Viele Lokführer werden mittlerweile in Schnellkursen ausgebildet.
Viele Lokführer werden mittlerweile in Schnellkursen ausgebildet.

Als Ursache sehen viele Experten lange Arbeitszeiten, Übermüdung und zunehmend auch schlechte Ausbildung. Helmut Diener von Mobifair e.V. beschreibt seine Eindrücke: "Man trifft Lokführer, die sehr unsicher wirken. Man merkt schon, dass die schlecht ausgebildet sind, teilweise sagen die das auch selbst. Teilweise gibt es Hinweise anderer Lokführer oder Eisenbahnverkehrsunternehmen."

Millionen Menschen gehen jeden Tag davon aus, dass ihr Zug sicher ankommt, dass der Lokführer gut ausgebildet ist. Normalerweise muss ein Lokführer dafür eine dreijährige Ausbildung machen. Doch immer mehr werden inzwischen in nur zehn Monate kurzen Kursen zum Lokführer umgeschult.

Schüler berichtet von zu leichten Prüfungen

Bereiten die Schulen wirklich auf das sichere Führen eines Zuges vor?
Bereiten die Schulen wirklich auf das sichere Führen eines Zuges vor?

Ein solcher Umschüler, Badre Bounna, begann Ende letzten Jahres seinen Kurs, finanziert mit einem Bildungsgutschein des Arbeitsamtes. Er berichtet "Plusminus", er habe sich von Anfang an gewundert, wie oberflächlich die Ausbildung sei. Und das bestätigte sich für ihn bei der ersten Prüfung, wie uns der ehemalige Lokführerschüler am 05.09.2017 im Interview erzählt: „Mir ist während der Prüfung aufgefallen, dass die fast identisch war mit einer Übungsprüfung, die wir vorher schon bekommen haben. Sogar die Prüfungsnummer war identisch.“

Mitschüler, die nicht vor die Kamera wollen, bestätigen, dass die Übungsblätter mit der späteren Prüfung bis auf wenige Fragen identisch gewesen seien. Und Badre Bounna berichtet uns weiter: "Alle haben ne eins geschrieben. Da dachte ich, das ist irgendwie komisch."

Wenig später bekamen die Schüler ein Arbeitsheft der Schule als Vorbereitung für eine weitere Prüfung zum Thema Bremsen.
Badir Bounna erzählt uns, dass ihm wieder aufgefallen sei, wie ähnlich die Prüfung dem Arbeitsheft gewesen wäre: "23 Aufgaben und davon sind 22 Aufgaben in derselben Reihenfolge dran gekommen. Und das Thema ist Bremsen! Wenn ich nicht bremsen kann, dann bringe ich mich um, bringe andere um oder erzeuge einen Millionenschaden, bestenfalls."

Eine oberflächliche Ausbildung macht Deutschlands Gleise ein Stück unsicherer.
Eine oberflächliche Ausbildung macht Deutschlands Gleise ein Stück unsicherer.

Er berichtet, dass er in dieser Ausbildung keinen Sinn mehr gesehen habe.

Wie streng sind die Ausbilder?

Die Schule bestreitet die Vorwürfe, will aber kein Interview geben. Sie verweist lediglich auf eine andere Prüfung, die Badre Bounna nach seinem Rauswurf gar nicht mehr mitgeschrieben hatte: "Da bei der Prüfung am 09.06.2017 fast drei Viertel der Teilnehmer durchgefallen sind und bei der Wiederholungsprüfung (…) nochmals 70 %, sind die hohen Durchfallquoten ein Beleg für unsere strengen Prüfungsanforderungen." Ob das in dem speziellen Fall so war, können wir nicht überprüfen. Viel spricht aber dafür, dass die Praxis bei anderen Prüfungen nicht angemessen war.

Fehlende Vorgaben

Eine andere Schule lässt uns ihren Unterricht drehen. Sie bestätigt uns, dass es seit einer Novelle der Ausbildungsordnung keine einheitlich vorgeschriebenen Lehrpläne mehr gebe. Auch fehlten Vorgaben, wie viele Stunden am Simulator und praktisch trainiert werden müsse. Es gebe auch keine zentrale Prüfungsdatenbank. Der Prüfer könne aus der Firma kommen, die den Lokführer später einstellen wolle.

Qualität der Schulen schwankt extrem

Wie umfangreich jemand unterrichtet und prüft ist ihm tatsächlich selbst überlassen. Das Arbeitsamt zahlt pro Kursteilnehmer gut 20.000 Euro – und bundesweit werden mehr als tausend Lokführer gesucht. Verkürzte Lokführerausbildung als lukratives Geschäft? Helmut Diener von Mobifair e.V. ist durchaus besorgt: "Auf jeden Fall ist das zum Geschäftsmodell geworden. Mittlerweile bilden die Kirche oder der technische Überwachungsverein und viele andere Lokführer aus. Es haben sich derzeit rund 130 Schulen angemeldet, die vom Eisenbahnbundesamt zugelassen sind. Da kommt ein Stempel drauf und ich bin 'ne Schule. Die Kontrollen finden nach unserer Meinung viel zu gering statt."

Dass die Qualität der vom Arbeitsamt geförderten Kurzlehrgänge extrem unterschiedlich ausfällt, erlebte auch Patrick Schäfer. Der Lokführerschüler erzählt "Plusminus": "Es war immer mein Traumberuf Lokführer zu werden und im letzten Jahr hat mir dann das Arbeitsamt einen Bildungsgutschein ausgehändigt, mit dem ich die Umschulung zum Lokführer machen konnte. Und dann habe ich den Führerschein bekommen, der aber nichts wert ist."

Das Lokführen ist anspruchsvoll

Er hat die offizielle Führerscheinprüfung bestanden. Doch, um wirklich fahren zu dürfen, braucht man noch zusätzliche Scheine. Eine dieser Prüfungen bestand er nicht. Als er sie nachholen wollte, landete er bei der Fahrschule Meder. Martin Meder wollte zunächst einmal testen, wie gut der Schüler die Theorie beherrscht.

Um Bahnsignale richtig zu verstehen, ist ein gutes Training notwendig.
Um Bahnsignale richtig zu verstehen, ist ein gutes Training notwendig.

Gerade Signale sind hochkompliziert und können viele verschiedene Bedeutungen haben. Er ließ ihn die Signalprüfung nachschreiben, die er bei der anderen Schule schon bestanden hatte. Patrick Schäfer schaffte gerade mal 25 Prozent.

Martin Meder von der Lokfahrschule Meder in Krefeld sieht die große Gefahr, die davon ausgeht: "Wenn der dann nur 25 Prozent Wissen nachweisen kann, dann frage ich mich ernsthaft, wie können andere Unternehmen solche Leute überhaupt zulassen und auf die Menschheit loslassen?"

Schnellkurs auf dem Vormarsch

Eigentlich dauert eine Lehre als Lokführer drei Jahre. Aber die findet immer seltener statt. Inzwischen werden mehr Lokführer per Bildungsgutschein im Schnellkurs ausgebildet, mehr als 600 pro Jahr.

Lokführer werden händeringend gesucht.
Lokführer werden händeringend gesucht.

Droht also künftig ein Sicherheitsproblem? Ja, findet Helmut Diener von Mobifair e.V.: "Das ist nicht nur absehbar ein Sicherheitsproblem, das Sicherheitsproblem ist schon unterwegs. Lokführer, die schlecht ausgebildet sind, sind immer ein Sicherheitsproblem."

Kein Eingreifen des Eisenbahnbundesamtes

Zuständig ist das Eisenbahnbundesamt. Es könnte einheitliche Lehrpläne, einheitliche Prüfungen vorschreiben und Prüfungen durch unabhängige Institutionen. Aber das hat die Behörde nicht vor: "Aufgrund der Vielfalt des Eisenbahnsektors in Deutschland ergeben sich naturgemäß auch Unterschiede bei Ausbildungsdauer, Ausbildungsinhalten oder Prüfungsaufgaben."

Es soll also alles beim Alten bleiben. Und wir können nur hoffen, dass Lokführerfehler und Signalverfehlungen nicht noch häufiger vorkommen.

Autor: Michael Houben

Stand: 13.10.2017 21:25 Uhr