SENDETERMIN Mi, 09.05.18 | 21:50 Uhr | Das Erste

Zu hohe Medikamenten-Preise in Deutschland

PlayNirgendwo in Europa sind die Medikamentenpreise so hoch wie Deutschland.
Zu hohe Medikamenten-Preise in Deutschland | Video verfügbar bis 09.05.2019 | Bild: dpa

Inhalt in Kürze:

  • Die Medikamentenpreise sind in Deutschland oft deutlich höher als in anderen europäischen Ländern.
  • "Plusminus" und das Handelsblatt haben drei mutmaßliche Ursachen recherchiert, die dazu führen können: Sogenannte Mondpreise im ersten Jahr, ungenaue Medikamentierung von Patienten und mangelnde Transparenz bei der Gestaltung der Preise.
  • "Plusminus" und das Handelsblatt zeigen Vorschläge auf, wie man diese Probleme beheben könnte.

Ein Tag im Juni, 2013. Ein Mann muss Dampf ablassen – in seinem Internetblog. Wenn es um Arzneimittel und die Pharmaindustrie gehe, dann sei die Tonlage in den Medien meist unerträglich falsch: "Habgierige Konzerne, skrupellose Lobbyisten, willfährige Politiker." Das sei Quatsch. "Ich möchte es mal mit Fakten versuchen", schreibt der Mann. "Kaum ein anderer Industriezweig in Deutschland musste in den letzten gut zehn Jahren größere Preisregulierungen und vor allem -reduzierungen über sich ergehen lassen, als die Pharmaindustrie". Fünf Jahre spätet, 2018, wird dieser Verteidiger der Pharma-Industrie vereidigt als Bundesminister für Gesundheit. Es ist Jens Spahn.

Medikamentenpreise in Deutschland deutlich höher

Und die Arzneimittelkosten in Deutschland? Sie steigen und steigen. Gibt es also doch Handlungsbedarf? Und wenn ja, wo? "Plusminus" und Handelsblatt haben gemeinsam recherchiert, und möchten es einmal mit Fakten versuchen.

Berlin, Apotheke am Leipziger Platz. Josef Morgen ist hier, um sein Medikament gegen Multiples Sklerose zu kaufen. Seit 21 Jahren leidet er an dieser tückischen Nervenentzündung. Ihm geht es vergleichsweise gut. Nur die Beine machen Probleme.

Als Privatpatient muss er den Preis für sein Medikament vorstrecken. Der Preis beträgt 5.803,04 Euro. Und Josef Morgen weiß, dass es in Deutschland besonders teuer ist: "In Schweden oder in Luxemburg zahlen sie 2000 Euro weniger für die Packung."

Josef Morgen ist in der Nähe von Luxemburg aufgewachsen und hat in Schweden gearbeitet. Deshalb kennt er die Preise dort. Tatsächlich ist sein Medikament nach Angaben des Herstellers in Schweden fast 3000 Euro günstiger.Beim Bezahlen in Deutschland hat Josef Morgen immer ein mulmiges Gefühl: "Das Gefühl, dass es sehr ungerecht ist, dass in Deutschland die Preise wesentlich höher sind und die Patienten in Deutschland wesentlich mehr bezahlen müssen, als zum Beispiel im EU Ausland."

Preisvergleich: Medikamente kosten unterschiedlich viel in Europa.
Preisvergleich: Medikamente kosten unterschiedlich viel in Europa.  | Bild: Das Erste

Ein Preisvergleich von Arzneimitteln aus 2016 zeigt: Wenn ein Durchschnittsmedikament in Deutschland 100 Euro kostet, dann kostet das selbe Medikament in England oder Österreich nur etwa 80 Euro, in Dänemark 69 Euro und in Schweden sogar nur 65 Euro.

Kosten für die Krankenkassen

Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse
Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse | Bild: Das Erste

Auch bei den Gesetzlichen Krankenkassen müssen alle die hohen Preise mitbezahlen – über ihre Beiträge. Zum Beispiel bei der Techniker Krankenkasse in Hamburg. Deren Chef, Jens Baas, lässt die Preissteigerungen regelmäßig untersuchen: "Die Anstiege sind durchaus groß, wenn wir uns anschauen, was wir vor fünf Jahren für Medikamente ausgegeben haben, waren das etwa 30 Milliarden Euro, jetzt nähern wir uns den 40 Milliarden. Also da sind gerade mal in fünf Jahren gute 10 Milliarden dazu gekommen."

Und was genau treibt die Preise?

Problem Nr. 1: Sogenannte Mondpreise

Im ersten Jahr nach der Markteinführung kann für Medikamente ein sehr hoher Preis verlangt werden.
Im ersten Jahr nach der Markteinführung kann für Medikamente ein sehr hoher Preis verlangt werden.  | Bild: Das Erste

Das bedeutet: Sehr hohe Kosten für neue Medikamente – besonders im ersten Jahr. Denn: Laut Gesetz darf der Hersteller eines neuen Medikaments jeden beliebigen Preis verlangen. Und die Kasse muss zahlen. Egal, wie hoch der Preis ist. Ein Jahr lang. In diesem Jahr wird geprüft, ob das Medikament denn überhaupt besser ist, als die Mittel, die es schon länger gibt. Erst dann wird zwischen Hersteller und Krankenkasse der Preis wirklich verhandelt. Wenn das Medikament nicht besser ist als die bewährten, wird nur ein geringerer Preis für die Zukunft festgesetzt. Das Geld aus den Mondpreisen im ersten Jahr darf der Hersteller trotzdem behalten.

Kosten – oft ohne Nutzen

Aber wie oft finanzieren wir als Beitragszahler solche Mondpreise für Medikamente, ohne dass die Medizin mehr Nutzen hat? Oft, sagt die zuständige Kontrollinstanz für Medikamente, das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: 60 % der neuen Mittel hätten keine bessere Wirkung als bewährte Medikamente.

Die Lösung für dieses Problem liegt für Krankenkassenchef Jens Baas auf der Hand: "Konkret heißt das: z.B. die Preisfestsetzung im ersten Jahr, die heute die Pharmaindustrie ganz alleine machen kann auch schon an bestimmte Mechanismen zu binden. Es kann nicht sein, dass man diese Mondpreise fürs erste Jahr einfach nehmen kann, wie man das möchte."

Deshalb wäre Lösung Nr. 1:

Ist ein neues Medikament nicht besser als ein vorhandenes, muss der Hersteller nach einem Jahr den überhöhten Preis zurückzahlen. Die Industrie hört das nicht gern. Der Verband der Arzneimittelhersteller schreibt uns: "Eine Rückzahlungspflicht würde da wenig bringen und jede Menge Bürokratie schaffen"

Einen weiteren Kostentreiber nennt uns Reinhard Busse. Er ist Gesundheitsökonom und schreibt jedes Jahr einen Bericht über die Medikamente, die in Deutschland verschrieben werden.

Problem Nr. 2: Zu ungenaue Behandlung

Nicht immer wird Patienten das am besten passende Medikament verschrieben.
Nicht immer wird Patienten das am besten passende Medikament verschrieben.  | Bild: Das Erste

In Deutschland ist es bisher so: Wenn ein neues Medikament etwa gut gegen Brustkrebs hilft, dann darf es nicht nur bei Brustkrebs verschrieben werden, sondern auch bei anderen Krebsarten. Auch wenn es bei den anderen Krebsarten nicht besser ist als günstigere Medikamente. Für die Hersteller mehr Gewinn – für das Gesundheitssystem eine unnötige Belastung. Reinhard Busse erklärt, dass das nicht überall so ist: "In anderen Ländern erfolgt in dem Prozess der Preissetzung eine Einschränkung auf die Patientengruppen, die besonders von dem Medikament profitieren. Also der Hersteller kann es dann nur für Patienten verkaufen, für die es besser ist als bisherige Medikamente."

Prof. Arnold Ganser behandelt Krebspatienten an der Uniklinik Hannover.
Prof. Arnold Ganser behandelt Krebspatienten an der Uniklinik Hannover. | Bild: Das Erste

Allein die monatelang eingelagerten Krebsmedikamente in der Uniklinik Hannover kosten hunderttausende Euro. Verschrieben werden sie von Arnold Ganser, der vor allem Patienten mit Blutkrebs behandelt. Ihn stört, dass er nie genau erfährt, wie sich die Medikamenten-Preise zusammensetzen.

Problem Nr. 3: Mangelnde Transparenz

Es ist unklar, wie sich der Preis für ein Arzneimittel zusammensetzt.
Es ist unklar, wie sich der Preis für ein Arzneimittel zusammensetzt. | Bild: Das Erste

Die Pharmaindustrie soll natürlich Gewinne machen dürfen. Aber obwohl die Allgemeinheit für die Arzneikosten aufkommt, weiß niemand, wie sich die Kosten für die Entwicklung eines Medikaments zusammensetzen. Kontrolle ist nicht möglich. Dazu der Verband der Arzneimittelhersteller: "Diese Kalkulationen werden aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht offen gelegt."

Reinhard Busse, Gesundheitsökonom und Buchautor
Reinhard Busse, Gesundheitsökonom und Buchautor | Bild: Das Erste

Arnold Ganser hätte trotzdem gerne mehr Einblick, denn: "Ich meine, an den Kosten der Entwicklung und dass auch mal Medikamente nicht zur Marktreife kommen und schon hunderte Millionen gekostet haben, dass das mit reingeht, das kritisiere ich gar nicht. Aber dass die Marketingkosten, die zum Teil doppelt und dreifach so hoch sind, wie die Entwicklungskosten, mit hineingerechnet werden, das ist das, was auf den Tisch gelegt werden sollte." Unsere Reporterin hakt nach: "Aber wenn Sie ein Auto kaufen, zahlen Sie die Werbekosten auch mit." Und Arnold Ganser argumentiert wie folgt: "Ja, aber wenn ich ein Auto kaufe, dann habe ich nicht eine Versicherungsgemeinschaft, die mich dabei unterstützt."

Lösung Nr. 3: Wer Kosten senken will, braucht Transparenz !

Die Unternehmen müssten, zumindest gegenüber den Krankenkassen, offen legen, wieviel Geld sie konkret wofür ausgeben.

Natürlich möchten wir mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn über unsere Fakten sprechen. Schon Anfang März bitten wir um ein Interview. Doch eine Reaktion bleibt aus. Eine Woche später: Wir fragen erneut. Wieder keine Reaktion. Wir bleiben dran.

Geld in Zeit und Gespräche investieren

Teuer sind Tabletten vor allem in Deutschland.
Statt in Medikamente könnte man mehr Geld in Zeit für Patienten investieren. | Bild: Das Erste

In Hannover bei Arnold Ganser wird uns nochmal richtig klar, warum Arzneimittel nicht unendlich teurer werden dürfen. Denn dann fehlt das Geld an anderer Stelle: "Erst mal zuzuhören, welche Beschwerden die Patientin hat. Das allerwichtigste für Patienten ist das Gespräch, dass ich Ihnen zuhöre. Und das muss besser bezahlt werden.", so der Mediziner Arnold Ganser.

Keine Antwort auf dem Gesundheitsministerium

Nach zwei Monaten erreicht uns schließlich die Interviewabsage von Jens Spahn. Auf 11 konkrete schriftliche Fragen kommt aus dem Gesundheitsministerium nicht eine konkrete Antwort. Nichts zu den Mondpreisen im ersten Jahr. Nichts zu ungenauen Behandlungen. Nichts zu mehr Transparenz. Wir, sehr geehrter Herr Minister, wir hätten es gerne mit Fakten versucht.

Bericht: Jan Keuchel/ Christina Zühlke

Stand: 11.05.2018 16:37 Uhr