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Medikamenten-Nebenwirkungen: Krank statt geheilt

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Medikamenten-Nebenwirkungen: Krank statt geheilt | Video verfügbar bis 02.08.2018

– Tausende Menschen kommen jeden Tag aufgrund von Nebenwirkungen von Medikamenten in deutsche Kliniken.
– Schätzungen gehen von 30.000 Toten aufgrund von Nebenwirkungen jedes Jahr in Deutschland aus.
– Ein bundeseinheitlicher Medikationsplan, der festhalten soll, was welcher Patient einnimmt, hat sich bislang im Alltag nicht bewährt.
– Experten kritisieren die mangelhafte Umsetzung.

Medikamente sollen helfen. Erst einmal. Für die, die sie entwickeln, geht es um Geld, um viel Geld. 2016 hat die Pharmabranche in Deutschland Medikamente im Wert von 40 Milliarden Euro umgesetzt. Zum Teil ohne Rücksicht auf Verluste. Denn Medikamente können auch gravierende Nebenwirkungen haben. Und die werden häufig klein geredet oder verschwiegen. Dabei kommen jeden Tag tausende Patienten mit unerwünschten Nebenwirkungen in die Notaufnahmen deutscher Kliniken. Sie haben Probleme und Schmerzen, und manchmal bringen gefährliche Arzneimittel sogar den Tod oder machen das Leben zur Hölle.

Antibiotikum-Nebenwirkung

Wolfgang Fuchs ist Opfer eines Antibiotikums.
Wolfgang Fuchs ist Opfer eines Antibiotikums.

Wolfgang Fuchs war Marathonläufer. Er nahm fünf Tabletten Antibiotikum ein. Die Nebenwirkungen haben dauerhaft seinen Körper zerstört, haben seine Sehnen beschädigt. Wolfgang Fuchs: "Es war mir fast unmöglich überhaupt aufzustehen und die Belastung meines Körpergewichts zu tragen." Seither sitzt der 48-Jährige im Rollstuhl, ist lebenslang arbeitsunfähig. Gegen eine Prostata-Entzündung bekam er das Mittel Levofloxacin aus der Gruppe der Fluorchinolone. Mögliche Sehnenrisse stehen zwar im Beipackzettel, vom Arzt gewarnt wurde er nicht. Wolfgang Fuchs: "Was bei mir wesentlich drastischer ist und was dazukam, sind Schadwirkungen im Bezug auf die Lunge." Die verschleimt, dass er kaum mehr Luft bekommt. Zudem wurde sein Atemzentrum zerstört. Nachts hängt er an einer Maschine, die ihn aktiv beatmet, wenn sein Körper das Schnaufen aussetzt. Alles nur wegen fünf Tabletten Antibiotikum. Immerhin lebt er. Denn die Nebenwirkungen von Fluorchinolonen haben Menschen auch schon umgebracht.

Fallstudie am Klinikum Fürth

In die Notaufnahme wegen Medikamenten-Nebenwirkungen.
In die Notaufnahme wegen Medikamenten-Nebenwirkungen.

Jeden Tag werden in der Notaufnahme der Klinik Fürth bis zu 20 Patienten eingeliefert mit Medikamentennebenwirkungen. Chefarzt Professor Harald Dormann hat gerade eine Studie im Auftrag des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte abgeschlossen. Er untersucht und dokumentiert diese Fälle. Aktuell wurde eine Frau gebracht, die eine Kombination von freiverkäuflichen Schmerzmitteln genommen hat mit schier unglaublichen Folgen. Prof. Harald Dormann, Chefarzt der Notaufnahme, Klinik Fürth: "Letztendlich haben wir hier einen Befund, freie Luft im Bauchraum als Zeichen wahrscheinlich eines Magendurchbruchs. Das heißt, sie muss jetzt operiert werden."

Notfall-Patienten auf Grund von Medikamenten-Nebenwirkungen

Prof. Harald Dormann, Chefarzt der Notaufnahme, Klinikum Fürth
Prof. Harald Dormann, Chefarzt der Notaufnahme, Klinikum Fürth

Das Ergebnis seiner Studie: Etwa acht Prozent der Notfallpatienten kommen auf Grund unerwünschter Medikamenten-Nebenwirkungen in die Klinik. Deutschlandweit ergibt das hochgerechnet laut Prof. Harald Dormann, Chefarzt der Notaufnahme, Klinik Fürth: "Also da sind wir bei etwa 1,6 Millionen Bundesbürgern pro Jahr, was in Kosten berechnet tatsächlich etwa 2,5 Milliarden Euro direkte Krankenhauskosten verursacht." Und noch eine erschreckende Zahl, über die kaum jemand redet. Prof. Harald Dormann, Chefarzt der Notaufnahme, Klinik Fürth: "Es gibt Schätzungen, die etwa von 30.000 oder mehr nebenwirkungsbedingten Todesfällen pro Jahr in Deutschland ausgehen."

Ursachenforschung – fast jedes dritte Medikament für Patienten nicht geeignet

 Prof. Andreas Sönnichsen, Universität Witten/Herdecke
Prof. Andreas Sönnichsen, Universität Witten/Herdecke

Wie kann so etwas sein? Professor Andreas Sönnichsen von der Universität Witten/Herdecke hat sich auf die Suche nach einer Ursache gemacht, dem Wildwuchs bei der Verschreibung von Medikamenten. Selber auch praktizierender Arzt, leitet er eine EU-Studie mit rund 4000 Patienten und über 300 Hausärzten. Es geht um ältere Patienten, die mehrere Medikamente einnehmen. Im Vorfeld dazu hat er herausgefunden: "dass fast jedes dritte Medikament für den Patienten eigentlich nicht geeignet ist aus verschiedenen Gründen. Entweder es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis für den Nutzen, oder der Schaden ist größer als der Nutzen, oder es gibt relevante Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, oder die Dosierung ist falsch." Es werden also häufig unpassende Medikamente verschrieben und Nebenwirkungen werden nicht erkannt. Prof. Andreas Sönnichsen, Universität Witten/Herdecke: "Das heißt, sie werden dann als neue Erkrankung interpretiert und werden dann möglicherweise mit einem weiteren Medikament behandelt, was dann natürlich zu solchen Verschreibungskaskaden führt."

Der bundeseinheitliche Medikationsplan

Zurück in Fürth. Abhilfe soll ein sogenannter bundseinheitlicher Medikationsplan bringen, mit den Medikamentennamen, dem Grund der Einnahme und vielen weiteren Details. Seit Oktober vergangenen Jahres haben Patienten, die mehr als drei Medikamente gleichzeitig nehmen, Anspruch darauf. Der Arzt soll ihn ausfüllen, der Patient bei sich tragen. Stippvisite auf der Station, wer hat so einen bundeseinheitlichen Medikationsplan? Eine Patientin bringt eine ganze Schuhschachtel voll Medikamenten mit, Plan hat sie keinen. Stattdessen bringt sie die aufbewahrten Medikamentenverpackungen mit. Ein Sammelsurium. Dem behandelndem Notarzt gibt so etwas kaum Aufschluss. 
Traurige Bilanz einer Studie von Professor Dormann: nur jeder zehnte Patient, der Anspruch hätte auf einen bundeseinheitlichen Medikationsplan, hat einen und nur jeder Dritte davon hat ihn auch dabei.

Wie kann man den Medikationsplan verbessern?

Prof. Harald Dormann, Chefarzt der Notaufnahme, Klinik Fürth: "Derzeit ist die Situation so, dass der Patient den Plan aktiv einfordern muss. Viele Patienten trauen sich nicht, obwohl sie ja ein Anrecht darauf haben. Ich denke, das wäre eine Möglichkeit, dass man das umdreht, dass also jeder Patient diesen Plan automatisch bekommt und nicht erst nach Aufforderung, aber dass der Patient dann die Möglichkeit hätte, den Plan auch abzulehnen."

So sieht ein Medikationsplan aus.
So sieht ein Medikationsplan aus.

2019 soll der bundeseinheitliche Mediaktionsplan digital auf der Gesundheitskarte kommen, so will es die Regierung. Das bringt auch nichts, meint Professor Harald Dormann. Denn Apotheken haben keinen Zugriff auf die Gesundheitskarte. Rund ein Drittel der Medikamente sind aber ohne Rezept frei verkäuflich. Prof. Harald Dormann, Chefarzt der Notaufnahme, Klinik Fürth: "Die Apotheken müssen eine aktive Rolle in der Erstellung und Fortschreibung des Medikationsplanes spielen. Da würde ich mir gerne eine digitale Form wünschen, eine webbasierte Form beispielsweise, auf der die letzterstellte Version zugreifbar ist, und auch aktuell ist."

Prof. Andreas Sönnichsen, Universität Witten/Herdecke: "Und der nächste Schritt muss sein, dass die Medikation tatsächlich überprüft wird, denn davon, dass ich sie dokumentiere, das ist zwar mal die Voraussetzung für eine Überprüfung, aber das garantiert mir noch nicht, dass diese Medikamente tatsächlich für den Patienten gut sind." Gefährliche Nebenwirkungen vermeiden? Das Problem gefährliche Nebenwirkungen bleibt. Bei Fluorchinolonen, wie Wolfgang Fuchs eines bekam, sind sie seit den 1990er Jahren bekannt. Vom Arzt wurde er nicht darüber aufgeklärt. Eigentlich dienen sie nur als Reservemedikamente, werden aber immer noch millionenfach auch bei leichten Infektionen verschrieben. Wolfgang Fuchs: "Wohlwollend ausgedrückt ist das Verhalten des Arztes unverantwortlich mir gegenüber als Patient, weil es um mein Leben um meine Existenz geht, beziehungsweise um wesentliche Teile meines Lebens, die ich verloren habe dadurch. Nicht wohlwollend ausgedrückt ist es für mich ein kleines Verbrechen."

Der Rote-Hand-Brief

Der Hersteller selbst hat die Ärzte mit einem sogenannten Rote-Hand-Brief über neue Nebenwirkungen bis hin zum Tod gewarnt. Auch die Arzneimittelkommission hat immer wieder neue Warnhinweise veröffentlicht. Warum bleibt solch ein Medikament Jahrzehnte auf dem Markt?

Wie handeln die Behörden?

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Eine funktionierende Lösung in Sachen Medikamentenmix muss noch gefunden werden.

Heuer erst hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bei der europäischen Arzneimittelagentur eine neue Risikobewertung für Fluorchinolone eingefordert, die vielleicht zur Rücknahme der Medikamente führen könnte. Wir fragen: warum erst so spät? Die Antwort: "Das Nebenwirkungsspektrum der Fluorchinolone sowie das Nutzen-Risiko-Verhältnis in den einzelnen Indikationen wurden seit der Zulassung der einzelnen Wirkstoffe dieser Substanzklasse fortlaufend überwacht."

Fazit

Für Wolfgang Fuchs und viele Mitbetroffene ist es zu spät, aber für die Zukunft sind Politik und Behörden gefordert, rascher und konsequenter zu handeln und auch Medikamente mit gefährlichen Nebenwirkungen zügig vom Markt zu nehmen. Und Patienten sollten mitdenken und ihre Rechte einfordern.

Stand: 08.08.2017 15:16 Uhr