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Pflegereform 2017 – wer gewinnt, wer verliert?

Pflegereform 2017 - wer gewinnt, wer verliert? | Video verfügbar bis 07.12.2017

Ab Januar gelten viele neue Regeln in der Pflege. Die größte Reform seit Einführung der Pflegeversicherung. Der Anspruch auf Pflegeleistungen misst sich künftig nicht mehr an Minuten, sondern daran, was ein Mensch alleine kann. Was ändert sich und wer sollte noch in diesem Jahr handeln?

Aspekt 1: Ambulante Versorgung wird gestärkt

Helmut F. kümmert sich seit Jahren um seine kranke Frau Isolde. Ihre Demenz ist inzwischen weit fortgeschritten. Den Haushalt kann sie schon lange nicht mehr führen. Immerhin: Die beiden Katzen geben ihr noch Lebensfreude. Erst als Helmut F. mit der Betreuung rund um die Uhr nicht mehr zurechtkam, stellte er einen Antrag auf Pflegeleistungen. Und stieß erst einmal auf völlige Ablehnung. Zuvor musste er unzählige Fragen beantworten wie: 'Wie viele Minuten putzen Sie die Zähne?' oder: 'Wie viele Minuten reichen Sie ihr die Seife hin?'. 

Eine Pflegerin hält die Hand einer alten Dame
Patienten mit geistigen Beeinträchtigungen profitieren von der Reform, Menschen mit körperlichen Defiziten wird sie hingegen hart treffen

Bei der Begutachtung nach Minuten werden geistige Beeinträchtigungen nur unzureichend erfasst. Drei Anträge musste er stellen, bis die Pflegestufe 0 und später die Stufe 1 genehmigt wurde. Genau das soll ab Januar deutlich besser werden.Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will die Begutachtung nicht nur auf körperliche Beeinträchtigungen begrenzen. "Nein, die gesamte Lebenssituation eines Menschen, seine geistige, seine psychischen Situationen, all dies wird zukünftig berücksichtigt."

Automatische Anhebung bisheriger Pflegeeinstufungen

Bisher entscheiden Minuten über die Pflegestufe. Je länger die Pflege dauert, desto höher die Stufe. Ab Januar geht es um Selbstständigkeit. Je weniger eine Person alleine kann, desto höher der künftige Pflegegrad.

Isolde F. besucht zurzeit vier Mal in der Woche eine Tagespflege. Das Rentnerpaar muss dafür ordentlich zuzahlen. Trotz Pflegestufe 1 immerhin rund 300 Euro im Monat. Ab Januar werden die Zahlungen der Pflegeversicherung reichen. Helmut F. muss dafür nichts weiter tun: Bei allen, die bereits eine Pflegestufe haben, kommt die Umstellung in die neuen Grade automatisch. Isolde F. steigt wegen ihrer Demenz von Stufe 1 mit eingeschränkter Alltagskompetenz in den Grad 3. Das sind beim Pflegegeld und den Sachleistungen zusammen über 800 Euro mehr im Monat.

Menschen mit körperlichen Einschränkungen kommen allerdings nur in den nächst höheren Grad. Also von Stufe 1 in Grad 2. Das sind rund 300 Euro mehr pro Monat.

Antragstellung noch vor Jahreswechsel

Jutta König ist eine unabhängige und gerichtlich vereidigte Sachverständige. Sie empfiehlt allen, die bereits einen Pflegebedarf haben oder unzureichend eingestuft sind, noch in diesem Jahr einen Antrag zu stellen. "Nur wer in diesem Jahr noch einen Antrag stellt, hat die Möglichkeit, von dem jetzigen System zu profitieren – und auch von dem neuen durch die günstige Umgradung".

Wichtig: Im neuen System werden es Menschen mit ausschließlich körperlichen Einschränkungen schwer haben, einen hohen Pflegegrad zu erreichen.

Jutta König: "Nimmt man beispielsweise einen Menschen mit einem Schlaganfall, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist und Hilfe beim Transfer, beim Umsetzen, Waschen, Anziehen, Toilette braucht. Der wäre heute in Stufe 2. Würde dieser Mensch nächstes Jahr pflegebedürftig werden, käme er vielleicht nur in Grad 2. Das wäre eine deutliche Schlechterstellung der finanziellen Situation und der Leistungsgestaltung."

Das Pflegegeld in der Stufe 2 beträgt heute 458 Euro. Im Grad 2 sind es ab Januar nur noch 316 Euro. Ein deutliches Minus von rund 30 Prozent. Bei den Pflege(sach)leistungen gibt es in Stufe 2 1.144 Euro. Im Grad 2 689 Euro. Ein Minus von rund 40 Prozent.

Helmut und Isolde F. brauchen keine Abzüge zu befürchten, denn Menschen mit Demenz werden durch die Reform bessergestellt. Genau das war beabsichtigt.

Aspekt 2: Stationäre Aufenthalte deutlich teurer

Der Gesetzgeber will auch, dass Menschen so lange wie irgend möglich zuhause bleiben. Ab Januar fließt daher deutlich mehr Geld in die ambulante Pflege als in die stationäre. Die wird für viele ab Januar deutlich teurer.

Zwei ältere Rollstuhlfahrer unterhalten sich
In Zukunft sollen Menschen so lange wie möglich zuhause gepflegt werden - auch wenn sie dort einsam sind

Hildegard K. fällt das Gehen schwer und die Bronchien machen ihr Probleme. Ansonsten ist sie für ihre 94 Jahre topfit. Sie hat lediglich Pflegestufe 1. Trotzdem hat sie es vorgezogen, ins Heim zu ziehen. "Schon zuhause das Alleinsein, das war nicht schön. Ich war eben ein Mensch, der ein bisschen Geselligkeit braucht. Ich rede zwar nicht sehr viel, aber trotzdem wollte ich gerne unter Menschen sein. Und das konnte ich zuhause nicht."

Pflegeschwerpunkte verschieben sich

Bisher wird der Eigenanteil an den Pflegekosten in stationären Einrichtungen nach Stufen gestaffelt. Ab Januar zahlen alle Heimbewohner das gleiche. Im Bundesschnitt rund 600 Euro. Das scheint zwar gerechter, macht die Betreuung für niedrige Pflegestufen aber um mehr als 200 Euro teurer.

Hildegard K. muss sich aber keine Sorgen machen. Für alle, die jetzt schon im Heim wohnen, gilt Bestandsschutz. Die Pflegekasse übernimmt die Mehrkosten. Künftig allerdings werden viele zuhause bleiben müssen und dort vereinsamen, fürchtet der Dr. Ulrich Schneider, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband-Gesamtverband e.V. "Es gibt doch einen gewissen Anreiz, länger zu versuchen, zu Hause zu bleiben, auch wenn das vielleicht gar nicht mehr geht. Das heißt: Wenn jemand in die Einrichtung kommt, ist er noch kranker. Wir haben noch mehr demenziell Erkrankte – dann, wenn sie kommen. Und es wird schwierig, in den Einrichtungen hier noch, sagen wir mal eine Atmosphäre aufrecht zu erhalten, bei der man sagt, hier lebt man auch, hier wird man nicht nur gepflegt."

Aspekt 3: Personalnot – 30.000 Pflegekräfte fehlen

Insgesamt fließen ab Januar rund sechs Milliarden Euro mehr in die Pflege. Das bringt für viele eine enorme finanzielle Entlastung. Mehr Geld alleine bedeutet aber nicht automatisch eine bessere Pflege. Von einem Tag auf den anderen erhalten ab Januar viele Menschen deutlich mehr Leistungen. Eine enorme Herausforderung für die Pflegekräfte. Sie arbeiten jetzt schon am Limit und oft darüber hinaus.

Ein Pfleger läuft über einen leeren Flur
Schon jetzt ist Pflegepersonal knapp - nach der Reform wird sich die Situation weiter zuspitzen

Zwar sieht die Reform auch einen Personalausgleich für den Mehrbedarf vor, aber woher nehmen, fragt sich nicht nur Roger Körner vom Pflegezentrum Wuhlepark, Berlin. "Wir benötigen zum 01.01. siebzehn Vollkräfte. Pflegekräfte. Und der Arbeitsmarkt ist jetzt schon leergefegt und wir wissen nicht, woher nehmen und nicht stehlen. Wir nehmen uns in den Pflegeeinrichtungen jetzt schon untereinander das Personal weg."

Aufwertung der Pflegeberufe dringend erforderlich

In weniger als vier Wochen werden bundesweit rund 30.000 Pflegekräfte fehlen, schätzt Dr. Ulrich Schneider: "Wenn wir das Gesetz umsetzen wollen, dann müssen wir den Pflegeberuf attraktiver machen, dann müssen wir besser bezahlen, wir müssen besser ausbilden. Wir müssen den Menschen berufliche Perspektiven geben, die bei uns anfangen. Dazu gibt es einen Gesetzentwurf im Bundestag. Aber er dümpelt vor sich hin. Die Koalition wird sich nicht einig. Wir haben große Befürchtungen, dass dieses Gesetz niemals im Bundesgesetzblatt stehen wird."

Wer A sagt, muss auch B sagen. Gute Pflege hängt auch in Zukunft davon ab, wie viel Zeit für die Menschen bleibt. Auch die beste Reform verpufft, wenn die Pflegekräfte fehlen, die sie umsetzen können.

Ein Beitrag von Ingo Blank

Weiterführende Informationen erhalten Betroffene hier
Bundesministerium für Gesundheit. Gute Pflege. Darauf kommt es an: http://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/pflege.html
Deutsche Stiftung Patientenschutz. Pflegereform 5-Punkte-Check zu Ihren Vorteilen: https://www.stiftung-patientenschutz.de/service/pflege-beratung
Selbsthilfenetzwerk Pro-Pflege (gemeinnütziger Verein): http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de Initiative pflegender Angehöriger (gemeinnütziger Verein): http://www.wir-pflegen.net/ Pflegesachverständige Jutta König: http://www.pflege-prozess-beratung.de
Der Paritätische Gesamtverband. Informationen und Arbeitshilfen zur Pflegereform: http://www.der-paritaetische.de/nc/fachinfos/artikel/news/informationen-und-arbeitshilfen-des-paritaetischen-zum-zweiten-pflegestaerkungsgesetz-psg-ii/
Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS): Pflegebedürftigkeit ab 2017: https://www.mds-ev.de/themen/pflegebeduerftigkeit-ab-2017/neuer-pflegebeduerftigkeitsbegriff.html

Stand: 07.12.2016 23:40 Uhr

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