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Gefährliche Schadstoffe in der Schule

Gefährliche Schadstoffe in der Schule  | Video verfügbar bis 11.10.2018

– In deutschen Klassenzimmern ist die CO2-Belastung deutlich zu hoch.
– Auf regelmäßiges Lüften wird nicht überall geachtet.
– Auch andere gesundheitsgefährdende Schadstoffe bleiben oft lange unentdeckt.
– Viele Kommunen führen zu selten Messungen durch, das zeigt eine exklusive "Plusminus"-Umfrage.

Lauern Schadstoffe im Klassenzimmer?
Lauern Schadstoffe im Klassenzimmer?

"Plusminus" macht ein Experiment – direkt an einer Schule. Zusammen mit Christian Gleim von der Stadt Wuppertal testen wir, wie viel CO2 die Schüler einer fünften Klasse einatmen, wenn eine Stunde lang nicht gelüftet wird. So, wie es an vielen Schulen ganz normal ist. Zu Beginn des Experiments zeigt das Messgerät rund 600 ppm – etwas mehr als der CO2-Gehalt draußen. Bei diesem Wert ist unsere CO2-Ampel grün, das bedeutet, dass die Luft prima ist.

CO2-Ampel schlägt schnell Alarm

Christian Gleim vom Gebäudemanagement Wuppertal
Christian Gleim vom Gebäudemanagement Wuppertal

Dann gibt es viel Bewegung im Klassenraum. Der Anteil der ausgeatmeten Luft geht hoch. Schon nach rund 10 Minuten gibt es den ersten Alarm: 1000 ppm. Die Ampel wird gelb. Christian Gleim von der Stadt Wuppertal schätzt diesen Wert für uns ein: "Das ist etwas mehr als das Doppelte in der Außenluft. Der Wert zwischen 1000 und 2000 ist aber der Wert, ab dem man lüften sollte."

Für unser Experiment ignorieren wir die Warnung. Der CO2-Wert klettert über 1400 ppm. Nach einer halben Stunde steigt der CO2-Gehalt auf über 2000 ppm. Christian Gleim erklärt die Belastung: "Der Wert bedeutet, dass wir einen ganz schlechten Luftaustausch hatten. Jetzt haben wir eine Situation, die für den Unterricht überhaupt nicht mehr zuträglich ist, und die durch Lüften unbedingt verbessert werden muss."

Unzumutbar dicke Luft

Wir machen trotzdem weiter, denn in vielen deutschen Schulen werden Kinder sogar mit über 5000 ppm belastet. Das ist ein Vielfaches des Zumutbaren. Erst, als sich die Beschwerden häufen, brechen wir vorsichtshalber ab. Nach nicht einmal 40 Minuten und rund 3500 ppm.

Regelmäßiges Lüften hilft

Dicke Luft gibt es nicht bei den Schülern der 5a der Wilhelm-Döpfeld-Schule. Hier sind sie es gewohnt, dass zweimal pro Stunde gelüftet wird. Ein anderer Ansatz ist die CO2-Ampel. Sie alarmiert an manchen Schulen, wenn die Fenster dringend wieder geöffnet werden müssen.

Heinz-Jörn Moriske vom Umweltbundesamt
Heinz-Jörn Moriske vom Umweltbundesamt

Es geht aber nicht nur um CO2 allein. Hohe Konzentrationen davon sind häufig auch ein Hinweis auf gefährliche Schadstoffe im Klassenraum. Dr. Heinz-Jörn Moriske vom Umweltbundesamt kennt die Gefahren: "Staub, Feinstaub ist da in erster Linie zu nennen. Aber auch gasförmige chemische Stoffe, wie Lösemittel. Aber in der mikrobiellen Situation kann auch Feuchtigkeit erhöht sein und damit kann auch Schimmel und Ähnliches in der Luft erhöht sein. In der Summe kann das zu erhöhter Infektanfälligkeit von Schülerinnen und Schülern führen."

In Räumen mit viel CO2 finden sich häufig große Mengen von:

  • Feinstaub
  • chemischen Schadstoffen
  • Schimmel
  • anderen Krankheitserregern

Schadstoffe im Baumaterial

Ein hoher CO2-Wert kann zu Müdigkeit und mangelhafter Konzentrationsfähigkeit führen.
Ein hoher CO2-Wert kann zu Müdigkeit und mangelhafter Konzentrationsfähigkeit führen.

Wir sind in Brühl bei Köln. Hier in der Erich-Kästner-Realschule sind Schadstoffe in Fugen verbaut worden –wie an tausenden anderen Schulen in Deutschland. Die Gefahr: Gifte können ausdünsten, die auch durch Lüften nicht wegzukriegen sind, zum Beispiel PCB. Erst vor kurzem wurden 5200 Nanogramm pro Kubikmeter Luft gemessen. Das ist fast doppelt so viel wie erlaubt. Die Schüler haben das mitgekriegt und sind besorgt.

Ihre Sorge ist begründet, sagt einer der führenden Umweltmediziner Dr. Frank Bartram: "Die Schule sollte das sauberste und klarste sein, vor allen Dingen wegen der Schüler. Faustregel: Je jünger desto empfindlicher. (...) Und je länger ich einer Substanz ausgesetzt bin, desto mehr kann sie mich schädigen. Dazu kommen noch individuelle Empfindlichkeiten, die von Mensch zu Mensch variieren."

Mittlerweile ist die Realschule gesperrt. Warum aber nicht schon früher? Die Stadt wusste schon länger um das PCB-Problem. Warum hat sie hier fast 20 Jahre lang nicht gemessen? Das fragen wir den Bürgermeister Dieter Freytag. Dieser meint: "Vorher hatten wir keinen Anlass. Wenn kein Anlass da ist, kann man auch schlecht tätig werden."

Nicht zu messen, grenzt an Fahrlässigkeit

Eine Schülerin zeigt allergische Reaktionen. Möglicherweise sind sie die Folge von Schadstoffen in der Schule.
Eine Schülerin zeigt allergische Reaktionen. Möglicherweise sind sie die Folge von Schadstoffen in der Schule.

Kein Anlass? Ob hier Gift aus den Fugen austritt, hätte man längst messen müssen, meint Christian Gleim, Bauexperte aus Wuppertal: "Wenn man Werte misst über 3000 und das jetzt erst tut, dann hat man in der Tat nach meinem Dafürhalten ein wenig fahrlässig gehandelt. Man weiß heute, in welchen Baustoffen Gift enthalten ist. Oft sind Betonplattenbauten mit entsprechenden Fugen betroffen – das muss ich untersuchen."

Jetzt werden die Brühler Realschüler in Containern unterrichtet. Dass es dazu kam, verdanken sie einem Zufall. An einer anderen Schule der Stadt fielen Schadstoffe auf, und zwar in der Grundschule von Badorf wenige Minuten entfernt. Diese machte als so genannte „Gift-Schule“ Anfang des Jahres Schlagzeilen, weil zwei Lehrer an Krebs erkrankten. Der Verdacht fiel auf Schadstoffe.

PCB-Belastung durch Zufall entdeckt

Die Stadt reagierte schnell. Sie erneuerte überall im Altbau die Böden. Der Krebsverdacht bestätigte sich allerdings nicht. Trotzdem ließ die Stadt jetzt auch an anderen Schulen messen –vorsichtshalber. Dabei fiel dann die hohe PCB-Belastung der Erich-Kästner-Realschule auf.

Regelmäßig gemessen wurde in Brühl vorher nicht. Wie ist das woanders? "Plusminus" hat alle deutschen Großstädte über 100 000 Einwohner befragt. Von 79 haben 51 geantwortet. Nur 12 davon messen regelmäßig – kaum jede Vierte.

"Plusminus"-Umfrage zeigt: Regelmessungen selten

Wie viele Schulen ein Schadstoff-Problem haben, weiß niemand ganz genau. Aber für verbaute Schadstoffe, die in die Raumluft austreten können, gibt es Anhaltspunkte. Dr. Heinz-Jörn Moriske vom Umweltbundesamt schätzt die Situation für "Plusminus" ein: Rechne man alles zusammen, "liege man nicht falsch, wenn so jedes viertes oder fünftes Gebäude solche Stoffe enthalten könnte."

Für diese Grundschüler in Brühl ist die Giftgefahr beseitigt. Bei Tausenden anderen Schulen gibt es noch viel zu tun.

Autor: Gregor Witt und H. C. Schultze

Stand: 25.10.2017 09:46 Uhr