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Ostersträuße als Pestizidschleudern?

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Ostersträuche als Pestizidschleudern? | Video verfügbar bis 28.03.2019 | Bild: dpa/Angelika Warnut

- Die meisten Blumensträuße sind reine Pestizidschleudern
- Rosen besonders belastet
- Ein Drittel der Pestizide extrem bedenklich
- In Afrika andere Grenzwerte und andere Schadstoffe erlaubt
- Geschätzt 40.000 Todesopfer durch Pestizide pro Jahr

In ihrem Geschäft für Dekoration sind schon lange alle Zeichen auf Ostern gestellt. Nadja T. will es an den Feiertagen aber auch Zuhause schön haben. Weil Ostern in diesem Jahr so früh liegt, kann sie ihren Dekobedarf nicht mit Blumen aus dem eigenen Garten decken. Klar, dass sie zukaufen muss – und sich fragt, woher die Blumen eigentlich kommen.

Ostergesteck
So schön so ein Ostergesteck auch ist - es kann gefährliche Pestizide enthalten. | Bild: dpa/Angelika Warnut

Nadja T.: "In den meisten Fällen weiß man es einfach nicht. Und ich mache mir schon Sorgen, auch wegen der Kindern, ob die Blumen nicht pestizidbelastet sind, ob Schadstoffe dran sind, die vielleicht auch gesundheitsschädlich sein können."

Diese Frage stellt auch Ökotest regelmäßig und untersucht immer wieder Blumensträuße, die in Supermärkten, Tankstellen oder beim Discounter verkauft werden. Manche Gebinde sind regelrechte Pestizid-Schleudern.                                                                                 

Bis zu zwanzig verschiedene Pestizide im Blumenstrauß

Jürgen Stellpflug, Ökotest: "Die Untersuchungen hatten ein katastrophales Ergebnis. In dem letzten Test waren zehn von 14 untersuchten Rosensträußen mangelhaft oder ungenügend. Und das liegt an der extremen Belastung mit Pestiziden. Wir haben bis zu 100 mg pro Kilogramm gefunden. ZumVergleich: bei Lebensmitteln findet man mal 1,2 oder 5 mg. Und wir haben bis zu 20 verschiedene Pestizide in einem Strauß gefunden."

Besonders belastet sind dabei Rosen. Gerade zu Stoßzeiten wie Valentinstag, Ostern oder Muttertag ist die Nachfrage nach den empfindlichen Schönheiten enorm. Deshalb werden im Winter und Frühling große Mengen importiert. Vor allem aus Afrika. In Kenia und Äthiopien hat sich eine riesige Blumenindustrie entwickelt, um den Bedarf zu decken. Das ganzjährig milde Wetter bietet beste Wachstumsbedingungen – für Rosen, aber auch für Schädlinge.

Jürgen Stellpflug von Ökotest erklärt: "Ein Drittel der Pestizide gehört zu den besonders bedenklichen Pestiziden. Das sind Pestizide, die (laut internationaler Krebsforschungsagentur, laut WHO oder auch laut amerikanischer Umweltbehörde) entweder krebserregend sind, fortpflanzungsgefährdend oder erbgutverändernd, also besonders bedenkliche Pestizide."

Außerhalb Europas andere Pestizide und Grenzwerte erlaubt

Zwar geht auch in europäischen Anbaugebieten kaum etwas ohne Spritzmittel. Aber in Afrika sind andere Pestizide erlaubt als in Europa. Und das oft ohne jegliche Grenzwerte und bei laschen Kontrollen.

Arbeiter auf einem Blumenfeld
Welchen gesundheitlichen Risiken Arbeiter auf einem Blumenfeld ausgesetzt sind, wissen sie häufig gar nicht. | Bild: dpa

Susan Haffmans, PAN Germany: "Ein Beispiel für ein Pestizid, das in der EU seit 2008 nicht mehr auf dem Markt sein darf und das hochgefährlich ist, ist das Insektizid Methamidophos. Auch das wurde in den Schnittblumen aus Afrika gefunden." Eine Gefahr ist das vor allem für die Beschäftigten auf den Farmen. Sie arbeiten oft ohne Schutzkleidung im hochgiftigen Nebel. Und sie werden kaum aufgeklärt, welchen Risiken sie ausgesetzt sind.

Susann Haffmans,  PAN Germany: "Wir können davon ausgehen, dass 40.000 Todesopfer durch Pestizide jährlich zu verzeichnen sind. Und hinzu kommt noch eine Vielzahl von Vergiftungsfällen. Dort liegen die Schätzungen bei ungefähr 41 Millionen Menschen, die durch Pestizide vergiftet werden."

Pestizid-Belastung auch bei Fairtrade-Blumen

Was tun, ohne den Menschen ihre Existenz zu nehmen? Seit einigen Jahren gibt es zertifizierte Blumen. Zum Beispiel von Fairtrade. Das Siegel gewährleistet bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Zwar wurden auch da hohe Pestizidmengen gefunden...

"... Fairtrade ist aber ein immer noch sehr fortschrittliches Siegel, das vor allen Dingen auch auf die Arbeitsbedingungen achtet, aber auch bei den Pestiziden Vorschriften macht. Dass wir so viele Pestizide auch bei Fairtrade gefunden haben, verdeutlicht nur die Größe des Problems insgesamt", erklärt Jürgen Stellpflug von Ökotest.

Das Bundesamt für Risikobewertung wird von Umweltexperten oft für seine industriefreundliche Haltung kritisiert. Auf Anfrage teilt es uns mit, durch Schnittblumen bestehe kein gesundheitliches Risiko für die Verbraucher. Fachmediziner sehen dagegen in der Summe der Gifte, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind, durchaus eine Gefahr.

Laut Dr. Kurt E. Müller vom Berufsverband klinischer Umweltmediziner kann auch Gemüse oder Obst, das wir essen, Schadstoffe enthalten. Auf die Summe der kontaminierten Produkte komme es an: "Es hat sich immer gezeigt, dass die Kombination von Schadstoffen zu einem wesentlichen Verstärkungseffekt führt. Das heißt, wenn wir sagen, das macht nichts, lassen wir uns auf eine sehr unsichere Aussage ein."

Blumen besser regional und saisonal kaufen

Ganz wichtig: Belastete Schnittblumen sollten nicht auf den Kompost, sondern in den Restmüll. Und: nach dem Anfassen Hände waschen. Und noch eine Möglichkeit: Einfach saisonal einkaufen. Statt der Rose im Winter lieber Blumen, die jetzt wachsen. Produkte mit dem Label "Ich bin von hier" haben maximal 150 km Anreise zum Großmarkt hinter sich.

Tulpen in einer Vase
Tipp: Blumen regional und saisonal kaufen. | Bild: Pixabay/Katzenfee

Viele regionale Gärtnereien bauen ihre Blumen auch selbst an und setzen dabei nur wenige Pestizide ein. Dafür aber biologische Nützlinge wie Raubmilben oder Spinnen, die Schädlinge auffressen. Adrian Hoffmeister ist Gärtner und erklärt: "Der biologische Pflanzenschutz kostet wesentlich mehr Geld. Dadurch muss ich auch mehr für mein Produkt verlangen, um die Kosten decken zu können. Und in Afrika muss es oft einfach billig produziert sein."

Wer beim Fachhändler oder Gärtner seines Vertrauens einkauft, kann fragen, wo die Blumen genau herkommen. Das ist zwar etwas teurer, aber das sollte einem die Sicherheit der Arbeiter und auch die eigene wert sein. Nadja T.: "Mir ist es wichtig, dass die Sachen einfach gut produziert sind. Dann hab ich ein gutes Gefühl und gebe auch gerne ein bisschen mehr Geld aus. Das ist mir einfach wichtig. Und ich finde, sie sehen auch einfach schöner aus."

Egal, ob ein paar Euro mehr für Fairtrade-Blumen oder regionale und saisonale Produkte: Am Ende hat es jeder Kunde selbst in der Hand, den Markt zu beeinflussen – und die Arbeitsbedingungen vor Ort zu verbessern.

Ein Beitrag von Sigrid Born und Nicole Würth

Stand: 29.03.2018 09:22 Uhr

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