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Gefährliches Asbest

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Asbest | Video verfügbar bis 11.08.2016
Warnschild vor Asbest
Asbest-Opfer müssen oft jahrelang für ihre Rechte kämpfen

Wer mit dem krebserregenden Material in Berührung kam und schwer krank geworden ist, muss zum Teil jahrelang kämpfen, um als Asbest-Opfer anerkannt zu werden. Spielen Berufsgenossenschaften und Versicherungen auf Zeit?

Bilder aus guten Zeiten. Heute ist Werner Schroer schwer krank. Seine Diagnose: Lungenkrebs und dazu noch zwölf Hirnmetastasen. Selbst das Sprechen fällt ihm schwer.

„Ich habe sechs Mal die Lunge operiert gekriegt, einmal das Gehirn und die Bestrahlung mit dem Laser.“

Er ist KFZ-Meister und erst 52 Jahre alt, inzwischen aber berufsunfähig. Schon als Lehrling schraubte er täglich an Autos rum - ohne Atemschutz.

»Wir haben ganz viele Reifen und Bremsen gemacht, und beim Reifen machen, da wirbelt man auch den ganzen Staub auf und da war auf jeden Fall auch Asbest drin.«

Die unentdeckte Gefahr

Asbest -  einst die Wunderfaser - und fast überall eingesetzt. Vor allem zwischen 1960 und 1990. Es war das perfekte Material: stabil und hitzebeständig, ideal zur Dämmung und dazu noch sehr preiswert. Die Folgen zeigen sich jetzt, Jahrzehnte später. Wer damals Asbest einatmete,

trägt heute das Tumorrisiko in sich. Etwa 30 bis 40 Jahre kann es dauern, bis der Krebs durch die Fasern zum Ausbruch kommt. Es kann jeden treffen.

Dr. Thomas Voshaar, vom Lungenzentrum Bethanien Moers, weiß, um welche Krebsarten es sich vorwiegend handelt.

»Da gibt es einen für Asbest ganz typischen Tumor am Bauchfell und am Rippenfell. Aber es ist auch vollkommen klar, dass Asbest Lungenkrebs auslösen kann.«

Beweislast liegt beim Patienten

Eigentlich müssen die Berufsgenossenschaften die durch Asbest erkrankten Menschen entschädigen. Es geht um die komplette Existenz: Pflegegeld, häusliche Versorgung, Reha und vor allem Rente für die Kranken oder Hinterbliebenen. Das Problem: Patienten wie Werner Schroer müssen den Zusammenhang zwischen Asbest und dem Krebs selbst beweisen. Wie soll das gehen?

Professor Hans-Joachim Woitowitz ist seit Jahrzehnten einer der weltweit führenden Asbest-Experten. Auch jetzt mit knapp 80 Jahren, lässt ihn das Schicksal der Opfer nicht los. Nicht zuletzt auch das Problem mit der medizinischen Beweislage.

»Es ist in der ganzen Welt bekannt, dass der weiße Asbest, der bei uns zu 94 Prozent früher verwendet wurde, dass der sich nach einiger Zeit aus der Lunge verabschiedet, zumindest nicht mehr sichtbar ist. Er hat dann aber seinen Schaden schon angerichtet.«

Wie beweisen?

Ein großer Teil der Anträge wird von den Berufsgenossenschaften abgelehnt. Auch der von Werner Schroer.

Der alleinerziehende Vater von drei Kindern ist am Ende seiner Kräfte. Ohne die Unterstützung seiner 83-jährigen Mutter müsste er in ein Pflegeheim. Dass er mit Asbest gearbeitet hat, steht fest. Aber wie soll er alle Details beweisen?

»Die Firma ist geschlossen, und ich kann da nichts beweisen, das ist einfach zu lange her.«

Akten werden vernichtet

Die Anwältin Miriam Battenstein vertritt zahlreiche Asbestopfer im Kampf gegen die Berufsgenossenschaften. Und erlebt fast täglich, wie schwer es ihnen gemacht wird.

»Wir haben ein ganz großes Problem, eigentlich führen die Berufsgenossenschaften so genannte Betriebsakten über die Mitgliedsunternehmen, aus denen sich auch Asbestbelastungen ergeben können. Leider ist es so, dass wir die Erfahrung gemacht haben, dass solche Akten inzwischen vernichtet werden.«

Rund zwei Millionen Männer und Frauen waren asbestgefährdet. Jeder anerkannte Fall kostet die Berufsgenossenschaften im Durchschnitt 350.000 Euro. Eine drohende Kostenlawine.

Prof. Dr. Hans-Joachim Woitowitz:

»Es geht um Milliarden. Im Zweifel wird deshalb das Interesse der Versicherung dem entgegenstehen, dass der Patient zu seinem Recht kommt.«

Schon im Kindheitsalter Berührung mit Asbest

Mechthild Souissen leidet an einem unheilbaren Bauchfelltumor. Ihre Krankheit hat alles verändert. Die Betriebswirtin war früher Alleinverdienerin der Familie. Sie mussten umziehen, in eine kleine Wohnung, ohne Kinderzimmer. Ihre Berührung mit Asbest begann schon in der Kindheit: Ihr Vater war Dachdecker-Meister.

»Als ich ungefähr sieben Jahre alt war, habe ich angefangen, meinem Vater zu helfen. Wenn er nach Hause kam mit der Arbeitskleidung. Da habe ich sie genommen und über der Badewanne ausgeschüttelt, weil sie total staubig war. Und dann habe ich diese Kleidung in die Waschmaschine gelegt. Das war mein Kontakt mit Asbest. Und das ging über gut zehn Jahre lang.«

Familie nicht mitversichert

Dass ihr Krebs von diesem Asbest kommt, steht für ihre Ärzte fest.Trotzdem will die Berufsgenossenschaft nicht zahlen. Denn die familiäre Unterstützungsleistung für ihren Vater sei nicht versichert gewesen.

Rechtsanwältin Miriam Battenstein:

»Die Entscheidung ist aus meiner Sicht ein Skandal. Es darf nicht sein, dass die Entsorgung todbringender Gefahrstoffe dem Privathaushalt zugerechnet wird, und dass Ehefrauen und Kinder ungeschützt und unentschädigt bleiben.«

Mechthilds Souissens Vater ist zwischenzeitlich ebenfalls schwer krebskrank. Er ist zu schwach, um noch gegen die Berufsgenossenschaft vorzugehen. Sie aber klagt gegen die BG Bau vor Gericht, um wenigstens noch ihre Kinder abzusichern.

Zweifel am Gutachten

Genau wie Werner Schroer. In seiner Lunge wurden noch zahlreiche Asbestkörper gefunden. Er hält auch das Gutachten für schlampig, auf das sich die BG Handel und Warenlogistik beruft. Dort wird der KFZ-Meister als Dachdecker beschrieben. Das macht ihn skeptisch. Ob er das Prozessende noch erlebt, weiß er nicht.

Rechtsanwältin Miriam Battenstein:

»Viele verlieren die Hoffnung oder die Kraft oder versterben auch über die Verfahren. Man kann durchaus den Eindruck bekommen, dass auf Zeit gespielt wird. Man kommt den betroffenen Erkrankten seitens der Berufsgenossenschaften nicht entgegen.«

Asbest. Seit 1993 in Deutschland verboten. Und trotzdem ein Fluch der Gegenwart und der Zukunft, weiß Prof. Dr. Woitowitz.

Wir steuern jetzt erst auf den Gipfel der Häufigkeit zu, in den Jahren 2017 bis 2020. Das zeigen uns auch die Schätzungen der internationalen Asbestforscher. Und dahinter stecken natürlich Schicksale von Zehntausenden von Menschen.

Ein Beitrag von Sigrid Born und Nicole Würth

Stand: 13.08.2015 09:19 Uhr

Sendetermin

Mi, 12.08.15 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.