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Aufschwung in Portugal?

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Aufschwung in Portugal? | Video verfügbar bis 11.08.2016
Menschen an einem Schalter
Profitieren die Menschen in Portugal vom wirtschaftlichen Aufschwung?

In deutschen Talkshows muss Portugal häufig als Gegenbeispiel für Griechenland herhalten. Dort gehe es deutlich aufwärts, weil man die Vorgaben der Troika umgesetzt habe. Aber stimmt das wirklich?

»Es gibt keine Arbeit, weder für mich noch für Andere.«

»Meine Frau ist arbeitslos und ich arbeite nur ein paar Stunden.«

»Meine Rente reicht hinten und vorne nicht. Ich kann weder Miete noch Essen bezahlen.«

Seltsam! In Deutschland gilt Portugal doch als „Musterknabe“, der gerne benutzt wird, um Griechenland an den Pranger zu stellen.

So sagt der bayerische Staatsminister der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat, Markus Söder:

»Wir haben viele Partner in Europa, die sich an die Regeln halten, die Spanier, die Portugiesen, die Iren und zwar mit Erfolg an die Regeln halten.«

Doch die sonnige Optik in Lissabon trügt. Vielen ganz normalen Familien geht es richtig schlecht. Viele Steuern wurden erhöht. Renten und Sozialleistungen zum Teil erheblich gekürzt. Jeder Siebte hat seit 2008 seinen Job verloren.

Viele Läden mussten schließen

Antonio Guedes noch nicht. Aber vor der Krise fuhr er acht Stunden Taxi am Tag. Jetzt sind es 14 Stunden. Für das gleiche Geld.

Er erzählt:

»In dieser Straße waren früher sehr viele Menschen einkaufen, hier in diesen Läden, jetzt mit der Krise haben aber viele der Läden dicht gemacht und die Straßen sind leer.«

Sein Bruder José verdient mit zwei kleinen Supermärkten sein Geld. Einen schmeißt er, den anderen seine Frau. Eigentlich wollte er noch einen dritten Laden aufmachen – wäre da nicht die Wirtschaftskrise, die seitdem sein Leben bestimmt.

»Meine Erfahrung ist die, dass ich sehr viel mehr arbeite. Ich musste einen Mitarbeiter entlassen und seine Aufgaben mit übernehmen. Ich arbeite vom frühen Morgen bis zum späten Abend, ohne das Geschäft zu verlassen,«

berichtet José.

Krise beendet?

Der Chef des Bundeskanzleramtes, Peter Altmaier, ist überzeugt:

»Dass wir heute überall in Europa Wachstum haben, mit Ausnahme von Griechenland, auch in Portugal, Spanien, Irland, ist ein Beweis dafür, dass die Strategie richtig war.«

Essen für Arme

Freiwillige der Organisation „Refood“ sammeln jeden Abend Lebensmittel ein, die José nicht mehr verkaufen kann. Essen für Hilfsbedürftige. Seit der Krise befindet sich vor allem die Armenspeisung im Aufschwung. Allein diese Organisation verteilt monatlich 46.000 Mahlzeiten an Bedürftige. Die Krise hat sich immer tiefer in den Mittelstand hineingefressen. Auch Akademiker kommen zu den Verteilstellen.

Hunter Halder, der Initiator von „Refood“:

»Vielleicht ist die Krise in Deutschland vorbei, vielleicht hat es die Krise für einige Menschen nie gegeben. Unsere Realität ist, dass wir jeden Tag Menschen sehen, die dieses Essen brauchen, Menschen, die mal eine Arbeit hatten und ein gutes Einkommen. Ihre Krise ist noch lange nicht vorbei, und meiner Meinung nach ist die Krise in Portugal auch nicht vorbei.«

Für den Ökonomen der Universität Lissabon, Ricardo Mamede, waren die Erwartungen an die Sparpolitik unrealistisch:

»Das Sparprogramm war härter als nötig. Man nahm einfach an, dass die Arbeitslosigkeit nicht so stark ansteigen würde und dass die Wirtschaft nicht so heftig einbrechen würde. Das heißt, man hätte das Programm so aufbauen müssen, dass es keine so dramatischen Auswirkungen auf unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft hat.«

Andere Maßnahmen wären sinnvoller gewesen

Und was hat das mit Deutschland zu tun? Eine Menge, finden internationale Ökonomen. Auch Heiner Flassbeck, langjähriger Direktor der UNO-Handelsorganisation in Genf:

Die Arbeitnehmer in Portugal, Spanien und Griechenland vor allem haben einen hohen Preis bezahlt für die Misskonstruktion im europäischen Währungssystem, die dafür gesorgt hat, dass Deutschland unter seinen Verhältnissen gelebt hat und damit die anderen an die Wand gedrückt hat, und diese Länder über ihre Verhältnisse gelebt haben. Man hätte es anders korrigieren müssen, eben über eine Anpassung auch in Deutschland, aber das ist überhaupt nicht gelungen.

Auswirkungen auf das Privatleben

Bei Familie Guedes in Lissabon ist es spät geworden. Erst um halb zehn kommen beide aus ihren Läden nach Hause. Fürs selber Kochen fehlt die Zeit und die Kraft. Auch für Elternabende und vieles andere.

Aida Guedes, Verkäuferin und Familienmutter, sagt:

»Unsere Tochter hat ihr Diplom bestanden, und ich war nicht da, weil ich bis spät abends arbeiten musste. Deshalb war sie nur alleine mit ihrem Bruder da.«

Wenn nicht in Portugal, dann...

Tochter Catarina hat gerade ein Auslandssemester in Dänemark absolviert – und ihr Diplom als Krankenschwester schon in der Tasche. Doch ihre Chancen in Portugal sind gering – die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 34 Prozent. Sie erzählt:

»Mein Plan ist, dass ich zuerst versuche, hier in Portugal eine Arbeit zu finden, und wenn ich hier nichts finde, würde ich ins Ausland gehen, vielleicht nach England, weil es dort leicht für mich ist wegen der Sprache. Viele portugiesische Krankenschwestern gehen dorthin zum Arbeiten.«

... versucht man es anderswo

Etwa 600.000 Menschen haben das Land schon verlassen – vor allem Junge und Qualifizierte. Sechs Prozent der Bevölkerung. Portugal droht eine verlorene Generation und völlige Überalterung. Täglich strömen weitere Menschen zu den Botschaften, wollen auswandern. Einige der Meinungen sind:

»Ich gehe, weil es hier keine Arbeit gibt. Deshalb gehe ich nach Brasilien oder in ein anderes lateinamerikanisches Land, weil es dort bessere Arbeitsmöglichkeiten gibt.«

»Ja, hier haben wir die Krise und dort kann ich besser leben.«

Probleme, die von deutschen Politikern gerne mal großzügig übersehen werden.

Der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber:

»Schauen Sie sich doch mal an, die Spanische Situation, die Irische, die Portugiesische Situation! (Gegenrede): „Die ist furchtbar“ (Stoiber): „Nein, die ist nicht furchtbar!“«

Irgendwann kann es nur noch bergauf gehen

Zwar profitiert Portugal vom schwachen Euro, niedrigen Zinsen und günstigem Öl. Aber: Seit dem ersten Rettungspaket sind die Schulden nochmals gestiegen – auf knapp 130 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das Wachstum im letzten Jahr: gerade mal ein Prozent. Deshalb können portugiesische Ökonomen die deutschen Erfolgsmeldungen nicht nachvollziehen. Ricardo Paes Mamede:

»Wenn das Wirtschaftsniveau und die soziale Lage so abgesunken sind wie jetzt, ist irgendwann jede Veränderung eine positiver Trend. Das heißt aber nicht, dass diese geringfügigen Veränderungen ausreichen, um das Land aus der Krise herauszuholen. Und wir kommen nicht aus der sozialen und ökonomischen Krise heraus.«

»Wir brauchen mindestens drei Prozent Wachstum pro Jahr für zehn Jahre, um da wieder herauszukommen, das ist etwa das, was gefordert ist. Nur: Da sind wir unendlich weit von entfernt, weil ganz Europa stagniert (...) also die Politik, diese Austeritätspolitik ist für ganz Europa katastrophal,«

»so Heiner Flassbeck, Direktor UNO-Handelsorganisation.«

Am 4. Oktober wählt Portugal ein neues Parlament. Unter schwierigsten Vorzeichen. Bis die Einkommen der Normalverdiener wieder das Niveau vor der Krise erreicht haben, wird es Jahrzehnte dauern. Und die Auswanderungswelle nimmt kein Ende. Erfolgsgeschichten sehen anders aus.

Ein Beitrag von Christian Jekat und Dietrich Krauß

Stand: 13.08.2015 09:19 Uhr

Sendetermin

Mi, 12.08.15 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.