SENDETERMIN Mi, 16.08.17 | 21:45 Uhr | MDR Fernsehen

Pleiteflieger: Wie die Bundesregierung versäumte, Airlines zum Insolvenzschutz zu verpflichten

Warum Airlines keinen Insolvenzschutz haben | Video verfügbar bis 16.08.2018
Reisende besteigen über eine Gangway ein Flugzeug von Air Berlin.
Welche Rechte haben Air-Berlin-Kunden (nicht)?

Air Berlin ist pleite und da ist es – so kurz vor der Bundestagswahl – natürlich schön, wenn Bilder von gestrandeten Urlaubern vermieden werden. Die Bundesregierung macht 150 Millionen Euro locker, will Air Berlin noch drei Monate am Leben halten und so die Urlauber nach Hause holen. Dabei hätte genau diese Situation verhindert werden können.    

Pauschalreisende sind abgesichert

Sicherungsschein
MIt so einem Sicherungsschein werden Pauschalreisende abgesichert.

Wer eine Pauschalreise bucht, bekommt zu seinen Unterlagen einen Sicherungsschein, wie Reisebüro-Inhaberin Gesine Jüttner erklärt: "Der Sicherungsschein sichert die Kundengelder ab, also Anzahlung, Restzahlung. Im Falle einer Insolvenz des Reiseveranstalters sichert seine Versicherung die Kundengelder ab. Der Kunde bekommt sein Geld zurück."

Risiko bei Individualreisen

Anders ist es bei reinen Flugreisen. Wer zum Beispiel im Internet nur einen Flug bucht, kann im Insolvenzfall auf seinen Kosten sitzenbleiben. Seine Zahlung, gibt Gesine Jüttner zu bedenken, ist nicht gesichert: "Wenn ich ein Ticket erwerbe, egal ob im Reisebüro oder online, muss ich das Ticket voll vorauszahlen. Dabei ist es ganz egal, ob ich vielleicht erst Monate später diesen Flug antrete. Wenn dann eine Insolvenz passiert, ist das Geld weg."  

Verbraucherschützer und Reiserechtler fordern bessere Absicherung

Prof. Dr. Ronald Schmid
Reiserechtler wie Prof. Dr. Ronald Schmid fordern eine bessere Absicherung von Flugreisenden.

Warum gibt es für Flugreisen keinen solchen Insolvenzschutz? Verbraucherverbände und Experten für Reiserecht wie Prof. Dr. Ronald Schmid fordern das schon lange: "Veranlassung hätte es längst gegeben. Schauen Sie sich mal an, wie viele Fluggesellschaften in Europa alleine in den letzten 15 Jahren in die Insolvenz gegangen sind oder demnächst gehen werden. Leider hat die Politik es immer wieder abgelehnt, hier auch einen Schutz zu schaffen, wie er für die Pauschalreisenden geschaffen wurde."

Absehbare Insolvenz

Auch die Insolvenz von Air Berlin deutete sich schon lange an. Die Fluggesellschaft hat in den letzten Jahren durchgehend Millionenverluste eingeflogen. 2016 waren es 782 Millionen Euro Miese.

Eine Maschine von Air Berlin steht auf einem Flughafen-Vorfeld. Dahinter befindet sich ein Flugzeug von Lufthansa.
Überdurchschnittlich viele Flieger von Air Berlin blieben im ersten Halbjahr am Boden.

Statt in der Luft blieben in diesem Jahr viele Air-Berlin-Flugzeuge am Boden und damit auch die Passagiere. Allein im ersten Halbjahr sind mehr als 3000 Air-Berlin-Flüge ausgefallen –erheblich mehr als bei Eurowings oder Ryanair.

Nach der Insolvenzmeldung ist die Bundesregierung ist erst einmal mit einem Übergangskredit eingesprungen. Aber wie geht es weiter, wenn dieses Geld aufgebraucht ist? Die Zahlungen vieler Flugreisenden wären weg – auch weil eine Insolvenzsicherung fehlt. Fluggastrecht-Experte Schmid schlägt vor, ebenfalls abzusichern: "Die Alternative wäre, dass man es genauso macht wie in Flugpauschalreise und der Kunde eine Anzahlung leistet, aber erst kurz vorher zahlt. Das ist bei Pauschalreisen so üblich. Wieso soll das bei Flugreisen nicht auch gehen?"

Der Bundesgerichtshof hat 2016 die Klage eines Verbraucherverbandes, der genau das forderte,  abgewiesen. Im Urteil heißt es: "Das Insolvenzrisiko ist bei einem Luftfahrtunternehmen … verringert …"

Gegenstand der politischen Diskussion

Reisebüro-Inhaberin Gesine Jüttner
Reisebüro-Inhaberin Gesine Jüttner muss ab Sommer 2018 selber Reisepakete absichern, die sie zusammenstellt.

Jetzt ist es doch anders gekommen und die Kunden von Air Berlin sind nicht abgesichert. Hat man die Warnzeichen ignoriert? Das Justiz- und Verbraucherministerium schreibt "Plusminus": "Forderungen nach einer Insolvenzabsicherung sind bereits länger Gegenstand von Diskussionen im politischen Raum." Weiter wolle man sich dazu aber nicht äußern.

Absicherung für Pauschalreisen Ja, für Flugreisende Nein. Hier wird mit Zweierlei Maß gemessen, findet Reisebüro-Chefin Gesine Jüttner. Und eine weitere rechtliche Änderung ärgert sie: Sie muss bald für von ihr individuell zusammengestellte Reisen Absicherungen anbieten.

Statt der Fluggäste sichert die Politik jetzt die zweitgrößte deutsche Fluglinie, damit die vorerst weiter abheben kann.  

Autoren: Ralf Ulrich Schmidt, Anorte Linsmayer

Stand: 17.08.2017 09:44 Uhr

Sendetermin

Mi, 16.08.17 | 21:45 Uhr
MDR Fernsehen

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Mitteldeutschen Rundfunk produziert.