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Altersarmut trotz privater Vorsorge

Wieso die Rente trotz Eigeninitiative nicht reichen könnte

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Altersarmut trotz privater Vorsorge | Video verfügbar bis 08.09.2016

Immer mehr Alte sind auf Grundsicherung angewiesen. Und die Entwicklung ist erst am Anfang. Altersarmut wird in Deutschland künftig dramatisch zunehmen. Wie kann das sein, in einem der reichsten Länder der Erde?

Unsicherheit über Altersvorsorge

Die Verbraucherzentrale in Hamburg bietet regelmäßig ein Seminar zur Altersvorsorge an. Offensichtlich sind Viele verunsichert, was sie machen sollen und wie sie ihr Geld am besten anlegen.

Versprechungen zu Beginn

Bei Verabschiedung der großen Rentenreform von Walter Riester wurde eigentlich ganz anderes versprochen:

»Ich freue mich wirklich vor allem für die vielen Menschen, die draußen im Land häufig das Thema Rente mit Unsicherheit verbinden. Weil wir ihnen sagen können, jede Rentnerin und jeder Rentner wird nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft mehr Rente erhalten als nach dem alten Recht,«

so der damalige Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung.

Zunahme der Altersarmut

Tatsächlich aber steigt die Zahl armer Alter. Das Drei-Säulen-Modell aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Rente funktioniere gerade bei denen nicht, die es besonders nötig haben, warnt der Paritätische Wohlfahrtsverband:

»Wir müssen feststellen, dass die gesetzliche Rente nach wie vor die entscheidende Einkommensquelle von Menschen mit niedrigen Einkommen ist im Alter. Die Menschen mit nur kleinem Einkommen können sich entweder überhaupt nicht leisten zu riestern oder sie sind noch gar nicht so weit, dass sie bei den jetzigen Nöten nachdenken, über Situationen in 30 Jahren. Mit anderen Worten, Riester ist komplett gescheitert,«

sagt dessen Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider.

Sinkende Renten, sinkende Kaufkraft

Professor Gerd Bosbach ist Experte für Statistik. Er hat sich angeschaut, wie viel Rente ein Versicherter nach 35 Beitragsjahren mit durchschnittlichem Einkommen vor den Reformen bekommen hat und wie viel er heute bei Renteneintritt bekommt. Im Jahr 2000 waren das umgerechnet rund 1020 Euro, heute sind es nur noch 916,00 Euro. Berücksichtigt man die Inflation der letzten 15 Jahre können sich die Neurentner heute sogar 30 Prozent weniger leisten als zur Jahrtausendwende. Der soziale Abstieg der Rentner ist programmiert, sagt Prof. Gerd Bosbach, und das sei nichts Würdevolles: "Sie haben teilweise 30-40 Jahre gearbeitet und zum Abschluss bekommen sie eine Rente, von der sie nicht leben können."

Wohlhabende profitieren

Von der gesamten Riesterförderung - immerhin inzwischen weit über drei Milliarden Euro - profitieren vor allem Wohlhabende. Zu diesem Ergebnis kommt das DIW in einer mit der FU-Berlin gemeinsam durchgeführten Studie. Danach fließen 38 Prozent der staatlichen Riester-Förderung an Bezieher höherer Einkommen und nur sieben Prozent an Haushalte mit Einkommen unter 20.000 Euro. Das liege daran, dass Haushalte mit niedrigen Einkommen seltener Riesterverträge abschließen und Haushalte mit hohen Einkommen besonders von den steuerlichen Vergünstigungen profitieren, die über Riester geschaffen wurden, so Prof. Carsten Schröder vom DIW-Berlin.

Riestern reicht nicht

Walter Riester hatte versprochen: Wer vier Prozent seines Einkommens in die private Vorsorge investiert, der könne damit seinen Lebensstandard auch im Alter sichern. Die Arbeitnehmerkammer Bremen kommt aktuell zu ganz anderen Ergebnissen: Selbst bei optimaler Verzinsung müssten mindestens neun Prozent des Einkommens gespart werden. Bei andauernden Niedrigzinsen ist aber auch das reine Illusion. Ingo Schäfer erläutert: "Wir sind hier zu dem Ergebnis gekommen, dass man fast doppelt so viel privat vorsorgen müsste also statt neun Prozent, etwa 18 Prozent private Vorsorge betreiben müsste."

18 statt vier Prozent? Die staatlichen Zuschüsse gehen zum großen Teil für Provisionen, Werbung und andere Kosten der Versicherungswirtschaft drauf. Würde man die Kürzungen der gesetzlichen Rente zurücknehmen, kämen Millionen Menschen viel günstiger davon.

Umlagefinanzierung viel günstiger

Weiter auf private Vorsorge zu setzen mache da wenig Sinn, besser wäre es, das Leistungsniveau der gesetzlichen Rentenversicherung wieder auf das alte Niveau anzuheben, meint Rentenexperte Ingo Schäfer.

Begründung: Die gesetzliche Rentenversicherung hat viel geringere Verwaltungskosten als private Versicherungen. Die Einnahmen sind verlässlich, mit eingebautem Inflationsausgleich und nicht von Launen der Finanzmärkte abhängig. Sie muss auch keine Dividenden an Aktionäre zahlen. Viele Vorteile, die den Versicherten zugute kommen.

Altersarmut ist programmiert

Doch die Bundesregierung erklärt auf Nachfrage weiterhin: Eine Risikomischung durch eine zusätzliche kapitalgedeckte Altersversorgung sei sinnvoll und notwendig, obwohl längst klar ist, dass das gerade bei den ärmsten Haushalten nicht funktioniert. Und so bleibt Deutschland weiter auf dem Weg in die massenhafte Altersarmut.

Ein Beitrag von Ingo Blank

Stand: 23.09.2015 16:16 Uhr