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Selbständig in die Armut

Selbständig in die Armut | Video verfügbar bis 03.05.2018

-  2,3 Millionen Solo-Selbständigen fehlt Absicherung gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit
-  Viele drohen durch ICH-AGs in die Armutsfalle zu rutschen
-  Über 100.000 Solo-Selbständige sind auf Hartz IV-Zuzahlungen angewiesen

Sie sind keine Arbeiterinnen und keine Angestellten. Und trotzdem haben sie am 1. Mai demonstriert. Sie sind selbständige Honorarlehrkräfte. Weil sie keine andere Wahl haben.

Geldmünzen in einer Hand

"Ich lebe teilweise von der Hand in den Mund", sagt die Lehrerin Clarissa H., die Deutsch als Fremdsprache unterrichtet und Integrationskurse gibt. "Wir haben ein Hochschulstudium und noch Zusatzqualifikationen: Und wenn man dann etwas über dem Mindestlohn ist, das ist schon befremdlich", berichtet ihre Kollegin Conny G. Das sei ungerecht, so Raffaella M., "weil die verbeamteten Lehrer das Dreifache bekommen von dem, was wir als Honorar bekommen".

2,3 Millionen Solo-Selbständige ohne Absicherung

Ob Staat oder Privatwirtschaft: Viele Arbeiten werden an Selbständige vergeben. An Übersetzer und Web-Designer, an Physiotherapeutinnen und Kurierfahrer, an Reinigungskräfte, Bauarbeiter, Tischler oder an Musiker. Sie alle arbeiten ohne eigene Angestellte. So genannte Solo-Selbständige. 2,3 Millionen sind es inzwischen.

Das hängt auch mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und seinem Berater Peter Hartz zusammen. Mit der Förderung von Ich-AGs sollten sich Arbeitslose leichter selbständig machen können. Am Anfang gut gemeint, aber mit welchen Folgen?

Die Lehrerin Clarissa H. ist seit über 20 Jahren freiberuflich tätig. Immer mit der Angst, dass Aufträge wegbrechen. Unterrichtsvorbereitung – ausgerechnet zum Thema Sozialstaat.

Clarissa H.: "Ich erzähle das meinen Teilnehmern schön. Und was ist eigentlich mit mir? Ich habe keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall; ich habe auch keine Arbeitslosenversicherung beziehungsweise wenn mir der Kurs wegbricht, weil er ausfällt oder gar verschoben wird, dann habe ich auch keine Einnahmen. Dann sitze ich da. Dann sorgt der Staat nicht für mich und sagt, oh, das fangen wir auf."

Hartz IV-Niveau

Auch Karin K. arbeitet selbständig. Sie arbeitet am Computer zu Hause, optimiert zum Beispiel das Warenangebot von Verkaufsplattformen im Internet. Trotz Vollzeit-Arbeit bekommt sie so wenig Geld, dass sie auf Hartz-IV-Niveau aufstocken muss.

Arbeit am Laptop
Arm trotz Arbeit - auf viele Selbständige trifft dies zu.

"Das war für mich natürlich sehr, sehr schlimm", sagt sie, "auch gefühlsmäßig, weil ich habe ja gearbeitet. Und im Jobcenter wird man dann trotzdem genauso behandelt, als wäre man faul, als wollte man nicht arbeiten." Und weil die Rente viel zu niedrig ist, muss Karin K. noch so lange arbeiten, wie es irgendwie geht.

Angst vor Altersarmut

Über 100.000 Solo-Selbständige sind auf Hartz IV-Zuzahlungen angewiesen. Und sie sind damit auf dem direkten Weg in die Altersarmut. Davor hat auch Clarissa H. Angst. Zu Recht. Denn sie hat trotz akademischer Ausbildung nur rund 660 Euro Rente zu erwarten, erklärt ihr ein Experte der Versicherung.

Clarissa H.: "Ich bin entsetzt und schwitze jetzt schon, weil ich nicht weiß, wie ich später überleben soll. Und ich arbeite Vollzeit, ich arbeite viel. Und ich habe nicht nur die Rentenversicherung zu entrichten, sondern auch meine Kranken- und Pflegeversicherung."

Der Berater kennt das Problem. Was vielen nicht klar ist: Solo-Selbständige müssen doppelt in die Sozialversicherungen einzahlen, den Arbeitnehmer- und den Arbeitgeber-Anteil.

Altersarmut
Was im Alter übrig bleibt, davor haben viele Selbständige Angst.

Clarissa H.: "Es ist einfach so, dass wir Honorarlehrkräfte eben 100 Prozent eigenen Anteil haben an der Begleichung der Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung. Wir haben keinen Arbeitgeber, der 50 Prozent davon abnimmt."

Extrem hohe Krankenkassen-Beiträge

Raffaella M. berichtet: "Von dem kleinen Honorar, das ich bekomme, bleiben mir zwischen 40 und 50 Prozent." Die Vollzeit-Lehrerin kommt damit gerade mal auf 1.300 Euro im Monat.

Das liegt vor allem an den überproportional hohen Beiträgen für die Krankenkasse: Der Gesetzgeber unterstellt Selbständigen grundsätzlich ein Einkommen von 2.200 Euro. Danach bemisst sich der Mindestbeitrag. Wenn jemand nur beispielsweise einen Überschuss von 1.000 Euro im Monat erwirtschaftet, zahlt er ein Drittel davon allein an die Krankenkasse.

Mehrere Verbände, der Bundesrat und die Krankenkassen selbst fordern deshalb eine spürbare Senkung des Mindestbeitrags. Er müsse der Realität angepasst werden, um die Betroffenen nicht zu überfordern.

Mindestlohn wird unterlaufen

Nach Ansicht von Experten wie Professor Klaus Dörre ist inzwischen das ganze Modell fragwürdig geworden. Denn der allgemeine gesetzliche Mindestlohn, so der Arbeitssoziologe an der Universität Jena, könne mit der Soloselbständigkeit ausgehebelt werden, weil er nur für Lohnabhängige und nicht für selbständig Beschäftigte gelte.

Eine Seniorin holt Geldscheine aus ihrem Geldbeutel.
Wären Mindesthonorare die Lösung?

Brauchen wir also Mindesthonorare? Bei Rechtsanwälten oder Steuerberatern gibt es das. Für die Arbeitgeber kein gangbarer Weg, sagt Alexander Gunkel von der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände: "Die meisten Probleme, die Selbständige haben, die nicht verdienen, ist, dass ihnen die Kunden fehlen, dass sie kein funktionierendes Geschäftsmodell haben. Mindesthonorare sind keine Antwort."

Nach Auslagerung Dumping-Honorare

Jörg Hofmann, der Vorsitzende der IG Metall, beobachtet mit Sorge, wie Solo-Selbständige und Stammbelegschaften zunehmend gegeneinander ausgespielt werden: "Das hat sicherlich zugenommen, indem Tarifverträge unterlaufen werden, weil durch Auslagerungen dann oft der Tarifvertrag keine Geltung mehr hat. Und das führt dann zu Dumpingstrategien, wie wir sie auch in unseren Branchen leider landauf, landab bemerken müssen."

Dumping-Honorare, unterlaufene Mindestlöhne und Tarifverträge. Clarissa H. und ihre Mitstreiterinnen hoffen, dass die Politik endlich handelt. Ein Ende der unsinnigen Krankenkassen-Regelung wäre zumindest ein erster Schritt.

Ein Beitrag von Hermann G. Abmayr

Weiterführende Links

Forschungsbericht des Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Mai 2016): Solo-Selbständige in Deutschland, Strukturen und Erwerbsverläufe

Analyse AOK, Wissenschaftliches Institut (2016): Selbständige: Reformbedarf bei der Krankenversicherung

Prof. Hans Pongratz, München (2017): Umfrage zu Solo-Selbstständigkeit und internetbasierter Arbeit

Bündnis der Lehrkräfte für Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache

Beratungsnetz für Solo-Selbständige, ver.di

Stand: 04.05.2017 12:16 Uhr