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Amazon krempelt den Buchmarkt radikal um

Big Brother liest mit

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Amazon krempelt den Buchmarkt noch radikaler um | Video verfügbar bis 08.09.2016

Wer in Deutschland ein Buch im Internet bestellt, tut dies ganz häufig bei Amazon. Und auch wer elektronisch liest, nutzt oft das Amazon-E-Book Kindle. Tablet, Smartphone oder E-Book werden inzwischen von Lesern aller Generationen genutzt.

Trend „Selfpublishing“

Beim Berliner Online-Verlag epubli gibt es auf Wunsch auch noch gedruckte Bücher. Aber immer stärker sind E-Books auf den Vormarsch. Die werden für die Autoren auf alle Online-Plattformen lanciert, auch Amazon. Alles andere, Konzept, Lektorat oder Werbung übernehmen immer häufiger die Autoren selbst. „Selfpublishing“ heißt das auf Neudeutsch und das gibt es immer öfter.

Florian Geuppert, Geschäftsführer bei epubli, meint dazu:

»Also Selfpublishing boomt, das zeigen die Zahlen. Jedes zweite E-Book das jedes Jahr in den Markt kommt, jedes vierte Printbook kommt über Selfpublisher, die Tendenz ist weiter steigend. Gleichzeitig glauben wir, dass der E-Book-Anteil auch weiter steigen wird, aber das Printbuch wird nach wie vor eine große Rolle spielen für die Autoren, aber auch für die Leser.«

Autoren veröffentlichen selbst

75.000 Selfpublisher, also Selbstverleger, soll es in Deutschland geben. Nur wenige können aber davon leben. Eine der erfolgreichsten ist Nika Lubitsch. Kein Verlag wollte ihre Krimis herausbringen. Also veröffentlichte sie selbst bei Amazon und landete dort ganz oben auf der Bestsellerliste. Internetautoren bringen alle drei, vier Monate ein Buch heraus, damit die Käufer sie nicht vergessen. Auch sonst gelten eigene Gesetze. Nika Lubitsch glaubt, dass die Art wie sie schreibt dem Medium sehr angepasst ist.

»Ich mache sehr kurze Kapitel, ich habe eine sehr prägnante, kurze Sprache, die diesem Medium angepasst ist. Die Menschen, die das Internet nutzen, gehören ja hauptsächlich zu der Generation, die mit Fernsehen aufgewachsen ist, und ich glaube, da bin ich genau richtig, da bin ich in meinem Element,«

erklärt die Autorin.

Geld nur noch für gelesene Seiten

Amazon überlässt den Autoren bis zu 70 Prozent des Verkaufspreises. Und zieht so weitere Interessenten an. Aber jetzt gibt es neue Ideen. In einem für die Leser attraktiven Buchverleihprogramm werden Autoren nach den tatsächlich gelesenen Seiten bezahlt. Mit einer speziellen Software lässt sich das genau kontrollieren. Ein weiterer Schritt zum gläsernen Kunden. Und für viele Schriftsteller eine Horrorvorstellung.

„Der Autor oder die Autorin würde gezwungen, permanent auf ein Forttreiben der Handlung zu schreiben. Das heißt aber nicht, dass anders geschriebene Bücher langweilig sind. Sie erzählen nur anders“, schätzt Heinrich Bleicher-Nagelsmann vom Verband deutscher Schriftsteller die Lage ein. Auch Nina George von der Schriftstellervereinigung PEN-Deutschland sieht das ganze kritisch.

»Als ich hörte, dass Amazon nach gelesenen Seiten bezahlt und ich zusätzlich weiß, was Amazon noch für eine Langzeitstrategie hat, nämlich den Buchhandel zu bestimmen, Leserdaten auszuwerten, um die perfekten Produkte zu erschaffen, plus jetzt auch noch das Nach-Seiten-Bezahlen, hieß das für mich: Es sollen die immer selben Bücher entstehen - die, die die Masse möchte.«

Buchhandel muss kämpfen

Welche Macht Amazon jetzt schon hat, wissen die deutschen Buchhändler nur zu gut. Die Zahl der Läden sinkt permanent. Und das wird so weitergehen, auch wenn das Geschäft im letzten Jahr wieder etwas besser lief. Die Buchhändler haben eine gemeinsame Internetplattform etabliert. Aber es ist schwer, gegen Amazon zu punkten. Vor allem der Nachwuchs bricht regelrecht weg. Auch Brigitte Gode von der Gollenstein-Buchhandlung Blieskastel bestätigt dies:

»Es geht alles gut bis zur Altersklasse zwölf, danach wird es schwierig. Das bestätigen auch alle Kollegen so und man kann schon vermuten, dass dies die Generation ist, die alles online macht, die sich gar nicht mehr hingezogen fühlt zu einer Buchhandlung, für die das ganz einfach ist. Die haben ständig das Smartphone in der Hand und sind pausenlos online, mal schnell einen Klick machen und bei Amazon bestellen.«

Buchhandel mit Kartellklage

Der Umsatz des stationären Handels mit Jugendbüchern ist im letzten Jahr wieder um zehn Prozent gesunken. Amazon macht keine Angaben dazu, aber auch mit den Buchverlagen gab und gibt es heftige Auseinandersetzungen. Nach Angaben des US-Konzerns wurden für einige Titel zudem zu geringe Lagerkapazitäten eingerichtet. Buchlieferungen dauern dann schon mal länger. Der Verband der Buchverlage hat Kartellklage eingereicht. Die EU untersucht diese nun.

»Es wird das Kartellrecht so geändert werden, dass auch Internetunternehmen entsprechend mit dem Kartellrecht so strukturiert werden können, dass wir eben nicht Marktmacht erreichen, die in monopolähnliche Zustände kommen wird,«

erklärt Alexander Skipis, GF Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Auch beim Bundesverband Online-Handel landen immer wieder Beschwerden. Dagegen tun kann man wenig. Im Gegenteil: Neue technische Möglichkeiten werden die Märkte in Zukunft noch viel radikaler umwälzen, glaubt der Präsident des Bundesverbandes Oliver Prothmann:

»Wir werden es sicherlich erleben, dass die Informationen, die Nachrichten, die Bücher auch noch auf der Uhr da sind oder sie uns vorgelesen werden im Telefon, dass wir dies über Kopfhörer noch mehr hören und der Kunde nicht mehr gezwungen werden möchte, an einer ganz bestimmten Stelle etwas einzukaufen, sondern da zu kaufen, wo er es gerne möchte.«

Freiheit à la Amazon – aber wo bleiben dann Vielfalt und Wettbewerb? Gerne hätten wir dazu auch einen Vertreter des Unternehmens interviewt. Da nimmt sich der US-Riese aber die Freiheit, lieber nichts zu sagen.

Viele Tipps für Selfpublisher gibt es hier: http://www.selfpublisherbibel.de/

Ein Beitrag von Lars Ohlinger

Stand: 10.09.2015 08:55 Uhr

Sendetermin

Mi, 09.09.15 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.