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Arbeitszeit – Warum wir flexibler werden müssen

Arbeitszeit – Warum wir flexibler werden müssen | Video verfügbar bis 08.11.2018

– Mehrarbeit ist in Deutschland für viele Menschen Alltag.
– Fast eine Milliarde Überstunden wird nicht bezahlt.
– Forderungen nach flexiblen Arbeitszeitmodellen werde immer lauter.

Die 40-Stundenwoche kennen die Beschäftigten in der Gastronomie meist nur vom Hörensagen. Ein typisches Beispiel: Das Restaurant Heyligenstaedt in Gießen. Die Chefin Bettina Leitner weiß: Jetzt in der Vorweihnachtszeit wird es wieder besonders hart: "Es werden an Wochentagen sicherlich 9 Stunden auf jeden Mitarbeiter zukommen und an den Wochenenden mit den Weihnachtsfeiern kann man dann schon mit 10 oder 12 Stundentagen rechnen pro Mitarbeiter."

60-Stunden pro Woche in der Spitze, rund 50 Stunden zu normalen Zeiten. Das ist durchaus branchenüblich. Nicht ganz so typisch: Hier wird zumindest jede Stunde Mehrarbeit auch bezahlt. Für Koch Josef Durak ist es trotzdem hart: "Man ist einfach platt und k.o.. Aber man weiß eben auch, was man geschafft hat an dem Tag, das muss man auch so sehen."

In Restaurants wird sehr oft mehr gearbeitet.
In Restaurants wird sehr oft mehr gearbeitet.

Mehrarbeit ist Usus

Wann wird in Deutschland gearbeitet und wie lange?
Wann wird in Deutschland gearbeitet und wie lange?

Mehr arbeiten als im Vertrag steht. Mal bezahlt, oft unbezahlt. Das kennen so viele, wie eine kleine Umfrage auf der Straße zeigt: "In der Woche kann man so mit 4 bis 5 Überstunden rechnen. Jede Woche.", "Wir arbeiten schon bis Donnerstag die 40. Und dann noch der Freitag, dann bin ich schon in den Überstunden.", "Es sind ca. 50 Stunden pro Woche und es wird nicht bezahlt. Wenn Sie Überstunden machen müssen, dann heißt es einfach: 'Sie waren in der Woche zu langsam.' So einfach ist das."

In Zahlen des Statistischen Bundesamtes: 782 Millionen bezahlte Überstunden haben die Deutschen im vergangenen Jahr gemacht und noch einmal 947 Millionen unbezahlte.

Am meisten wird hier geschuftet – also eine Arbeitszeit von mehr als 48 Stunden:

  • In der Landwirtschaft ist es fast jeder Zweite.
  • Beim Bau sind es 14 %.
  • In der Dienstleitungsbranche sind 12 % betroffen.
  • Im produzierenden Gewerbe haben 7 % Mehrarbeit.

Was tun gegen unbezahlte Überstunden?

"Plusminus" holt sich die Meinung von zwei verschiedenen Seiten ein – von den Arbeitgebern und von den Gewerkschaften. Ingo Kramer, der Arbeitgeberpräsident, sieht zwar die Mehrarbeit: "Die Überstunden sind sehr intensiv zur Zeit, das weiß ich. Das liegt an der hohen Wirtschaftsleistung und am Fachkräftemangel. Aber dass jemand umsonst ins Büro gehen muss, das ist eine Mär, die trifft nicht zu. Sonst würde er nämlich zum Nachbarn gehen." Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann ist mit der Situation sehr unzufrieden: "1 Milliarde unbezahlt. Das ist nichts anderes als Lohndiebstahl, den die Arbeitgeber an ihren Beschäftigten üben. Da müssen dringend wirksame Maßnahmen ergriffen werden, damit Tarifverträge oder zumindest gesetzliche Mindestanforderungen eingehalten werden." Weiter kann man gar nicht auseinander liegen.

Die Verteilung der Arbeitszeit

Fast jeder Deutsche kennt Überstunden.
Fast jeder Deutsche kennt Überstunden.

Ein weiterer Punkt ist: "Wann wird gearbeitet?" "Plusminus" macht sich auf den Weg ins hessische Angelburg zur Stahlbaufirma Christmann & Pfeifer. Hier arbeitet an diesem Samstag mal wieder einer ganz alleine: Buchhalter Patrick Steiner. Doch ist das keine Anweisung vom Chef, sondern sein eigener Wunsch. Nur so hat der geschiedene Familienvater unter der Woche an zwei Nachmittagen Zeit für seine Kinder: "Definitiv außergewöhnlich. Ich kenne auch den einen oder anderen Vater, der die Möglichkeit nicht hat, weil es der Arbeitgeber nicht zulässt. Von daher bin ich meinem Arbeitgeber sehr dankbar."

Flexibel Arbeiten – je nach Lebenslage

Arbeitszeitflexibilität im Interesse der Beschäftigten. Genau das fordert jetzt die IG Metall in einer ganz neuen Dimension: Wer will, soll nur noch 28 Stunden pro Woche arbeiten mit einem Rückkehrrecht auf Vollzeit nach zwei Jahren.

Wir stellen diese Fragen wieder den beiden Lagern: Wie flexibel muss die Arbeitszeit werden?

Reiner Hoffmann, Vorsitzender DGB
Reiner Hoffmann, Vorsitzender DGB

Gewerkschaftschef Reiner Hoffmann fordert, mehr Rücksicht auf die Arbeitnehmer zu nehmen: "Menschen haben heute auch ganz unterschiedliche Anforderungen an die Gestaltung ihrer Arbeitszeit. Demzufolge ist es auch richtig, dass die Gewerkschaften nach flexiblen Arbeitszeitmodellen suchen und auch versuchen, diese mit den Arbeitgebern am Verhandlungstisch auszuhandeln. Weil wir erleben: Die Arbeitgeber sind jederzeit für Flexibilität, wenn es ihren Interessen entspricht. Aber wenn es um die Bedürfnisse der Beschäftigen geht, dann stehen sie meistens auf der Bremse."

Ingo Kramer, Arbeitgeberpräsident
Ingo Kramer, Arbeitgeberpräsident

Der oberste Arbeitgebervertreter Ingo Kramer zeigt sich offen: "Wenn wir ein Abstimmungsverfahren hinkriegen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wie wir die Arbeitszeit verteilen, also das einvernehmlich regeln, dann kann ich mir sehr gut vorstellen. Da gibt es schon zahlreiche Beispiele, dass man auch mit einer Arbeitszeitverringerung leben kann. Es muss nur mit dem Arbeitgeber ein Einverständnis bestehen, für welchen Zeitraum, ab wann und wie die Lücke geschlossen wird. Nur das eine ohne das andere heißt: Wir verlieren Marktzugang. Wir verlieren Wettbewerbsfähigkeit."

Bessere Arbeitsbedingungen verlangen Gewerkschaften inzwischen genauso vehement wie höhere Löhne. Zum Beispiel an der Berliner Charite, wo es um weniger Stress durch mehr Stellen geht. Solch neue Themen sorgen für neue Konflikte.

Wie hart werden die neuen Tarifkonflikte?

Reiner Hoffmann vom DGB sieht Kompromissmögichkeiten: "Das hängt immer davon ab, wie stur die Arbeitgeber sind. Wenn die Arbeitgeber intelligent sind und sagen, da liegt eine Chance drin, nicht nur für die Beschäftigten, sondern auch für die Unternehmen. Und wenn sie zu konstruktiven und innovativen Lösungen bereit sind, dann kann da vieles am Verhandlungstisch geregelt werden." Auch Ingo Kramer sieht aus Arbeitgebersicht den Verhandlungen eher gelassen entgegen: "Da wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Und nicht jede Forderung, aber auch nicht jeder Wunsch von uns, ist am Ende eins zu eins im Tarifpaket wiederzufinden gewesen. Das wird hier auch so sein."

Doch wie immer gilt: Was die Metaller vormachen, wird auch bald in anderen Branchen ein großes Thema sein.

Autor: Steffen Clement

Stand: 09.11.2017 09:53 Uhr