SENDETERMIN Mi, 29.03.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Arzneimittel

Lieferengpässe immer dramatischer

Arzneimittel | Video verfügbar bis 29.03.2018

Gähnende Leere in den Schubladen der Medikamentenschränke ist für Apotheker Hans Rudolf Diefenbach mittlerweile Alltag. Es fehlt an wichtigen Medikamenten: Blutdrucksenker, Schilddrüsenpräparate, Schmerzmittel, alles nicht lieferbar. Seitenweise Listen von Medikamenten hat Hans-Rudolf Diefenbach gesammelt. Alle sind wochen- oder gar monatelang nicht erhältlich. Das Problem ist seit Jahren bekannt. Und immer wieder versprach die Bundesregierung, zu handeln. Passiert ist bislang wenig.

Leere Medikamentenschublade einer Apotheke
Lieferengpässe kennen viele Apotheker

Auch in vielen Krankenhäusern herrscht inzwischen Medikamentennotstand. Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Chefarzt für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie am Helios Klinikum Berlin-Buch und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft meint dazu: "Kritisch wird es immer dann, wenn ein Medikament nicht zur Verfügung steht, für das wir keine Alternativen haben, beispielsweise Medikamente für Krebserkrankungen, dann optimale Behandlung nicht anbieten können oder eine wichtige Behandlung zeitlich verzögern müssen."

Mangel mit dramatischen Folgen

Leukämiekranker Junge wird behandelt
Engpässe bringen Patienten in Gefahr

Wie dramatisch die Folgen des Medikamentenmangels für viele Patienten sind, zeigt das Beispiel von Marcus V.. Bei dem 15-jährigen wird vor vier Monaten Krebs diagnostiziert, ein bösartiges Lymphom im Bauchraum. Auch sein liebstes Hobby Schwimmen ist seitdem tabu für ihn.

Marcus braucht eine Chemotherapie, kommt sofort in die Uniklinik Jena. Doch das für ihn optimale Mittel ist derzeit nur eingeschränkt lieferbar. Marcus bekommt deshalb ein Ersatzmedikament. Das aber enthält zu einem Viertel Alkohol, der wegen seiner toxischen, also giftigen Wirkung bei Kindern eigentlich vermieden werden sollte. Die Nebenwirkungen sind gravierend: Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, heftige Übelkeit.

Er berichtet uns: "Dann wurde es jeden Tag schlimmer. Dann hab ich auch noch Morphium bekommen, dass ich halbwegs etwas essen konnte, um die Schmerzen zu unterdrücken."

Sein Arzt ist sich sicher: Besser wäre es dem Jungen mit dem richtigen Medikament gegangen. Doch das ist vom Hersteller derzeit kaum noch zu bekommen. Der Kinder-Onkologe Prof. Bernd Gruhn vom Universitätsklinikum Jena berichtet: "Wir bedauern diese Situation sehr und wir würden als Ärzte natürlich gern allen Kindern das besser verträgliche Etopophos verabreichen, so dass wir wirklich vor dem Dilemma stehen, auszuwählen, welchen Kindern können wir das gut verträgliche geben und bei welchen müssen wir auf das toxischere Alternativpräparat ausweichen."

Tausende Betroffene

In deutschen Kliniken fehlten allein im Februar 280 Wirkstoffe.12.000 Patienten waren von den Engpässen betroffen.

Krankenhausapotheke
Auch Krankenhäuser sind betroffen

Besonders drastisch ist die Situation bei Antibiotika: In drei Jahren kam es allein 16 Mal zu Engpässen. Aktuell fehlt ein wichtiges Antibiotikum namens "Piperacillin/Tazobaktam". Die Folgen spürt man auch in der Uniklinik Köln. Übrig ist nur noch eine Restmenge des wichtigen Antibiotikums und Alternativen gibt es kaum.

Infektiologe Prof. Gerd Fätkenheuer vom Universitätsklinikum Köln erläutert: "Bei dem aktuellen Engpass haben wir es mit einem Medikament zu tun, das sehr häufig eingesetzt werden muss bei schwer kranken Patienten. Wenn wir jetzt andere Medikamente hier einsetzen müssen, dann gibt es Nachteile, dass die teilweise schlechter wirksam sind, dass sie mehr Nebenwirkungen haben können und vor allen Dingen auch was wir fürchten, dass dadurch mehr Resistenzen erzeugt werden können. Das kann auch auf lange Sicht gefährlich werden, weil wir fürchten, dass dann Antibiotika nicht mehr so wirksam sind, wie wir das bisher haben und das ist natürlich auch eine große Gefahr für die Patienten."

Deswegen importiert die Uniklinik das Antibiotikum nun aus Spanien, zum dreifachen Preis! Die Lieferengpässe verursachen erhebliche Mehrkosten, auch beim Personal. Denn das muss Alternativen finden, Notfallpläne entwerfen oder manche Medikamente gleich selbst herstellen.

Ursache in Produktionsverlagerung durch Kostendruck

Medikamentenproduktion
Die Medikamentenproduktion wird ins Ausland verlagert

Warum bekommt man diese Lieferengpässe seit Jahren nicht in den Griff? Für den Gesundheitswissenschaftler Prof. Gerd Glaeske ist die Ursache eindeutig: Die Wirkstoffe werden immer häufiger im weit entfernten Ausland produziert. Er erklärt weiter: "All diese weit entfernten Produktionsstätten und all diese Lieferwege, die dann auch möglicherweise unsicher in der Zeitabfolge geworden sind, machen natürlich letzten Endes die Lieferprobleme bei uns aus. Und man darf nicht vergessen, dass diese anderen Produktionsstätten in solchen Ländern wie Indien oder Bangladesch oder auch Vietnam vor allen Dingen unter ökonomischen Aspekten gewählt werden. Das heißt, das Geld geht vor Liefersicherheit und das ist natürlich ein Problem, das wir zu beachten haben."

Grafik: Produktionsstandorte für Antibiotika-wirkstoff
Penicillin-Wirkstoff wird nur an 6 Orten weltweit produziert

Wie abhängig unsere Medikamentenversorgung vom Ausland ist, zeigt das Beispiel Antibiotika: Bereits über 80 Prozent der Wirkstoffe kommen aus Staaten, die nicht in der EU sind, meist aus Asien. Und es gibt auch immer weniger Hersteller für einzelne Wirkstoffe, so wie beim Antibiotikum Piperacillin: Wie alle Penizilline basiert es auf dem Grundmolekül 6-APA und das wird weltweit überhaupt nur noch an sechs Orten hergestellt, vier davon liegen in China. Dort ist die Produktion deutlich günstiger.

Gesundheitswissenschaftler Prof. Gerd Glaeske meint dazu: "Es ist natürlich eine Situation, die über die Jahre jetzt entstanden ist, dass möglichst niedrige Preise im Markt eben verlangt werden und dass auch die Kassen hier über Rabattverträge auch die Preise sehr gedämpft haben. Man kann jetzt sozusagen diese Entwicklung nicht frei davon sprechen, dass damit auch die Lieferprobleme zusammen hängen könnten. Das heißt, die Hersteller wurden mehr und mehr gezwungen, besonders preisgünstig zu produzieren, und was liegt da näher, als in Länder zu gehen, die ein relativ niedriges Lohnniveau haben."

Druck auf Hersteller gefordert

Schon lange fordern Ärzte und Experten die Bundesregierung zum Handeln auf. Ihre Hoffnung war das vor wenigen Wochen verabschiedete Arzneimittelgesetz. Jetzt müssen die Hersteller die Krankenhäuser immerhin rechtzeitig über Engpässe informieren. Mehr aber auch nicht.

Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Chefarzt und Vorsitzender Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft erläutert: "Wir fordern seit einigen Jahren, dass im Arzneimittelgesetz in einem Paragrafen eindeutig festgehalten wird, dass der Hersteller seine Produkte auch liefern muss und wenn er das nicht kann, die Länderbehörden die Möglichkeit haben, einzugreifen und gegebenenfalls auch Sanktionen auszusprechen."

Pharmafirmen, die ihre Medikamente nicht liefern, haben weiterhin nichts zu befürchten. Warum greift das Bundesgesundheitsministerium hier nicht ein? Eine Antwort darauf erhalten wir trotz Anfrage nicht. Allgemein heißt es lediglich: "Die freiwilligen Melderegister für Lieferengpässe [...] funktionieren bereits gut."

Die betroffenen Ärzte sehen das anders. Prof. Gerd Fätkenheuer beklagt: "Wir sind als Ärzte und auch in Zusammenarbeit mit den Apothekern da schon frustriert, weil die Diskussion schon sehr lange geht und wir nicht das Gefühl haben, dass da irgendwas voran geht. Weil dadurch große Probleme entstehen, die letztendlich sich für die Patienten auswirken und das ist natürlich für uns Ärzte auch frustrierend und ärgerlich."

So werden Patienten wie Marcus V. weiterhin unter den Folgen der Lieferengpässe leiden müssen. Sein Medikament ist bis heute betroffen.

Stand: 30.03.2017 17:03 Uhr