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Manipulation: Wie saubere Autos zu Drecksschleudern werden

Manipulation: Wie saubere Autos zu Drecksschleudern werden  | Video verfügbar bis 29.11.2018

– Bei schätzungsweise über vier Millionen Autos in Deutschland sind die Abgaseinrichtungen manipuliert, der Einfluss auf die Luftqualität ist immens.
– Diverse Manipulationshelfer sind im Netz billig und leicht zu erwerben.
– Kontrollsysteme des TÜV versagen bislang, weil kein Gesetz vorgibt entsprechende Werte zu prüfen.
– Auch die Strafen für Manipulationen sind vergleichsweise geringe Bußgelder.

autobahn
Viele Fahrzeughalter manipulieren ihr Auto, um mehr Gas geben zu können.

Nach dem Berliner Diesel-Gipfel ist klar: Fahrverbote in deutschen Innenstädten sind längst nicht vom Tisch. Und am 7. Dezember will die EU-Kommission eine Klage gegen Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof beschließen. Der Grund: die schlechte Luftqualität in vielen deutschen Städten und Regionen. Bei einer Verurteilung drohen hohe Strafzahlungen.

Doch gibt es keine Chance, die Luftqualität zu verbessern, außer durch Fahrverbote? Doch, die gibt es! Denn wahrscheinlich würde es schon genügen, wenn alle Fahrzeuge die bestehenden gesetzlichen Vorschriften einhalten würden.

Erschreckend viele Autos haben eine illegale Abgasmanipulation installiert.
Erschreckend viele Autos haben eine illegale Abgasmanipulation installiert.

Morgens auf der A1 bei Osnabrück. Eine Kontrolleinheit des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG) lotst einen LKW auf den Parkplatz. Was der Fahrer nicht ahnt: Diesmal geht es nicht wie sonst um die Einhaltung von Ruhezeiten oder die Maut. Kontrolleur Michael Dransmann hat etwas ganz anderes vor: Er ist auf der Suche nach illegalen Manipulationen von Abgaseinrichtungen. Der LKW kommt ihm bald schon verdächtig vor: "Hier können wir schon mal davon ausgehen, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Denn die 20-Ampere-Sicherung für die Abgasanlage ist defekt. Entweder er hat etwas eingebaut oder es ist nur ein technischer Defekt. Der Sache gehen wir jetzt auf den Grund."

Dreckschleudern statt Saubermänner

Wenige Minuten später wird der Experte fündig. Er hat einen sogenannten Adblue-Emulator entdeckt – ein illegales Gerät, mit dem man die Abgas-Reinigung ganz einfach abschalten kann. Das spart dem Spediteur viel Geld. Denn er muss nicht zusätzlich zum Kraftstoff die teure sogenannte Adblue-Flüssigkeit tanken, die moderne LKW zur Abgasreinigung brauchen. Doch diese Adblue-Emulatoren, harmlos aussehende kleine Kästchen, machen aus eigentlich hochmodernen, schadstoffarmen Fahrzeugen regelrechte Dreckschleudern, wie Kontrolleur Michael Dransmann berichtet: "Der haut wirklich Partikel raus ohne Ende. Die ganzen Stickoxide, die normalerweise durch das Adblue gemindert würden, gehen so ins Freie."

Betrugs-Software für ein paar Euro

Besonders krass: Im Internet werden diese Adblue-Emulatoren ganz offen gehandelt. Bei Ebay zum Beispiel gibt es sie bereits für rund 20 Euro. Inklusive Einbau-Anleitung, passend für den jeweiligen LKW: von Unrechtsbewusstsein keine Spur. Die Händler haben offensichtlich keinerlei Angst, belangt zu werden. Und dass Spediteure und Fahrer erwischt werden, ist auch relativ unwahrscheinlich. Die Kontrollen wurden erst in diesem Jahr eingeführt – und noch gibt es dafür nur wenige Experten bei Polizei und Bundesamt für Güterverkehr. Doch es kommt noch schlimmer. Denn nicht nur bei LKW wird getrickst. Auch bei den PKW gibt es inzwischen massenhaft Manipulationen.

Millionen Fahrzeuge betroffen

Joachim Bühler vom Verband der Technischen Überwachungsvereine in Berlin nennt auf Anfrage von "Plusminus" eine alarmierende Zahl: "Wir gehen davon aus, dass zwischen fünf und zehn Prozent der PKW in Deutschland defekte oder manipulierte Abgasanlagen haben. Und das bedeutet bei einem Fahrzeug-Bestand von 45 Millionen PKW, dass bis zu viereinhalb Millionen Fahrzeuge betroffen sein könnten."

Viele Autos sind manipuliert und sorgen für Feinstaubbelastung.
Viele Autos sind manipuliert und sorgen für Feinstaubbelastung.

Im Klartext: Manipulationen an Abgaseinrichtungen sind regelrecht zum Volkssport geworden. Das bestätigt auch der Motoren-Experte Ralph Pütz, Professor an der Hochschule Landshut. Besonders beliebt bei Fahrzeughaltern, so erzählt er, sind Manipulationen an der sogenannten Abgas-Rückführung, kurz AGR. Diese sorgt eigentlich dafür, dass ein Teil des Abgases kontrolliert wieder in den Motor zurückgeleitet wird. So sinken die Stickoxid-Werte deutlich. Allerdings steigt der Spritverbrauch etwas. Grund genug für viele, die AGR stillzulegen.

Doch die Folgen sind gravierend, so Ralph Pütz: "Durch die Stilllegung der Abgasrückführung steigen die Stickoxid-Emissionen mindestens um das Fünf- bis Zehnfache." Damit tragen die manipulierten PKW erheblich zur Schadstoffbelastung in den Städten bei. Kein Wunder, dass trotz vielfältiger politischer Bemühungen die Stickoxid-Werte nicht sinken.

Manipulationen zum Schnäppchenpreis

Die Abgasrückführung lässt sich ganz leicht abschalten. "AGR-off" liefert tausende Suchergebnisse bei Google.
Die Abgasrückführung lässt sich ganz leicht abschalten. "AGR-off" liefert tausende Suchergebnisse bei Google.

Im Internet wird für die Manipulationen sogar ganz offensiv geworben. Gibt man zum Beispiel bei der Suche "AGR Off" ein, also die Abschaltung der Abgasrückführung, bekommt man mehrere Millionen Treffer. Überall in Deutschland bieten Firmen an, die Abgasrückführung abzuschalten – ganz einfach, indem sie die Software des Motorsteuergerätes umprogrammieren. Die Kosten für die Manipulation: oft weniger als 200 Euro. Und einige Manipulierer sagen sogar ganz offen, dass man mit dieser illegalen Veränderung nicht erwischt werden kann: "Nee, da passiert überhaupt nichts. Das kann die Polizei gar nicht feststellen. Und der TÜV auch nicht. Da passiert nichts", so ein Anbieter der Schummel-Software.

Original-Ersatzteil für die Umweltverschmutzung

Wer bei der Manipulation noch weiter gehen will, baut zusätzlich noch eine sogenannte Blinddichtung ein. Dann ist die Abgas-Rückführung garantiert dicht. Wir finden sie sogar als Original-Ersatzteil bei Autoherstellern. Bei Volkswagen zum Beispiel kostet so ein Teil gerade mal 3,35 Euro. Mit Teilenummer und VW-Logo!

Prof. Ralph Pütz von der Hochschule Landshut
Prof. Ralph Pütz von der Hochschule Landshut

Prof. Ralph Pütz von der Hochschule Landshut erklärt, warum es solche Teile gibt: "Das ist sicherlich für Industriemotoren entwickelt worden. Kein Mittel zur Täuschung oder Fälschung. Aber es ist natürlich naheliegend, dass Bastler und Leute, die sich mit der Technik auskennen, dieses System missverwenden und als Stilllegungsblende beim Abgasrückführventil einsetzen." Doch wird so etwas wirklich häufig genutzt?

Wir fahren nach Regensburg. Bei der Firma Turboperformance, einem der größeren Auto-Tuner, bekommen wir Antworten. Hier werden zwar keine derartigen Manipulationen angeboten, doch trotzdem muss sich Geschäftsführer Andreas Hauzenberger oft mit dem Thema beschäftigen: "Also wir haben täglich mehrmals, also drei- oder viermal, Anfragen nach so einer Modifikation. Das ist eigentlich schwer illegal, so etwas anzubieten. Das ist in Deutschland verboten. Wer so etwas gewerblich betreibt, macht sich sicherlich auch strafbar. Das lesen wir auch oft in diversen Internetforen. Also das ist mittlerweile gängige Praxis bei uns in Deutschland."

Rückschritt in die Auto-Steinzeit

Doch damit nicht genug: Viele PKW-Besitzer schalten auch noch den Dieselpartikelfilter ab. Dabei sind diese Filter hocheffizient: Gut 99 Prozent der gesundheitsgefährdenden Partikel werden durch sie eliminiert. Werden sie abgeschaltet, hat das katstrophale Folgen, wie Prof. Ralph Pütz beschreibt: "Man muss das auf die Millionen PKW hochrechnen, die manipuliert sind. Da kommen schon einige Tonnen zusammen. Und dann ist es auch sicherlich nicht verwunderlich, dass hier auch ein zusätzlicher Faktor ins Spiel kommt, der die Luftreinhaltung in den Städten gefährdet."

Unnötige Feinstaubbelastung

Fahrzeugmanipulation
Axel Friedrich, Schadstoff Experte

Wie verbreitet diese illegale Umgehung des Diesel-Partikelfilters ist, wollen wir selbst ausprobieren. Am Berliner Hauptbahnhof treffen wir den Schadstoff-Experten Axel Friedrich, der jahrelang beim Umweltbundesamt gearbeitet hat. Er hat ein mobiles Messgerät dabei, mit dem er den Partikelausstoß vorbeifahrender Autos misst. Für die Umwelthilfe hat er über Monate ausführliche Messungen bei Taxis durchgeführt.

Viele Taxis sind manipuliert, denn das spart Kosten.
Viele Taxis sind manipuliert, denn das spart Kosten.

Wir machen selbst eine Stichprobe. Während bei sauberen Fahrzeugen sich die Partikelanzahl in der Luft kaum verändert, steigt der Wert bei manipulierten Fahrzeugen deutlich an. Selbst in einer Entfernung von gut drei Metern verzehnfacht sich die Anzahl der Partikel in der Luft noch. Dass bei Taxis gerne der Partikelfilter ausgebaut wird, hat einen einfachen Grund: Gerade im Stadtverkehr ist der Filter schnell zugesetzt und muss häufig ausgetauscht werden. Das kostet weit über 1.000 Euro. Und dieses Geld wollen sich viele sparen. Das erschreckende Ergebnis unserer Stichprobe: von 30 Taxis waren 4 auffällig.

Auch eine sogannente Blinddichtung wird oft eingesetzt.
Auch eine sogannente Blinddichtung wird oft eingesetzt.

Das entspricht auch den Ergebnissen der Messungen, die Axel Friedrich in anderen deutschen Großstädten vorgenommen hat. Im Schnitt, so sein Fazit, werden bei jedem zehnten Auto die Abgasvorschriften nicht eingehalten. Das ärgert den Umweltexperten: "Ich finde das unglaublich, dass hier Filter ausgebaut werden. Und ich finde es auch unglaublich, dass die Behörden nicht reagieren und dies überprüfen. Das ist ein Skandal. Es kann nicht sein, dass wir Geld ausgeben, um die Abgasemissionen auf ein Niveau zu senken, dass es uns gesundheitsmäßig nicht mehr schädigt. Und gleichzeitig kommen dann Leute und bauen die Filter aus. Und niemand kontrolliert das!"

Machtloser TÜV?

Kontrolle also: Fehlanzeige! Nicht einmal bei der TÜV-Hauptuntersuchung werden solche Manipulationen entdeckt, erzählt Prof. Ralph Pütz: "Die Prüfung beim TÜV sieht ja heute derart aus, dass ich an die zentrale Diagnoseschnittstelle gehe, und das Fahrzeug Fehler selber identifiziert. Das ist so, als würde ich meinen Studenten die Klausuren austeilen und diese sich selber bewerten. Das ist natürlich nicht zielführend. Zielführend hingegen ist in jedem Fall, eine Messung im Realbetrieb durchzuführen."

Zwar ist ab dem 1. Januar wieder – wie früher – die sogenannte Endrohrprüfung Pflicht. Aber die misst weder Partikel noch Stickoxide. Und auch die Motor-Software wird weiterhin überhaupt nicht auf Manipulationen geprüft. Ein Skandal. Joachim Bühler vom Verband der TÜV drängt darauf, dass sich da schnell etwas ändert: "Wir als TÜV prüfen die gesetzlich vorgeschriebenen Prüfkriterien, und das bedeutet, die Politik muss die Vorgaben setzen. Wir sind technisch in der Lage, jede Art von Prüfung durchzuführen und werden das auch tun, aber dazu brauchen wir die gesetzlichen Rahmenbedingungen, aber die stehen zum Beispiel im Fall der Softwareprüfungen von Seiten der Bundesregierung bisher aus."

Großer Schaden – wenig Strafe

Kontrollen versagen bei dem Thema Abgasmanipulation.
Kontrollen versagen bei dem Thema Abgasmanipulation. Wer erwischt wird, zahlt nicht viel.

Zurück zur LKW-Kontrolle bei Osnabrück. Michael Dransmann vom Bundesamt für Güterverkehr hat dem Fahrer ausgerechnet, was er als Bußgeld zahlen muss: 779 Euro – relativ gering, wenn man bedenkt, dass Spediteure durch Manipulationen mehrere Tausend Euro pro LKW im Jahr sparen. Ginge es nach dem BAG-Kontrolleur, würden die Bußgelder höher ausfallen: "Das ist schon sehr, sehr wenig, wenn man andere Länder sieht. Ich habe da Erfahrungen gemacht in einem Austausch mit Kollegen aus der Schweiz und Dänemark. In Dänemark liegen die Strafen zum Beispiel bei 3000 Euro und in der Schweiz nehmen die um die 6000 Euro für so ein Vergehen. Das ist hier ein bisschen wenig – alles in allem."

Rechtlich gesehen sind die Manipulationen nicht nur eine kleine Ordnungswidrigkeit. Darauf weist der Verwaltungsrechtler Prof. Ernst Fricke hin. Denn wer mit einem veränderten Fahrzeug unterwegs ist, fährt ohne Allgemeine Betriebserlaubnis. Damit erlischt auch der Versicherungsschutz. Und dazu kommt auch noch ein Steuervergehen, da Autos mit höheren Emissionen stärker besteuert werden. Allerdings: In der Praxis wird kaum kontrolliert – und damit werden auch die Straftatbestände kaum geahndet. Nach dem Motto: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Das Fazit nach den Plusminus-Recherchen: Egal ob beim LKW oder PKW – die Bußgelder sind zu gering, die Kontrollen zu wenig. Und die Fahrzeug-Manipulierer haben in Deutschland leichtes Spiel. So lange sich das nicht ändert, braucht sich keiner über die häufigen Überschreitungen der Schadstoffgrenzen in den Städten wundern. Und auch nicht über Fahrverbote.

Bericht: Martina Schuster/Johannes Thürmer
Stand: Ende November 2017

Stand: 30.11.2017 09:05 Uhr