SENDETERMIN Mi, 10.01.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Die Bahn kommt – irgendwann

Die Bahn kommt - irgendwann | Video verfügbar bis 10.01.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

– Die Bahn bekommt Probleme mit Pünktlichkeit und Service nicht in den Griff.
– Wesentliche Ursachen sind Mängel in der Technik, der Infrastruktur und der Abstimmung.
– Das wirkt sich auch auf den Nahverkehr aus.
– Obwohl die Deutsche Bahn viele Probleme angeht, ist kurzfristig keine Verbesserung zu erwarten.

Mehr als 30 Millionen Deutsche fahren regelmäßig Zug. Vor einem Monat hat die Bahn die Schnellverbindung Berlin-München eröffnet und dabei den Fahrplan deutschlandweit massiv verändert. Fragt sich nur: Hat es geholfen – ist die Bahn durch die neue Strecke pünktlicher geworden?

der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel
Der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel führt über seine Bahnfahrten Buch.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Wenn der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel in die Bahn steigt, hat er immer seine Kladde dabei. Ungefähr einmal pro Woche fährt er von Stuttgart nach Berlin und zurück. Was er dabei erlebt, hält er in einem Tagebuch fest. Sein Resümee zum vergangenen Jahr: "Gerade im Jahr 2017 haben sich auch besonders extrem bei der Pünktlichkeit Schwächen gezeigt. Die Pünktlichkeitswerte sind deutlich abgesunken."

Dabei sollte 2017 alles besser werden. Im Dezember eröffnete die Bahn ihre neue Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Berlin und München. Mit deren Inbetriebnahme gab es auch die größte Fahrplanumstellung seit Bestehen des Unternehmens. Doch die verlief alles andere als reibungslos. Mehrfach blieben auf der zehn Milliarden Euro teuren Strecke Züge liegen, tagelang kam es zu dramatischen Verspätungen.

Da stellt sich die Frage: Warum bekommt die Bahn ihre Probleme nicht in den Griff

Problem 1: Unzuverlässige Fahrzeuge

Ein ICE überquert auf der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke die Geratalbrücke bei Erfurt.
Die Inbetriebnahme der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke verlief alles andere als störungsfrei.  | Bild: Imago

"Plusminus" liegt ein internes "Betriebsanlaufprotokoll" vor, das die Bahn jeden Morgen erstellt. Darin werden seitenweise Zugausfälle, "Komfortmängel" und fehlende Wagen aufgeführt. Laut Bahn sind 99 Prozent der ICEs zu Betriebsbeginn fahrtauglich. Trotzdem werden oft alte Fahrzeuge eingesetzt. Und die Industrie liefert keine neuen, wie der Verkehrswissenschaftler Prof. Markus Hecht vom Institut für Land- und Seeverkehr an der TU Berlin weiß: "Bei einzelnen großen Firmen sind heute leider mehrjährige Lieferverzögerungen üblich – und das nicht nur bei sehr komplexen Fahrzeugen, sondern auch bei relativ einfachen Fahrzeugen."

Eine mögliche Lösung für dieses Problem ist derzeit allerdings nicht zu erkennen.

Problem 2: Zu wenig Schienen

Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn
Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert die Entwicklung der Bahn. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Bisher war die Hauptstadt über Niedersachsen mit Frankfurt und über das Saaletal mit München verbunden. Die neue Strecke über Erfurt entlastet zwar den Verkehr in der Nord-Süd-Richtung. Doch auf anderen Strecken ändert sich wenig, zum Beispiel zwischen Nürnberg und Frankfurt. Der Frankfurter Hauptbahnhof ist völlig überlastet und die Strecke nach Nürnberg gleicht einem Nadelöhr. In Hamburg und Köln sieht es genauso aus. Die Bahn selbst spricht von einem über Jahrzehnte gewachsenen deutschlandweiten Investitionsstau. Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert diese Entwicklung: "Wir haben auch eine übertriebene Rationalisierung im Netz gehabt. Das heißt, man hat Weichen und Überholgleise ausgebaut und kann im Verspätungsfall nicht mehr ausweichen."

Wie es woanders läuft

spanische AVE-Hochgeschwindigkeitszüge im Bahnhof von Saragossa
Spanische AVE-Züge fahren auf einer Extraspur.  | Bild: Imago

Dieses Problem haben die Spanier nicht: Hier fährt der Hochgeschwindigkeitszug AVE auf eigenen Schienen – getrennt vom Güter- und Regionalverkehr. Der Zug ist beliebt und pünktlich: Wer von Madrid nach Sevilla fährt, bekommt sogar schon ab fünf Minuten Verspätung den kompletten Fahrpreis zurück.

japanischer Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszug
Beim japanischen Shinkansen kommt es auf viertelminutengenaue Püktlichkeit an. | Bild: Imago

Auch in Japan fahren Fernzüge auf eigenen Gleisen, getrennt vom Nahverkehr. Der ist zwar notorisch überlastet. Oft pressen Bahn-Mitarbeiter die Fahrgäste gnadenlos in überfüllte Züge. Der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen hingegen ist ein großer Erfolg. Er gilt als pünktlichster Zug der Welt. Hier ticken die Uhren völlig anders als bei der Deutschen Bahn, wie Verkehrswissenschaftler Prof. Markus Hecht erklärt: "Ein ganz großer Unterschied ist, dass die Minute für die Abfahrtszeit auch noch in vier Teile geteilt wird. Also die japanischen Züge fahren auf 15 Sekunden genau ab und sollten auf 15 Sekunden genau ankommen.

französischer TGV-Hochgeschwindigkeitszug im Bahnhof Karlsruhe
Auch der französische TGV ist schnell und zuverlässig.  | Bild: Imago

Auf den TGV sind viele Franzosen stolz, und zwar zu recht. Im Test fährt er mehr als 570 Kilometer pro Stunde. Auch im täglichen Einsatz ist der TGV schnell und zuverlässig. Zum Teil benutzt er zwar bestehende Strecken mit, doch es gibt von Paris aus eigene Hochgeschwindigkeitsstrecken in alle Landesteile. In Deutschland sind Strecken für mehr als 250 Kilometer pro Stunde dagegen nur in Bruchstücken vorhanden.

ein russischer Sapsan-Hochgeschwindigkeitszug im Bahnhof von St. Petersburg
Russische Sapsan-Hochgeschwindigkeitszüge benutzen die gleichen Schienen wie andere Züge und sind trotzdem pünktlich.  | Bild: Imago

Doch es geht auch ohne eigenes Hochgeschwindigkeits-Netz, wie Russland zeigt. Der Sapsan – zu Deutsch Wanderfalke – fährt hier auf den gleichen Strecken wie Regional- und Güterzüge, oft mitten durch Dörfer und Städte. Trotzdem ist er zu 99 Prozent pünktlich.

Pünktlich sein muss nicht automatisch zu einem hohen Preis führen: Eine Fahrt über 450 Kilometer kostet in Frankreich etwa 97, in Deutschland 79, in Japan 62, in Russland 53 und in Spanien 36 Euro.

Problem 3: Veraltete Signaltechnik

ETCS-Sensoren an einem Gleis
Diese Sensoren sollen die veraltete Signaltechnik ablösen.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Fast überall wird nach Signalen gefahren, doch die Signaltechnik der Deutschen Bahn ist veraltet. Dass es auch anders geht, zeigt die Neubaustrecke Berlin–München. Sie ist die erste längere Trasse, auf der die Züge per ETCS fahren, dem Europäischen Zugleitsystem. Anstelle von Signalen gibt es Sensoren im Gleis. Diese Technik macht es möglich, dass mehr Züge auf die Trasse kommen und sich Zuverlässigkeit und Sicherheit verbessern.

Bahn-Experte Prof. Markus Hecht sieht darin Zukunftspotenzial: "Wir sehen heute, dass dieses Signalsystem relativ teuer ist, aber es geht kein Weg mehr zurück. Wenn der Verkehr deutlich wächst, ist das ertragbar, weil das neue Signalsystem auch mehr Kapazität ermöglicht."

Das sieht auch die Bahn so: In den nächsten Jahren will sie weitere Strecken mit der neuen Sicherheitstechnik ausstatten.

Problem 4: Schlechtes Timing

der Verkehrswissenschaftler Prof. Markus Hecht
Verkehrswissenschaftler Prof. Markus Hecht weiß, wie die Züge in anderen Ländern fahren.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Die schlecht funktionierende Abstimmung zwischen Fern- und Nahverkehr ist vielleicht das gravierendste Problem. Durch die Unpünktlichkeit im Fernverkehr werden auch Regionalzüge immer wieder ausgebremst. Dabei investieren alle Bundesländer, die für den Nahverkehr zuständig sind, viel Geld, damit ihre Züge pünktlich fahren. Doch solange die Fernzüge den Fahrplan nicht einhalten, wird es auch im Regionalverkehr zu Unpünktlichkeiten kommen.

Doch auch das geht besser, wie ein Blick nach Österreich und in die Schweiz zeigt. Bei unseren Alpennachbarn sind die Bahnen nämlich pünktlicher als in Deutschland, obwohl ihre Strecken dichter befahren werden. Präzise wie ein Uhrwerk werden die Züge ineinander getaktet. Prof. Markus Hecht weiß, warum dort Pünktlichkeit alles ist: "Es funktioniert in der Schweiz, weil die Zuverlässigkeit der Systeme wesentlich größer ist. Also es wird wesentlich sorgfältiger in die Instandhaltung geschaut."

Johann Niggl,  Geschäftsführer der Bayerischen Eisenbahngesellschaft
Johann Niggl, der Geschäftsführer der Bayerischen Eisenbahngesellschaft, befürchtet weitere Verschlechterungen. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Das scheint auch die Deutsche Bahn inzwischen zu verstehen. Die lange vernachlässigte Infrastruktur wird verstärkt aufgemöbelt. 112 Milliarden Euro will die Bundesregierung investieren. Langfristig ist das gut, kurzfristig eher nicht, befürchtet Johann Niggl, der Geschäftsführer der Bayerischen Eisenbahngesellschaft: "Vor dem Hintergrund, dass wir für viele Jahre verstärkte Bauarbeiten im gesamten Netz haben werden, gehen wir davon aus, dass die Pünktlichkeit grundsätzlich nicht spürbar steigen wird. Wir müssen froh sein, wenn wir uns auf dem derzeitigen Niveau halten können."

Wie es weitergeht

In den nächsten Jahren könnte also alles noch schlimmer werden. Vielleicht sollte der Bund als Eigentümer der Bahn stärker Einfluss nehmen. Das jedenfalls meint der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Bündnis 90/Die Grünen):

"Wenn der Bund in punkto Pünktlichkeit und in punkto Service keine konkreten Erwartungen an sein eigenes Unternehmen formuliert, dann wird es halt auch nicht richtig gut. Verkehrswissenschaftler Hecht von der TU Berlin hat sogar einen ganz radikalen Vorschlag für den Staatskonzern: "Zerschlagung der DB zum einen und die Infrastruktur müsste eine staatliche Stelle sein mit Gewinnverbot."

Welche Entscheidungen auch für die Zukunft getroffen werden: Die Aussichten für die Fahrgäste sind nicht rosig. Viel mehr Pünktlichkeit wird es kurzfristig wohl nicht geben. Bis sich das bessert, wird nach Ansicht Karl-Peter Naumanns vom Fahrgastverband Pro Bahn noch viel Zeit vergehen: "Wir brauchen mindestens bis 2030, 2035, um unser Netz wieder so in Schuss zu kriegen, dass es wirklich gut ist.

Die Bahn teilte übrigens auf Anfrage mit, man ärgere sich über die mangelnde Pünktlichkeit und kämpfe um Verbesserungen. Für verspätungsgeplagte Fahrgäste ist das wohl eher ein schwacher Trost

Autoren: Matthias Weidner, Deborah Zocher, Clemens Schmidt

Stand: 11.01.2018 08:50 Uhr