SENDETERMIN Mi, 03.05.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Biofleisch – wirklich weniger Tierqual?

Biofleisch – wirklich weniger Tierqual? | Video verfügbar bis 03.05.2018

- Tierschützer beklagen Tierquälerei in anerkannten Bio-Ställen und Verbrauchertäuschung bei Bio-Fleisch
- Forscher stellen fest, dass Bio-Tiere oft gar nicht gesünder sind als konventionell gehaltene Tiere
- Experten schätzen, dass jedes achte Schwein und fast jedes zehnte Rind beim Schlachten nicht richtig betäubt ist
- Massenbetriebe gefährden verantwortungsbewusste Bio-Bauern

Schon vor mehr als 30 Jahren, als man dafür noch verlacht wurde, hat Ernst Hermann Maier seinen Betrieb auf Biofleisch umgestellt. Für Tochter Annette, studierte Agrarwissenschaftlerin, kommt auch heute nichts anderes in Frage: "Das System ist in eine Richtung gegangen, dass man industrielle Abläufe kopiert hat. Und da sieht man eigentlich das Tier als Mitgeschöpf, als Lebewesen nicht mehr. Und deshalb: Ich könnte Tiere so nicht halten."

Eine Kuh läuft vor einer Wiese
Was gehört alles dazu, dass eine Kuh eine glückliche Kuh ist?

Maiers Tiere dürfen sich das ganze Jahr über frei auf dem gesamten Gelände bewegen, Kälber werden nicht von den Müttern getrennt, alle leben gemeinsam in der Herde auf der Schwäbischen Alb. Annette Maier: "Es ist einfach spannend zu sehen, dass die Kühe ein ähnliches Verhalten zeigen wie Wildrinder. Das können Rinder in einer normalen Nutztierhaltung eben nicht."

Unzählige Bio-Siegel mit wenig Aussagekraft

Aktuell macht der Anteil von biologisch erzeugtem Fleisch je nach Tierart nur zwei bis vier Prozent aus. Da ist noch Luft nach oben. Den Besuchern der Messe Slow Food in Stuttgart ist es vor allem wichtig, dass es den Tieren gut geht.

Mit unzähligen Siegeln hat sich die Bio-Branche neue, zahlungskräftige Kunden erschlossen. Doch die Anforderungen der einzelnen Siegel an die Haltung der Tiere sind höchst unterschiedlich. Ausgerechnet das am weitesten verbreitete EU-Bio-Siegel hat die lockersten Vorschriften für die Haltung im Stall.

Tierquälerei in zugelassenen Bio-Ställen

Und so gibt es neben guten und verantwortungsvollen Bio-Bauern auch Trittbrettfahrer, die die geringen Mindestanforderungen gerade so erfüllen und denen das Tierwohl schnuppe ist. Die Tierschutz-Organisation ARIWA hat Bilder gedreht, die uns den Atem verschlagen – in offiziell zugelassenen Bio-Ställen.

Schweine in einer Box
Häufig unterscheidet sich konventionelle nicht von Bio-Haltung.

In der Schweinehaltung sieht es oft auch nicht besser aus: Sauen, werden in Kastenstände eingezwängt. Damit soll verhindert werden, dass sie ihre Ferkel erdrücken. Das ist auch bei Bio erlaubt! Dass solche Betriebe unter Umständen ein Bio-Siegel bekommen können ist für Tierschützer eine glatte Verbrauchertäuschung. Zwar haben alle Bio-Tiere Zugang nach draußen, doch selbst die Ämter verlangen, dass ihre Lebensbedingungen weiter verbessert werden müssen.

Bio bedeutet keine 100-prozentig artgerechte Tierhaltung

Dr. Hans-Friedrich Willimzik, Landesbeauftragter für Tierschutz des Saarlandes: "Bio heißt ja nicht, dass wir 100 Prozent artgerechte Tierhaltung haben. Wenn ich von vornherein das ganze System so auf Leistung und auf Gewinnoptimierung ausgerichtet habe, dass die tierquälerischen Situationen zum Himmel schreien, dann reicht es einfach nicht aus, wenn ich der Sau statt einem Quadratmeter 1,2 oder 1,3 Quadratmeter gebe."

An der Uni Kassel haben die Forscher herausgefunden, dass Bio-Tiere oft gar nicht gesünder sind als konventionell gehaltene. Das habe mit dem Preisdruck zu tun, der auch in der Biobranche herrscht. Gute Tierhalter bekommen ihr Fleisch zu schlecht bezahlt.

Prof. Albert Sundrum, Universität Kassel: "Wenn wirklich etwas verbessert werden soll, muss jeder einzelne Landwirt einen Anreiz haben, die Gesundheit seiner Tiere zu verbessern, das heißt deutlich weniger Erkrankungen in seinem Bestand zu haben, zum Beispiel Eutererkrankungen oder Lahmheiten. Wenn die weniger im Betrieb auftreten, dann müsste der Landwirt dadurch einen Vorteil haben. Es muss sich für ihn rentieren, seine Tiere so zu halten."

Der qualvolle "Bio"-Weg von der Weide bis zum Kunden

Kühe bei einem Viehtransport
Auch "Bio"-Kühen werden lange Transportwege zugemutet.

Ein weiterer Knackpunkt: Die Transporte zum Schlachthof. Einige Siegel haben sehr strenge Vorschriften, aber gerade das EU-Öko-Siegel lässt bis zu acht Stunden Fahrt zu, genau wie bei konventionellen Betrieben. Auch Bio-Tiere müssen sterben, wenn wir sie essen wollen. Die Organisation Soko Tierschutz hat über Monate verdeckt in einem Schlachthof gedreht, der auch Bio-Tiere verarbeitet. Laut Gesetz müssen alle durch Elektroschock betäubt sein, bevor der Schlachter ihnen die Kehle durchschneidet. Doch etliche Schweine erleben ihre Tötung bei vollem Bewusstsein.

Maria Martens, Soko Tierschutz: "Manchmal gibt es Reaktionen von den Nerven, das sind dann so leichte Zuckungen. Da kann man sagen, das hat nichts mit der Betäubung zu tun. Die Tiere können trotzdem optimal betäubt sein. Aber wenn es diese starken, wirklich krampfenden Bewegungen sind, dann ist das ein starker Hinweis darauf, dass etwas schief gegangen ist."

Sanfter Tod bleibt meistens eine Illusion

Experten schätzen, dass jedes achte Schwein beim Schlachten nicht richtig betäubt ist und fast jedes zehnte Rind. Bio-Tiere sterben oft in denselben Schlachthöfen wie die konventionell gehaltenen Artgenossen. Der Traum vom sanften Tod: leider oft eine Illusion.

Maria Martens, Soko Tierschutz: "Es sind die gleichen Abläufe. Und es ist genauso Fließbandarbeit, die Tiere werden genauso getötet. Es gibt keine anderen Tötungsmethoden. Es soll ein bisschen schneller gehen, aber da sehen wir, es funktioniert einfach nicht."

In solchen Schlachthöfen sind auch Bio-Tiere mitunter erheblichem Stress, Misshandlungen und Schmerzen ausgesetzt. Ein Problem, das den Käufern von Bio-Fleisch oft gar nicht bewusst ist.

Dr. Hans-Friedrich Willimzik, Landesbeauftragter für Tierschutz des Saarlandes: "Je mehr ich im Akkord arbeite und denke, desto weniger interessieren mich andere Faktoren. Und der erste Faktor, der auf der Strecke bleibt, ist der Tierschutz."

Massenbetriebe gefährden verantwortungsbewusste Bio-Bauern

Auf dem Hof der Maiers haben es die Tiere auch beim Sterben besser als andere. Der Bio-Pionier betäubt und tötet sie direkt auf der Weide. Sie haben gar keine Zeit, Angst zu bekommen. 13 Jahre lang musste er für diese humane Methode vor Gericht streiten. Ernst Hermann Maier: "Wir beamen das Tier direkt in den Kuhhimmel. Direkt, ohne Umwege. Es ist einfach weg."

Klar ist: Bio-Tieren geht es besser als konventionell gehaltenen. Und viele Öko-Betriebe leisten tolle Arbeit. Doch durch diffuse Mindestanforderungen drängen sich immer mehr Massenbetriebe in die Biobranche, die die Existenz der verantwortungsvollen Bauern gefährden. Experten fordern: Die Messlatte für Bio muss höher werden.

Prof. Albert Sundrum, Universität Kassel: "Wichtig ist, dass Qualitäten klar definiert werden, dass es eine Instanz gibt, die dafür Sorge trägt und hinreichend glaubwürdig ist. Kontrollen müssen deutlich ausgeweitet werden, sodass sich die Primärerzeuger, sprich die Landwirte, neu ausrichten können."

Für die Kunden bleibt nur die Möglichkeit, sich noch genauer zu informieren, wo ihr Bio-Fleisch herkommt. Und wie die Tiere dort tatsächlich leben und sterben. Oder direkt beim Bauern einzukaufen, wo man sein Steak vorher noch persönlich kennenlernen kann.

Ein Beitrag von Sigrid Born und Nicole Würth

Weiterführende Links

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft – Biologischer Landbau

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft – Bio-Siegel

Vergleich EU-Bio/Öko – Bioland

Vergleich EU-Bio/Öko – Demeter

Vergleich EU-Bio/Öko – Naturland

Stand: 04.05.2017 12:08 Uhr