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Echtpelz statt Kunstpelz – Das skrupellose Geschäft

PlayKunstpelz oder echter Pelz?
Echtpelz statt Kunstpelz - Das skrupellose Geschäft | Video verfügbar bis 23.02.2017

Mützen mit Fellbommel, Jacken mit Pelzkragen: Kleidung mit Pelz ist derzeit gefragt wie noch nie. Viele Kunden wissen jedoch nicht, dass es sich dabei um echtes Fell handelt. Hersteller und Händler verschleiern die Verarbeitung von Echtpelz mit immer neuen Tricks. Der Grund: Hinter dem Geschäft mit dem Pelz steckt oft schlimmes Tierleid.

Pelz im Trend

Aktivisten der Soko Tierschutz haben in der Münchner Fußgängerzone den Test gemacht. Alle 12 Sekunden läuft ein Passant mit echtem Pelz an seiner Kleidung vorbei. Der Boom der Pelzbranche ist den Tierschützern ein Dorn im Auge.

Vor 20 Jahren war Echtpelz noch out. Die Werbekampagne "Lieber nackt als Pelz" der Tierschutzorganisation Peta wurde damals weltweit bekannt. Heute ist echtes Fell wieder massenhaft an Mützen und Jacken zu finden. Immer mehr Designer verzieren mit Echtpelz ihre Kollektionen – inzwischen sogar die Frühjahrs- und Sommerkollektionen.

Falsche Kennzeichung

Umfragen ergeben, dass die meisten Pelzträger gar nicht wissen, dass sie echtes Fell an ihrer Kleidung tragen. Wie kann das sein? "Plusminus" hat im vergangenen Jahr die Verschleierungstricks der Hersteller und Händler aufgedeckt. So wurden zum Beispiel Jacken mit Pelzkragen mit "Fake Fur", also Kunstpelz, ausgezeichnet. Im Labor kam raus: Der Kunstpelz war echter Pelz vom Marderhund. Der Einzelhandel entschuldigte sich und versprach eine bessere Kennzeichnung.

Verstöße mehren sich

Ein Etikett in einem Kleidungsstück mit dem Buchstaben "P"
Etiketten sind oft falsch.

Ein Jahr später recherchiert "Plusminus" wieder bundesweit in Modegeschäften. Und wieder entdecken wir dutzende Verstöße gegen die europäischen Kennzeichnungsvorschriften und damit gegen das Gesetz. In vielen Fällen können die Kunden anhand der Etiketten nicht herausfinden, ob echter Pelz oder Kunstpelz an den Kleidungsstücken verarbeitet wurde. Bei einer Modekette in München bekommen wir durch den Verkäufer eine Jacke mit angeblichen Kunstpelzkragen angeboten: falsch. Es handelt sich um echten Pelz vom Waschbär. Das Ergebnis unserer Stichprobe ist noch schlimmer als im vergangenen Jahr.

Verbrauchertäuschung

Verbraucherschützer sind über die Tricks der Hersteller und Händler empört. Sie sprechen von einer gravierenden Verbrauchertäuschung der Mode- und Pelzindustrie. Ingmar Streese vom Bundesverband Verbraucherzentale ordnet die Lage ein: "Das liegt am starken Einfluss der Pelzindustrie, die Angst vor sinkenden Umsätzen hat. Denn wenn auf den Produkten 'Pelztier' drauf stehen würde, würden wahrscheinlich weniger Echtpelze verkauft werden, weil das Image von Echtpelz sehr schlecht ist. Und das liegt nicht im Interesse der Pelzindustrie."

Grausame Pelzproduktion

Denn oft kommt der Echtpelz aus riesigen Pelztierfarmen, zum Beispiel aus China. Tierschützer dokumentieren seit Jahren die grausamen Haltungsbedingungen. Die Tiere müssen in viel zu kleinen Käfigen leiden. Oft werden sie grausam getötet. Viele leben noch, wenn ihnen das Fell abgezogen wird.

Polarfuchs
Füchse leiden in Pelztierfarmen.

Aber auch in den USA und Europa werden Tiere wie Nerze und Füchse für die Pelzproduktion gezüchtet und gequält. "Plusminus" bekommt schockierende Bilder und Videos aus Pelztierfarmen zugespielt. Weltweit wird so viel echter Pelz produziert, dass die Preise immer weiter sinken, auch in Deutschland. Seit Jahren verstoßen hierzulande Pelztierzüchter gegen die Haltungsbedingungen: zu kleine Käfige, kaum Beschäftigungsmöglichkeiten für die Tiere und folglich keine artgerechte Haltung.

Fakenamen im Etikett

Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass die Verarbeitung von echtem Pelz immer wieder verschleiert wird. Wir beobachten neue Tricks und entdecken zum Beispiel, dass manche Kleidungsstücke mit echtem Fell mit seltsamen Namen ausgezeichnet sind. In einer Jacke steht beispielsweise "Murmasky" im Etikett. Was heißt das denn?

Verbraucherschützer Ingmar Streese klärt uns auf: "Das sind meist Fakenamen, um die Kunden in die Irre zu führen." Unter "Murmasky" verstehen die Händler das Fell des Marderhundes. Welcher Kunde soll im Laden darauf kommen? Auf Nachfrage kann meistens nicht einmal das Verkaufspersonal weiterhelfen. So werden immer wieder Verbraucher zu Pelzträgern, ohne dass sie es wissen.

Zu wenig Kontrollen

Pelz in Nahaufnahme
Echt- oder Kunstpelz – Kontrollen gibt es kaum.

Aber wie kann das sein? Wer kontrolliert die Textilkennzeichnung? "Plusminus" findet heraus: In Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen, Brandenburg und Schleswig-Holstein gibt es keine Kontrolle, die von den Behörden ausgeht. In vielen anderen Bundesländern ist die Kontrolle Aufgabe der Städte und Landkreise. Eine Auswahl angefragter Städte zeigt, dass keine von sich aus in den Geschäften kontrolliert. Nur in Bielefeld und in drei Berliner Randbezirken werden Geschäft vereinzelt überprüft. In Bayern, dem Saarland, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg finden lediglich Stichprobenkontrollen statt.

Freibrief für die Pelzindustrie?

Für Verbraucherschützer und Juristen ein Versagen der Kontrollbehörden. Tim Hoermann ist Anwalt für Wirtschaftsrecht und bemängelt: "Es gibt Händler, die jahrelang gegen das Gesetz verstoßen, ohne dass es irgendjemand merkt."

Die Mode- und Pelzindustrie kann offenbar machen was sie will. So bleibt den Tierschützern in der Fußgängerzone in München nur eines: Sie appellieren an die Verbraucher, keine Kleidung mit Pelz zu kaufen.

Bericht: Jan Zimmermann

(Stand: Ende Februar 2016)

Stand: 25.02.2016 09:33 Uhr