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Schlecht versorgt – Wie Kliniken an Dementen scheitern

PlayKonservierte Gehirne
Schlecht versorgt - Wie Kliniken an Dementen scheitern | Video verfügbar bis 20.01.2017

Ein Klinikaufenthalt wirft demenzkranke Menschen oft völlig aus der Bahn. Häufig geht es danach direkt ins Pflegeheim. Demenzstationen gibt es kaum. Für Krankenhaus-Betreiber sind Demenzpatienten offenbar nicht lukrativ. Patienten und Angehörige bleiben die Verlierer, wenn nur Marktgesetze greifen.

Nicht mehr wissen wo man ist, wer man ist, warum man hier ist. Ängstlich und hilflos – so fühlen sich ein Viertel der älteren Krankenhaus-Patienten, denn sie sind dement. Krankenhaus bedeutet Ausnahmezustand. Aber auch das Pflegepersonal wird auf eine harte Probe gestellt. Ein Pfleger erzählt: "Es gibt Frustration und Aggression, auf beiden Seiten." Die Ärztin Anke Nolte sagt: "Dann wissen sie sich nicht anders zu helfen, als zu sedieren und zu fixieren – unter Anordnung der Ärzte natürlich."

"Festgebunden, mit den Händen am Bett"

Rüdiger Klis pflegt seine demenzkranke Mutter. Richtig schlimm wurde ihre Demenz aber erst im Krankenhaus. Für sie begann dort eine eineinhalbjährige Leidenszeit. Immer wieder passierte Unfassbares: "Ich kam ins KKH und fand drei Töpfchen mit Novalgin-Tropfen drin neben dem Bett meiner Mutter. Und dann kam noch die Schwester und hat mir das vierte in die Hand gedrückt. Das ist für ihre Mutter." Eine Überdosierung des starken Schmerzmittels kann zum Tod führen. Einen ganzen Tag lang steht es neben der demenzkranken Frau. Insgesamt bekommt sie in dieser Zeit über 18 verschiedene Medikamente – oft ist sie nicht mehr ansprechbar.

Auch ihr Vater hat Alzheimer seit 17 Jahren. Erkannt werden möchte sie nicht, um ihre Eltern zu schützen. Unzählige Krankenhausaufenthalte liegen hinter ihnen, beinahe jedes Mal enden sie katastrophal, sagt Frau Unbescheid: "Und dann komme ich rein und sehe ihn festgebunden mit den Händen am Bett. Er lallt unverständlich und ruckelt die ganze Zeit nach vorne und hinten. Er wollte sich befreien. Ich habe mir bis heute nicht verziehen, dass ich nichts dagegen unternommen habe. Aber ich wusste einfach nicht was." Fixiert und mit Medikamenten ruhiggestellt, das ist für Demente im Krankenhaus keine Seltenheit. Sie funktionieren nicht im durchgetakteten Krankenhausalltag.

"Fallpauschalen machen zu viel Druck"

Wir sind in Stuttgart und treffen den Kranken-Pfleger Christian Hübner. Er ist bereit mit uns über das Problem aus Sicht der Pfleger zu sprechen: "Ich hab schon durchgeschnittene Infusionsleitungen erlebt, Ich habe tatsächlich einmal erlebt, das jemand mit Rollstuhl die Treppe runter gefahren ist, einfach weil man bei 15 Leuten oder 20 bis 30 im Nachtdienst nicht gewährleisten kann, die Leute zu überwachen. Das ist nicht machbar." Hübner sagt, dass die normale Pfleger-Ausbildung nicht ausreicht. Und die Fallpauschalen machen zu viel Druck: "Durch die DRGSs sind wir gezwungen möglichst schnell zu machen  damit kommt ein Demenzkranker nicht klar." Keine Zeit, denn die kostet. Eine Spritze oder auch nur die normale Untersuchung können so zur Geduldsprobe werden, jede Infusion, jeder Katheter zum Kampf.

Dieses Problem geht Sabine Kirchen-Peters wissenschaftlich an. Für eine Studie hat sie über 220 Krankenhäuser befragt. Der finanzielle Druck sei eindeutig zu hoch für gute Pflege, stellt sie fest: "Demenzkranke passen nicht in die Logik der modernen Akutmedizin. Moderne Krankenhäuser sind eigentlich Gesundheitsfabriken mittlerweile, es gibt ganz stark durchstrukturierte Arbeitsabläufe entlang der Krankheitsbilder und Fallpauschalen." Straffes Gesundheitsmanagement sowie Geld- und Zeitdruck herrschen.

Das Fazit der Studie

Für die Studie gaben 56,6 Prozent der Ärzte und Pfleger an, bei Dementen eine vorzeitige Entlassung zu forcieren. 51,5 Prozent setzen auf beruhigende Medikamente 22 Prozent  gaben zu, dass sie fixieren.

Kirchen-Peters führt weiter aus: "Für die Pflegekräfte eskaliert die Situationen immer dann, wenn die Demenzkranken an der Behandlung nicht mitwirken.“ Denn dann stören sie den systematischen Ablauf. Hinzu kommt: ein Krankenhaus bekommt für den Mehraufwand durch die Demenz nicht mehr Geld – sondern exakt genau soviel, wie für alle andere Patienten.

Hoher finanzieller und personeller Aufwand

Einen Ausweg aus der Misere hat Chefärztin Anke Nolte gesucht. "Plusminus" besucht die geriatrische Station im Krankenhaus Johannisstift in Paderborn. Der Neubau ist komplett auf Demenz abgestimmt. Neun Millionen hat die Klinikleitung für die zertifizierte Station in die Hand genommen. Alle Patienten des Krankenhauses über 75 Jahre werden von Anke Nolte auf Demenz untersucht.

Auf Demenz ausgerichtete Stationen

Sie erzählt: "Wir versuchen geriatrische Risikopatienten, zu denen auch Demenzpatienten gehören, durch ein Aufnahmescreening gleich in der Aufnahmesituation herauszufiltern." Dann kommen die Patienten so schnell wie möglich auf die demenzsensible Station. Hier kann auf die speziellen Bedürfnisse eingegangen werden: "Wir halten hier auch einen Tagesraum für die Patienten vor, hier werden auch Mahlzeiten gemeinsam eingenommen, was auch für Demenzpatienten wichtig ist, um ihnen eine Tagesstruktur zu geben."

Der finanzielle und personelle Aufwand in einer solchen Station ist hoch. Allerdings zahlen hier die Kassen auch höhere Fallpauschalen. Und natürlich geht es auch günstiger als hier. Dennoch sind es deutschlandweit nur 22 auf Demenz spezialisierte Stationen überhaupt. Sabine Kirchen-Peters unterstreicht: "Wir haben nicht das Problem, dass zu wenig Wissen über Konzepte vorliegt, sondern dass dieses Wissen von den Leitungskräften noch zu wenig angenommen und umgesetzt wird."

Wenn man das den Kliniken alleine überlässt, scheint es allerdings nicht zu funktionieren. Die Dementen werden schlicht vergessen.

Autorin: Diana Löbl

Stand: 21.01.2016 12:41 Uhr