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Etikettenschwindel bei Olivenöl – Von wegen beste Qualität

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Etikettenschwindel bei Olivenöl Von wegen beste Qualität | Video verfügbar bis 21.09.2017

Olivenöl nativ extra - das soll für beste Qualität stehen, für Premiumöle mit einwandfreiem Geschmack. Doch von Top-Qualität kann bei manchen Ölen aus dem Supermarkt keine Rede sein, wie eine Untersuchung von Plusminus zeigt. Der Etikettenschwindel bei Olivenöl ist seit langem bekannt. Doch warum kommt man den Panschern nicht bei? Plusminus war bei einer Razzia der italienischen Kontrollbehörden dabei und sprach mit einem engagierten Staatsanwalt, der den Herstellern den Kampf angesagt hat.

Eine Olivenölprobe wir aus einem Tank entnommen
Probenentnahme im Olivenöltank

Bei einer Razzia im Hafen von Livorno wird ein Frachter aus Spanien mit mehr als 500.000 Liter Olivenöl überprüft. Alles Topqualität? Die Kontrolleure sind skeptisch.

Lebensmittelkontrolleur Luca Veglia erläutert: "Die organisierte Kriminalität oder skrupellose Unternehmer versuchen, immer mehr zu verdienen. Deswegen verkaufen sie etwas, das nicht wirklich dem entspricht, was auf dem Etikett steht. Oder sie imitieren die Produkte."

Kampf gegen Ölpanscher

Seit Jahren versuchen die Behörden gegen gepanschtes Olivenöl vorzugehen. Mal wird natives Olivenöl extra mit anderen Pflanzenölen gemischt, mal mit minderwertigem Olivenöl, das vorher chemisch bearbeitet wurde.

Bei der Kontrolle erhärtet sich für die Kontrolleure der Verdacht: Minderwertiges Olivenöl, das als nativ extra ausgegeben wird. Es soll an einen namhaften italienischen Abfüller gehen, den wir nicht nennen dürfen. Ob die Vermutung der Fahnder stimmt, soll nun ein Labortest klären, denn nur der Test und die lebensmitteltechnische Analyse können eventuelle Unregelmäßigkeiten aufdecken, erklärt Lebensmittelkontrolleur Luca Veglia.

Lebensmittelchemiker Dr. Christian Gertz
Lebensmittelchemiker Dr. Christian Gertz

Uns wollen die Kontrolleure keine Probe des Öls mitgeben. Das erlauben angeblich die Vorschriften nicht. Doch unbemerkt haben wir etwas von dem Öl aus dem Hafen herausgeschmuggelt und wollen eine eigene Analyse machen lassen, in Hagen im Labor von Dr. Christian Gertz. Er hat ein spezielles Verfahren entwickelt, bei dem mehr Kriterien geprüft werden, als gesetzlich vorgeschrieben. Damit testet er das Öl aus Italien. In weniger als einer Minute wird klar sein, ob das Öl nativ extra ist oder nicht.

Palmöl statt Olivenöl

Der Lebensmittelchemiker erklärt, dass die Analyse ergeben habe, dass es sich nicht um reines Olivenöl handelt. Es sei vermutlich aus Portugal, aber enthält auch ungefähr 15 bis 20 Prozent ölsäurereiches Palmöl. Das ist zwar nicht gesundheitsschädlich, hat aber mit bester Qualität nichts zu tun. Nach seiner Analyse dürfte das Produkt nicht als natives Olivenöl extra verkauft werden. Entschieden aber wird das in Italien. Ob auch das Labor dort das Palmöl entdeckt? Auf die Antwort müssen wir lange warten.

Zu niedrige Standards?

Unterdessen treffen wir in Hamburg Conrad Bölicke. Er beobachtet den Olivenölmarkt schon lange. Sein Vorwurf: Auf Druck der Erzeugerländer wurden die EU-Standards immer weiter abgesenkt.

Der Olivenölexperte erklärt: "Diese Standards sind so niedrig, dass quasi jedes Olivenöl es eigentlich schafft. Und damit ist eigentlich jede Form von Differenzierung von Qualitätsstandards unter den Tisch gefallen. Und deswegen ist es so schwer, heute zu entscheiden, was ist nun gut, was ist schlecht."

Das heißt, obwohl nativ extra draufsteht, muss nicht unbedingt Spitzenqualität drin sein. Wir kaufen 20 Öle in Supermärkten und Discountern, von 5 bis 26 Euro pro Liter. Alle sind laut Etikett nativ extra. Lebensmittelchemiker Christian Gertz analysiert die Öle für uns mit seinem Verfahren.

Mindere Qualitäten beim Test

9 von 20 Olivenölen sind nicht fehlerfrei
9 von 20 Olivenölen sind nicht fehlerfrei

Das Ergebnis bei gleich mehreren Ölen: Minderwertige Qualität. Seiner Meinung nach sind das keine Qualitätsprodukte. Der Experte findet sogar Öl, dass firnig und ranzig ist, so genanntes Lampantöl. Bei uns schneidet das Bertolli-Öl Originale am besten ab, obwohl es bei anderen Tests schlechte Noten bekommen hat. Wie kann das sein?

Dr. Christian Gertz erläutert dazu: "Man darf nicht davon ausgehen, dass wenn ich eine Flasche soundso mit der Marke kaufe, dass die auch immer das ganze Jahr die gleiche Qualität hat."

In unserer Stichprobe sind neun von 20 Ölen nicht fehlerfrei. Bei den gängigen Tests laut EU-Verordnung sind sie aber alle durchgekommen und erreichen die Grenzwerte. Rein rechtlich also: Alles in Ordnung.

"Diese Grenzwerte kann ich in irgendeiner Form durch Mischung oder sonst was erreichen. Und trotzdem muss das Öl nicht qualitativ gut sein. Es kann auch mit anderen Ölen vermischt sein. Nicht nur Olivenöl, sondern auch mit anderen Pflanzenölen vermischt sein, ohne dass man das unbedingt mit dieser Methodik, die in der EU-Verordnung existiert, erkennen kann", erklärt Lebensmittelchemiker Dr. Christian Gertz.

Überraschende Ergebnisse aus Italien

Gestreckt mit billigen Pflanzenölen, so wie bei dem Öl aus dem Hafen von Livorno. Wochenlang haben wir auf das Ergebnis des italienischen Labors gewartet. Und Überraschung: Das Öl wurde als extra vergine eingestuft, also extra nativ, von Palmöl keine Rede.

Das wollen wir so nicht stehen lassen und fahren nochmal zu den Lebensmittelkontrolleuren nach Rom, zu Luca Veglia, der die Razzia im Hafen von Livorno geleitet hat. Als wir ihn mit unserem Ergebnis konfrontieren ist er überrascht. Er wisse nicht, was er sagen solle, doch die Laborresultate seien so. Man mache rund 6.000 Kontrollen im Jahr und entnehme etwa 1.000 Ölproben und nur bei etwa 4 Prozent finde man Unregelmäßigkeiten.

Das heißt, dass fast alle Proben angeblich in Ordnung sind. Auch auf mehrfache Nachfrage wollen uns die Behörden keine weitere Probe aushändigen. So werden wir nie erfahren, was in Italien wirklich getestet wurde.

Immerhin ermitteln einige Staatsanwaltschaften, beispielsweise in Turin, inzwischen gegen die Olivenölindustrie. Erste Erfolge gab es schon und Geldstrafen gegen verschiedene Händler, unter anderem gegen Lidl und den Hersteller von Carapelli und Bertolli.

Raffaele Guariniello ist einer der Vorkämpfer gegen die Betrüger. Der ehemalige Staatsanwalt hält Geldstrafen nicht für ausreichend, sondern: "Man muss auch die zur Verantwortung ziehen, die an der Spitze der Industrie stehen. Nicht nur die, die keine Rolle in den Unternehmen spielen. Das heißt, man muss auch über Freiheits- und Haftstrafen nachdenken."

Doch daran ist im Moment genauso wenig zu denken, wie an strengere Regeln und bessere Kontrollen in Europa. Dabei sind andere Länder wie Australien, Neuseeland und Kalifornien längst weiter und haben die Grenzwerte verschärft.

Für die Verbraucher hierzulande wird aber weiter unklar bleiben, ob eine Flasche Olivenöl ihren Preis wirklich wert ist.

Olivenölflaschen und ein Löffel mit klarem Olivenöl
Gutes Olivenöl erkennen?

Gutes Olivenöl erkennen

Für die Gesundheit der Verbraucher soll der Etikettenschwindel keine Folgen haben, sehr wohl aber für deren Geldbeutel. Olivenöl extra vergine oder auch native extra ist in der Regel 30 Prozent teurer.

Doch was steckt hinter den Begriffen?

Nativ extra oder extra vergine bezeichnet Olivenöle der ersten Güteklasse. Es ist in der europäischen Olivenöl-Ordnung als das beste Olivenöl definiert. Das Öl muss hierfür fehlerfrei im Geruch und im Geschmack sein. Diese sensorischen, aber auch die chemischen Anforderungen werden von EU-Verordnungen festgelegt. Olivenöl nativ extra wird ausschließlich mit mechanischen Verfahren gewonnen. Das bedeutet es kommen keine Chemikalien zum Einsatz.

Natives Olivenöl ist Öl der zweiten Güteklasse. Diese Kategorie wird bereits bei leichten sensorischen Fehlern zugeordnet.

Weist das Öl deutliche sensorische Fehler auf, ist zum Beispiel ranzig oder riecht muffig, dann wird es als Lampantöl eingestuft. Dieses Öl ist nicht zum direkten Verzehr zugelassen und muss daher raffiniert werden. Erst dann darf es vermischt mit einem nativen Olivenöl unter der Bezeichnung "Olivenöl" vermarktet werden.

Auch der Preis kann ein Indiz sein. Doch man muss beachten, dass billiges Öl nicht immer schlecht ist und teures Öl nicht unbedingt immer toll sein muss!

Gutes Olivenöl erkennt man nur am Geruch und Geschmack: Es sollte etwa nach frischer Frühlingswiese riechen. Wenn sie es pur probieren, muss es im Mund Bitternoten entwickeln und im Hals eine Schärfe haben. Die Bitternoten und die Schärfe können unterschiedliche Ausprägungen haben - von eher mild, bis intensiv-fruchtig. Aber ein gutes Olivenöl muss immer leichte, bis intensive Bitternoten haben und eine leichte, bis intensive Schärfe im Hals entwickeln.

Tipps zum Olivenölkauf:

Achten Sie darauf, ob eine genaue Herkunftsbezeichnung auf der Flasche steht oder ob nur ungenaue Angaben wie etwa "Mischung von Olivenölen aus der Europäischen Union" angegeben ist. Hier wissen Sie als Verbraucher nicht, woher das Oliven herkommen. Bei hochwertigen Anbietern ist auch die Olivensorte angegeben.

Olivenöl ist ein Produkt, das möglichst schnell konsumiert werden sollte. Auf manchen Ölen steht deshalb inzwischen auch das Erntejahr. Einige wenige Hersteller nennen auch das Abfülldatum.

Ein Zeichen für gute Qualität ist auch, wenn ein Hersteller genannt wird.

Am sichersten sind Sie als Verbraucher, wenn Sie direkt von Erzeugern kaufen. Öl von Erzeugern können Sie auch über das Internet bestellen.

Stand: 23.11.2016 14:12 Uhr